Ein Naturwunder

Ich bin mit Möhren schrappen beschäftigt. Schrappen meint Schälen. Jede Hausfrau kennt das. Jeder Mann natürlich nicht. Also nicht jedermann. Ich schon. Oben das Kraut abschneiden, unten die Spitze entfernen, und dann mit dem Sparschäler rundum Streifen runterschneiden, bis die Möhre nackt auf dem Tisch liegt.

Für Männer: Das ist richtige Arbeit. Und es ist wie Schwein schlachten und die Borsten entfernen. Dann kann man das Schwein, oder hier die Möhre weiterverarbeiten – besser noch beides, dann ergibt sich ein wunderbarer Möhren-Eintopf mit Schweinebauch, oder ähnliches.

Nun, heute fehlt mir das Schwein, und ich begnüge mich mit Möhren. Der Job ist ein wenig stupide. Ich versuche zu meditieren – gelingt nicht. Ich muss mein Hirn irgendwie beschäftigen. Singe lautlos „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Dieser alte Sozialistensong reicht nur für eine Möhre. Ich benenne sie um in Karotte, nur um fetszustellen, dass das nicht mein Problem löst. Irgendwas muss her, irgendetwas, wofür ich keine Hände brauche. Meine Pfoten sind mit Karotten beschäftigt. Dann habe ich plötzlich ein besonders schönes Exemplar Möhre in der Hand.

Ich lege sie vorsichtig vor mir auf den blanken Tisch, und zupfe das grüne Kraut zurecht. Dann gehe ich nach nebenan und greife mir ein Tütchen Möhrensamen.“ Gelbe Lange“ steht drauf. Ich lasse den Inhalt auf ein weisses Blatt Papier rieseln und lege meine Muster-Möhre daneben. Gedankenverloren schrappe ich weiter an diesem Gemüse herum und schaue immer wieder auf den Samen, diese unscheinbaren Krümel, und was draus werden kann. Ich verstehe nichts.
Wie machen die das? Irritiert stelle ich fest, dass meine Anordnung nicht komplett ist. Rasch hole ich eine Handvoll Erde aus dem Garten und ein Glas Wasser aus der Küche. Mein Arrangement ist nun nahezu vollständig – anstelle der Sonne schalte ich meine Schreibtischlampe an. Nun fehlt nichts mehr. Die Samenkörner, die Erde, das Wasser und die Sonne sind die Zutaten für diese schöne Möhre. Zugegeben, nun bin ich ein wenig von der Rolle geraten. Was da vor mir auf dem Schreibtisch liegt, macht mich ratlos. Es ist ….. es ist einfach ein Wunder.

So habe ich es nie gesehen, wenn ich meinen Möhreneintopf mit Schweinebauch gegessen hatte. Und irgendwwann habe ich die letzte Möhre verarbeitet, und dabei fällt mir ein, dass in den Feldfrüchten auch noch die Arbeit, und damit ein Stück Leben eines Bauern stecken muss.


Ich schaue auf meine geputzten Möhren, und es wird mir ein wenig seltsam zumute.