Spaziergang ins Irrationale

Heute bin ich erneut über eine nervige Frage gestolpert. Ein lebender Mensch weiss angeblich: Jenseits der Zeit liegt ein dunkles Land, ein Thule, geheimnisvoll, mystisch, voller Wunder. Es sei die Heimstatt der Nacht, erzählt Edgar Allan Poe.
Man sagt auch, Thule läge 6 Tagesreisen westlich von Britannien mitten im Ozean und sei untergegangen. Dies ist wohl eine Phantasie der Wikinger, denke ich, denn ich weiss, Thule liegt 20 m nördlich meiner Grundstücksgrenze, und mein Nachbar hat drüber gebaut.
Keine Kritik bitte. So bin ich nun mal.

Jenseits der Zeit liegt nach meinem Verständnis anderes Geheimnisvolles, über das wir genauso wenig wissen wie über das sagenhafte Thule: Es ist die Ewigkeit! Sie ist unendlich und zeitlos. Es gibt vermutlich nur eine Entität, die diese Adjektive zu Recht mit sich trägt: Das ewige Nichts.

Während Thule noch meine Phantasie befügelte, weckt das Nichts den Pragmatismus in meinem Innern. Nichts gedeiht im Nichts. Alles Gedeihen braucht das Diesseits. Seine Grenze zum Jenseits beträgt maximal eine Sekunde.

Für die Lebenden ist das Nichts ein fürchterlicher Ort. Manche beginnen beim Nachdenken darüber zu phantasieren, andere zu philosophieren, und noch andere werden religiös. Sie füllen die Leere des Nichts mit imaginärem Inhalt so, wie man ein übles Brötchen aus der Fabrik mit üblem Bierschinken belegt und sich dann einbildet, man hätte eine Wurstsemmel auf dem Teller. Garstig, dieser Vergleich, nicht wahr? Geht es doch um die Seele des Menschen …..

Ach ja, die schon wieder! Dieses undefinierbare Ding aus der Gefühlswelt! Muss sie gut, oder kann sie auch böse sein? Kann man sie kaputt machen? Kann ich ihr anlasten, wenn ich unter einer Adipositas permagna leide? Wie? Keine Antwort? Zum Kuckuck, was soll ich dann damit?

Vergiss alles. Du wirst das Ding nicht los. Es klebt an Dir wie mit Pattex hinzugefügt und es wirkt so:

Ein japanischer Grossvater wurde von seinem 5-jährigen Enkel befragt, wie lange die Ewigkeit dauere. Er dachte lange nach und antwortete schliesslich: „Wenn sich ein Zaunkönig auf dem Gipfel des Bergs Fujiyama niederlässt, und seinen Schnabel am Fels da oben einmal hin, und einmal zurück reibt, sodass der Wind zwei neue Sandkörner wegträgt, dann ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen.“

Der kleine Junge wird sein Leben lang an Opa’s Erzählung denken, und wenn sein Lebensende naht, so wird er nach dem Fujiyama schauen, an einen Zaunkönig denken und mit der Gewissheit sterben, dass es noch lange dauern wird, bis er vor dem Nichts steht. Und vermutlich wird er nicht wissen, dass ein Stück von Opa’s Seele seinen Lebensweg begleitet hat.