Von Aristoteles zum Pausenbrot – eine kleine Reise

Von Nach Lysipp – Jastrow (2006), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1359807

Die sittliche Erziehung ist umso wichtiger,
weil der Mensch,
je mehr er bloss intellektuell gebildet ist,
ohne von Tugend etwas zu wissen,
desto eher zum ungerechtesten
und wildesten aller Wesen ausartet,
eben weil ihm sein überlegener Verstand
nunmehr Waffen in die Hand gibt,
anderen zu schaden.

(Aristoteles, 384 bis 322 v. Chr.)

Ich kenne niemand, der dieses Bonmot nicht unterschreiben würde. Doch Ari dachte noch ein Stück weiter. Er stellte fest, dass man ein Leben als „geglückt“ bezeichnen kann, wenn der Mensch die Möglichkeiten, die in ihm stecken, verwirklicht hat. Dabei hatte er wohl vor allem das im Sinn, was man in seiner Zeit unter Tugend verstand. Dazu muss man beachten, dass „Tugend“ von „taugen“ abgeleitet ist. Somit wurden Werte wie Tüchtigkeit und Kraft definiert.
Platon hatte wohl genug von philosophischer Deutung des Begriffs Tugend und formulierte die Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Bescheidenheit.

Erst im Mittelalter drehte man erneut an der Schraube und formulierte um in moralische und christliche Werte. Federführend für die sittliche Vollkommenheitsforderung war wieder mal ein Deutscher, ein Benediktinermönch, Gastarbeiter in der Schweiz, in Sankt Gallen: „Notker III. der Deutsche“ genannt. Er hat im 11. Jahrhundert Aristoteles ins Althochdeutsche übersetzt und dabei die Tugend als Gegensatz zur Sünde formuliert, also sauber christianisiert.

Keiner der Baumeister konnte verhindern, dass der Begriff Tugend inflationäre Züge angenommen hat. Tugendkataloge gibt es in grosser Zahl. Selbst für die Informationstechnologie werden sittliche Normen definiert, wie z. B. der Datenschutz. Die moderne Art des Umgangs mit den Tugenden ist, um sie zu wissen, sie als erstrebenswert zu erkennen und dennoch beliebig damit umzugehen: Wenns zum Nachteil führt, lieber ignorieren! Oder auch: Ein tugendhafter Mensch ist immer ein Trottel. Die Missachtung der Tugenden ist, wie man etwas vulgär im Alt-Irischen sagte, „Cacc for enech!“ For enech meint ins Gesicht, der Rest erklärt sich bei der Aussprache.

Gestern hatte ich zwei Brötchen auf dem Teller, die fühlten sich an wie ein ausgeleierter Spülschwamm. Da kriegste keine Butter drauf, wenn diese aus dem Kühlschrank kommt, und beim Anfassen faltet sich das Semmel-Imitat zusammen wie ein handgeschöpftes Blatt Papier A 6. Wie steht es nun um die Tugenden des Bäckerhandwerks, und die dieses Verbrechers, der sich Bäcker nennt? Hat er im Strassenbau gelernt? Er bot unlängst Erdbeerkuchen an, der war lückenhaft mit dünnen Erdbeerscheibchen belegt. Das bedeutet, dass er 3 Erdbeeren verwendet, um 4 Stücke Kuchen zu belegen. Eine 3/4 Erdbeere pro Kuchenstück. Und nun?

Da kommen Heerscharen von Philosophen, Geistlichen, Politikern und Gesellschaftskritikern und weiss der Teufel wer sonst noch, und die Präsidenten der Bäckerei-Innung angerauscht und schwadronieren über die sittlich-moralische Ausrichting auch des Deutschen Bäckerhandwerks im Bestreben, den Kunden erstklassige Qualität anzubieten, die dann aus üblen polnisch-katholischen Brötchen-Rohlingen herausgequetscht werden soll. Stop!

Ich glaube, ich bin nun ein wenig entgleist. Man muss einfach akzeptieren, dass der Mensch zu allen Zeiten Webfehler hatte, die auch zu Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit führten. Diese Binsenweisheit verführt dazu, das Thema unfertig zu beenden. Sehr bequem, nicht wahr?
Aber nicht mit mir. Wer hat die Aufgabe, einem Kind z. B. Ehrlichkeit beizubringen? Eltern lassen sich von ihren eigenen Kindern bestehlen! Ich weiss das, denn ich habe meinen Eltern auch Geld gestohlen, wenn mein Taschengeld nicht reichte. Und sie haben nichts bemerkt.
Es sind Leute, die, hart befragt, der Meinung sind, dass die Grundwerte durch die Schule vermittelt werden sollen. Lehrer müßten also dafür sorgen, dass ein 13jähriger es unterlässt, seinen Eltern einen 10-oiro-Schein aus dem Portemonnaie zu ziehen. Geht’s noch, Leute?

Nur nebenbei: Die Schule erzieht nicht. Sie vermittelt Wissen und Fähigkeiten. Die erzieherischen Massnahmne an den Schulen sind nur organisatorischer Art und haben die Aufgabe, die Wissensvermittlung im Klassenverband möglich zu machen. Die Sozialisation der Kinder ist Aufgabe der Eltern. Tja, und dafür brauchen wir wieder einen Wertekatalog, nicht wahr? Er würde die Erziehungsziele definieren!

2 Antworten auf “Von Aristoteles zum Pausenbrot – eine kleine Reise”

  1. Ich bin auch immer etwas verwirrt, wenn Eltern tatsächlich erwarten, dass Lehrer Kinder nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen sollen – 25 bis 30 an der Zahl. 25 bis 30 Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und sehr variable verinnerlichten Tugenden. Aber meist sind das auch die Eltern, die viel zu wenig Zeit haben, ihre Kinder selbst tugendhaft zu erziehen – Arbeit und Selbstverwirklichung und so.

    Teilweise fehlt es den Eltern ebenso an ausreichen Tugend, wie sollen sie das dann weitervermitteln?

    Ein Erzeihungskatalog – oh nein, das wäre ja ein Eingriff ins Erziehungsrecht. Vor allem geht solch ein Katalog ja gegen die neue Erziehungsauffassung: du kannst sein wer du willst…probiere alles aus…fühl dich frei in deiner Entwicklung…egal, ob dein Ego gerade die Rechte anderer verletzt und sei es ein Papierbrötchen, dass du als Qualität verkaufst – die Menschen gewöhnen sich schon an dieses niedrige Niveau.

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    1. Ich habe es mir bei einem schwierigen Thema sehr leicht gemacht. Tatsächlich darf man einen jungen Menschen in der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit nicht behindern. Aber man darf bzw. man muss Einfluss ausüben, um zu sozialisieren, sie also für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft vorbereiten. Es geht dabei nicht um einen Erziehungskatalog; die biblischen 10 Gebote sind das nicht, die Kardinaltugenden auch nicht. Die Beachtung von Verhaltensnormen sind nun mal wichtig für ein friedliches Zusammenleben in einer Gemeinschaft.

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