Ein Blick hinter die Kulisse

Was auch immer ich an Haut zeige – es hat die Farbe jenes Kriechtiers, das nicht ans Tageslicht kommt, unter der Erde im Wasser lebt und ganz schlechtes Sehvermögen besitzt – der Grotten-Olm. Ich habe keinerlei Bedürfnis, die Sonne zu sehen, sondern bin mit Licht gut versorgt, solange die Lampe im Kühlschrank brennt und eine Chorizo-Wurst gut ausleuchtet. Natürlich bin ich bemüht, mein Erscheinungebild zu komplettieren, indem ich bevorzugt schwarze Klamotten trage. Schaue aus wie ein Mehlwurm in Trauer. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, eher gespenstisch zu wirken, und dies selbst dann, wenn ich in der Nacht in dunklen Räumen nach Delikatessen oder Naschwerk suche. Ansonsten geht hier das Gerücht, dass ich nicht in Betten schlafe, sondern von der Zimmerdecke kopfüber abhänge und schnarche.

Derartige Gerüchte lassen mich kalt. Ich weiss, wer und was ich bin, aber keinesfalls Dracula oder einer aus seiner Verwandtschaft. Ich nasche keine Stubenfliegen, sondern die Schoko-Riesenbonbons von Firma XXX (Produktplacements nur gegen Entgelt), und Blutwurst war noch nie mein Ding. Aber leider ist es mir nicht gelungen, die Nachbarn von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen – sie meiden mich wie der Teufel das Weihwasser. Das mag daran liegen, dass sie die Finsternis meiner Höhle nicht gerade schätzen und beharrlich auf Sommersonnentage stehen. Wenn ich das Bedürfnis verspüre, mit ihnen einige Worte zu wechseln, so muss ich das Haus verlassen und mich durch die Helligkeit des Tags quälen. Das ist nicht gerade angenehm für mich, mit meinem durch Herpes-Viren geschädigten Trigeminus-Nerv. Zugegeben, mit Sonnenbrille sehe ich ein wenig aus wie ein Mafioso der ‚Ndrangheta aus Calabrien. Wenn ich dann noch mein Taschenmesser aufklappe und den Griff aus fossiler Moor-Eiche spielerisch über dem Handteller kreisen lasse, sehe ich gefährlich aus. Aber nur bis zur nächsten Windboe. Dann schwankt der „Baum“, als hätte ihn ein Tornado erwischt, und er muss sich am Briefkasten festhalten.

Wenn ich in Anfällen von Spendierlaune ein Bier anbiete, kriege ich meist eine Absage. Die Menschen von nebenan wissen, dass man bei mir kein Flens in der Beugelbuddel bekommt, sondern ein dänisches Starkbier in Dosen. Ich stimme den Nachbarn zu. Bier aus der Dose trinken ist für Proleten und ihre Epigonen gedacht, nicht für zivilisierte Menschen. Und genau darum, und damit ich keine Gläser abwaschen muss, trinke ich für gewöhnlich ein Bier aus der Blechkanne. Besser gesagt, ich versuche es. Meist schütte ich mir dabei den ersten Schluck in den Kragen. Ich bin eh ein grosser Schütter. Neulich habe ich mir aus Versehen am Wasserhahn in der Küche kaltes Wasser in den rechten Ärmel meiner Vlies-Jacke gegossen. Das war so schockierend, dass ich für 15 Minuten die Sprache verloren hatte. Ehrlich, das geht! Ich kann das!

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