Nabelschau (Fortsetzung)

Ja, ich gestehe freimütig, dass ich zur Nabelschau neige. Und ich bin dreist genug, mich auf berühmte Persönlichkeiten zu beziehen, die in gleicher Weise oder gar exzessiv diesem Verhalten verfallen sind. Martin Luther gehörte zur Gilde, Napoleon ebenso, wie aktuell Donald Trump und Boris Johnson. Nabelschau, das ist die narzisstische Beschäftigung mit sich selbst; man ist selbstgefällig, selbstverliebt und selbstzufrieden.

Was sagte ich eingangs? Yeap, ich neige dazu. Das ist vermutlich der Grund, weshalb ich mich in meinem Blog ausbreite und darstelle, bis das letzte Hemd gefallen ist. Dann werde ich wohl verstummen, oder ich greife mir einen Nachbarn, um ihn mit Worten nass zu machen!
Meine aktuelle Situation lässt allerdings die weltpolitische Bedeutung meiner Person vermissen. Ich bin in dieser Beziehung sehr nachlässig gewesen und habe nun einiges aufzuarbeiten.

Heute will ich allerdings meinen Bürosessel würdigen. Ja, das ist mir wichtig. Dieses unbeseelte Stück Möbel gleicht mir auffallend. Natürlich nicht in der Gestalt. Wer mich kennt, würde mich nicht als stuhl-ähnlich charakterisieren. Was ich meine ist die Tatsache, dass der Sessel alt ist, dass sein Gestell klappert, dass er unbequem ist, also ein Fehlkauf war, und dass er tapfer durchhält, auch wenn er gegen eine Wand gefahren wird. So sind wir beide, er und ich. Wir leben in Symbiose. Ich nenne das so, obwohl er kein lebendes Wesen ist, aber als unbelebtes Wesen nützlicher als jeder Hundefloh. Und der ist bekanntlich wiederum sympathischer als jeder Trumpist, jeder Neo-Nazi. Das nur nebenbei.

Ich gestehe, dass ich mit meinem Bürosessel auch ein Problem habe. Ich bin semantisch schlicht überfordert. Folgendes: Es geht um das innige Verhältnis zwischen ihm und mir. Ich bin als lebendes Wesen grösser als er. Ergo nenne ich mich Wirt, und ihn Symbiont. Nun wird diese schöne Klarheit gestört durch den Umstand, dass ich in ihm praktisch wohne, und diese Bleibe nur in dringenden Fällen verlasse. Wenn er mich also beherbergt, müsste ich ihn Wirt nennen, und mich Symbiont. Und diese Lesart ist nicht kompatibel mit meiner Wesensart, meiner narzisstischen Ader. Ist das Problem klar geworden?

Selbstredend muss eine Lösung her. Wer immer in eine solche oder ähnliche Situation kommt, möge tun, was ich nun tue. Es hilft der „Blick über den Gartenzaun“. Hier:
Wer stellt mir das Essen vor die Nase? Ich.
Wer bringt mir ein Bier als Schlummertrunk? Ich.
Wer entkorkt den Rotwein? Ich.
Wer macht den Abwasch in der Küche? Ich.

Wer ist also der Wirt? ….. na bitte. Es geht doch!