Der Wald und ich

Wer hat dich, du schöner Wald,
aufgebaut so hochda droben?
Wohl, dem Meister will loben,
solang noch mein Stimm‘ erschallt,
wohl, den Meister will ich loben,
solang noch mein Stimm‘ erschallt.
Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl,
lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl
du schöner Wald!
Lebe wohl, lebe wohl, du schöner Wald!

Klimawandel, Luftverschmutzung, der Borkenkäfer und schlechte Forstwirtschaft haben bewirkt, dass Josef von Eichendorff bereits im 19. Jahrhundert einen vorausschauenden Abgesang auf den deutschen Wald verfasste; Felix Mendeslsohn-Bartholdy komponierte dazu eine ergreifende Melodie – es wird mir warm ums Herz, wenn ich an meine Zeit als Chorsänger und Lieder wie dieses zurückdenke. Aber die Zeit! Sie schreitet voran, und in der mir eigenen Art, die von einem speziellen Wahnsinn geprägt ist, assoziiere ich:

Wer hat Dich, Du dicker Mann
aufgebaut ……
lebe wohl, lebe wohl, Du dicker Mann!

Nun, ich bin um eine Antwort nicht verlegen. Meine Mutter war eine harte, scheinbar lieblose Person und sie wollte mich schon im Kleinkind-Alter umbringen, indem sie mich mit Griesbrei, Puddings und Milchreis gefüttert hat. Aber ich war in den Widerstand gegangen, in die Resistance, und bin nicht tot geworden, sondern nur dick.

Ich war noch jung, eben mal 56 Jahre alt, als ein Arzt des Medizinischen Dienstes mich begutachtete. Er formulierte am Ende seiner Untersuchung drei wichtige Aussagen. Nummer 1: Herr Risch, Ihre Krankengeschichte reicht für 7 Leben! Nummer 2: Sie sind nicht mehr arbeitsfähig. Ich schreibe Sie jetzt erwerbsunfähig. Nummer 3: Jetzt trinken wir einen Cognac.
Es folgte eine höchst amüsante halbe Stunde, denn wir funkten auf derselben Wellenlänge.
Und heute? Dieser Doktor ist tot, und ich lebe immer noch. Verkehrte Welt, nicht wahr?

Nun hat sich mit dem C-Virus ein neuer Gegner auf die Lauer gelegt. Nach allem, was wir über sein Gefährdungspotential wissen, bin ich erledigt, wenn es mich erwischt. Allein dieser Gedanke ist schon hochkomfortabel, denn mit den Spätfolgen einer C-Infektion möchte ich nicht weiterleben müssen. Nun hatte ich neulich bei mir typische Symptome registriert. Aha, dachte ich, nun hat er Dich doch erwischt, der kleine Saukerl! Leg schon mal den schwarzen Anzug raus und ein weisses Hemd, damit Du ordentlich angezogen in den Ofen gehst!

Es war vergebliches Bemühen. Am dritten Tag waren die Symptome weg. Ich hatte wohl keinen Besuch von C, sondern von irgendeinem Bakterium. Immerhin tobt hier ständig irgendwer vom Pflegedienst herum. Und sie haben nun mal viele Kranke zu versorgen, da bleibt sicherlich auch mal etwas an den Fingern kleben.

Ich hatte vorne von speziellem Wahnsinn gesprochen, und hier stelle ich amtlich fest:

Ich bin krank,
und auf ein Minimum Leben reduziert,
mehrfach behindert –

und es geht mir gut.

Das ist kein Understatement. Aber man darf sich schon fragen, wie das zusammengeht. Wie wohl?
Auch dazu habe ich eine Antwort parat. Ich zitiere aus Albert Lortzing’s „Zar und Zimmermann“:

„Oh, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht!“

Ok, das klingt nun doch sehr grosspurig, ich weiss das. Aber es gilt doch, dass ich mich nicht selbst um den kleinen Rest meiner Lebenszeit betrüge, indem ich der Trostlosigkeit Raum verschaffe, und deshalb auch vieles Negative gelassen hinnehme. Ausserdem hat es einer der vielen Götter um uns herum mit mir gut gemeint, indem er mich mit einem automatisch arbeitenden Optimierungsmechanismus ausgestattet hat, der, vereinfacht dargestellt regelt: Wie, Du kannst nicht mehr laufen? Dann fahre, Du Hirsch, und beklage Dich nicht! Das Leben ist ok! Auch Deines, dicker Mann! Wenn Du zweifelst, so mache eine Flasche Riesling auf. Der Wein wird Dich etwas lehren, denn Du weisst: Im Wein liegt Wahrheit und Weisheit! Koste sie, koste es was es wolle! Fahren ist schön, Du Depp!

Warum schreibe ich einen solchen Text? Leider bin ich nicht Superman, und so mache ich Fehler. Wie alle. Darum passiert es auch mir, dass ich mich mit Krümel-Kack beschäftige und das Wesentliche nicht mehr beachte. Ich nenne dies einen Kardinalfehler, und ich bin dem Schicksal dankbar, dass es mir meine Optimierungsroutine eingerichtet hat. Sie bringt mich stets zurück in die Spur.

Vielleicht haben alle Menschen diese segensreiche Mechanik, und sie ist nur abgeschaltet? Mit Verlaub gesagt: Dann ist es schade um den guten Riesling. Leitungswasser ist deutlich preiswerter und genauso feucht.