Glück gehabt

Öffne die Augen !Aha, denke ich, eine innere Stimme! Ein Spuk? Nein, nichts weiter als ein Instinkt – ich gehorche. Sehe eine weisse Zimmerdecke. Gütiger, denke ich, wie unterhaltsam, und schliesse die Augen wieder. Aber ich bin wach. Meine Sinne beginnen, sich zu aktivieren. Darum höre ich eine Maschine, die zu meiner Rechten arbeitet. Man hat mich irgendwie mit ihr verbunden. Ich muss mich umschauen. Also öffne ich erneut die Augen und starre auf die weisse Wand gegenüber. Auch ohne Brille erkenne ich eine Strukturtapete, die sich dort in ständigem Fluss nach oben bewegt, zur Decke hin, ohne Falten zu schlagen, und sich in ein Nichts auflöst. Nanu, denke ich, eine Tapete fliesst irgendwo hin, und das, ohne die Schwerkraft zu beachten – das hat es noch nie gegeben, also halluziniere ich. Habe ich versehentlich irgendwelche Pilze gegessen? War gestern abend etwas in meinem Bier? Ich stelle hilfsweise fest: Es ist mir für den Moment gleichgültig.

Plötzlich steht eine fremde Frau an meinem Bett. Sie sieht aus wie eine Schwester. Ich dekliniere wie blöd. Ist nicht meine Schwester. ich habe keine. Sieht auch nicht wie ein Pinguin aus, ist also keine Nonne. Sie trägt einen weissen Kitten mit einem Schildchen, das sie als Christine ausweist. „Hallo, Herr Risch! Schön, dass Sie wieder wach sind!“ Ich deute auf die Wand und reklamiere, dass die Tapete nach oben fliesst. Sie meint dazu, das sei nicht zu ändern, und der Spuk würde von selbst verschwinden.

Christine nimmt die Bettdecke hoch und schüttelt sie zurecht. Das tut sie auffällig lang. Ein Mann tritt hinzu, sein Schildchen weist ihn als Doktor Baumann aus. Während ich mich frage, was nun kommen mag, schaue ich auf meine Beine. Vielmehr schaue ich dorthin, wo welche sein sollten – und keine sind. Ich sehe nur zwei dick verbundene, kurze Stümpfe, und schliesse rasch die Augen. Es hilft nicht. Ich spüre meine Tränen. Entsetzen hat mich fest im Griff, doch ich schaffe es, zu fragen: „Was ist geschehen?“