Leichtes, schwer gemacht

Heute ist Sperrmüll-Tag. Am Strassenrand hat man einen Berg aus Dingen aufgebaut, deren einzige Aufgabe gewesen ist, als Ballast Wohn- und Arbeitsraum zu beanspruchen. Man spricht von Entrümpelung, eine Wortwahl wie Vorschlaghammer oder Kartoffelschalen. Es ist schwierig, auch nur einen Hauch von Poesie des Alltags zu erkennen. Dabei ist das Ziel der Massnahme, der Leichtigkeit des Seins ein kleines Stückchen näher zu kommen. Moment, ich suche nach einer verständlichen Analogie ….. nehmen wir eine Hose, die zu eng geworden ist. Man steigt hinein, und die Luft wird knapp, weil das Atmen behindert ist. Man steigt aus dieser Hose und atmet wieder frei. Weils mir gerade auffällt: Hosen werden nicht eng. Bäuche werden dick! Es ist typisch für die menschliche Rasse, mit Schuldzuweisungen das eigene Weltbild aufzuhübschen. Das nur nebenbei. Hosen verkraften Ungerechtigkeit problemlos – Menschen dagegen nicht.

Unrecht lastet doppelt schwer auf der Seele. Und schon bin ich wieder in meiner Spur. Wer sich auf die Suche nach der Leichtigkeit des Seins begibt, hat Schwerstarbeit zu bewältigen. Man muss Ballast abwerfen, also alles, was belastet, sei es eine alte Matratze oder ein Unrecht. Man wird feststellen müssen, dass man nicht alles los werden kann. Das bedeutet, Prioritäten neu zu bestimmen und Zustände anders zu bewerten, also mit alten Gewohnheiten zu brechen. Man ackert wie ein Pferd, sieht kleine Erfolge, Stolz und Zufriedenheit wachsen still, aber merklich – bis das Leben wieder zuschlägt und einiges zunichte macht. Irgendwann versteht man, dass man auf einem Irrweg gewesen ist, der zu nichts weiter führt als zu einer Fata morgana. Nun wandelt man durch das Tal der Tränen und hofft auf Hilfe, um der Misére zu entrinnen, bis man endlich versteht, es dem Freiherrn von Münchhausen gleich zu tun, der sich am eigenen Schopf aus irgendeinem Schlamassel gezogen hat.

Damit begibt man sich unweigerlich in eine neue Dimension. Man löst sich von der materiellen Ebene und wechselt in die Welt des Geistes. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Brüder, zum Lichte empor! Hell aus dem Dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor!“ So sangen die Sozialdemokraten in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg – bis in meine Kindheit. Diese erste Strophe eines Sozialistenlieds ist nichts weiter als eine Aufforderung, sich auf den Weg zu machen zu einer Zukunft, in der die Leichtigkeit des Seins spürbar wird und die seelische Wunde heilt, welche der Krieg hinterlassen hatte.

Nun könnte man geltend machen, dass in Friedenszeiten Derartiges entbehrlich sei. Auf den ersten Blick, und weil man sich danach sehnt, möchte man dieser Sichtweise unbedacht zustimmen. Das wäre allerdings leichtfertig geurteilt, und einfach falsch. Auch heute finden Kriege statt. Jener Krieg, der unser Leben bestimmt, ist der zwischen Kapitalismus und dem bürgerlichen Sozialismus. Dieser Krieg ist für die Bürger bereits verloren. Sie werden langsam, aber sicher in eine Lohnsklaverei gezwungen. In dieser Situation ist es lächerllich, nach der Leichtigkeit des Seins zu suchen. Sie wird scheinbar zum Privileg der Geld-Elite – diese hat jedoch ihre eigenen Kämpfe auszufechten, zum Beispiel gegen Langeweile, Überdruss, Geltungsssucht, Macht-Konkurrenz und anderes.

Es bleibt also immer die Frage offen, wer auf welche Weise so etwas wie Seelenfrieden erreicht.
Möglich, dass man in diesem Zustand die ersehnte Leichtigkeit findet, jenen Zustand, in dem das Ideal auf das Individuum abgestimmt ist und auf diese Weise das Sein, das Leben positiv beeinflußt.

Anmerkung:

Teresa, eine der Hauptfiguren eines Romans von Milan Kundera findet die die Leichtigkeit des Seins in der Schweiz unerträglich. Sie ist durch das Leben in Tschechien zur Zeit des Prager Frühlings 1968 mit Alexander Dubcek vorgeprägt.