Eine wahre Orgie

Ich bin wieder einmal in Siena. Im Geiste natürlich. Diese Stadt mag ich sehr. Sie ist einzigartig, wie Venedig. Ich gehe über die Piazza del Campo hinab zum Torre. Dort, um die Ecke gibt es ein kleines Restaurant. Der Zufall wollte es so, dass ich mit Familie, das sind in Summe vier Häupter, den kleinen Laden gefunden hatte, der – wenn ich mich recht erinnere – nur mit 6 kleinen Tischen ausgestattet ist und somit weniger als 20 Gäste bewirten kann. Tatsächlich war einer der runden Tische frei, statt drei sassen nun vier hungrige Leute dort, und mit den Getränken, das waren Wein und Wasser war der Tisch nahezu vollgepackt. Dem Cameriere war das offensichtlich gleichgültig, aber zur Vorsicht hatte er einen kleinen Beistelltisch besorgt.
„Ich esse heute mal ein Steak! Wer noch?“ Aha. Alle. Unsere Bestellung ging an die Küche, eine winzige Ecke des Gastraums. Dort war ein Mann mit Nudelteig beschäftigt. Ich dachte noch einen Moment darüber nach, wie die Leute hier zurecht kommen können, wo sogar der Platz zum Umdrehen fehlte. Aber sie kamen. Und es kamen hausgemachte Tagliatelle mit drei Sorten Füllung als Primo Piatto – unglaublich lecker. Und ich hätte nach diesem ersten Gang gehen sollen, denn ich fühlte mich richtig gut. Aber es waren Steaks geordert …..

Zwischendurch kam der Koch an unserem Tisch vorbei und hatte einen ca. meterlangen Kotelettstrang auf seine Schulter geladen. In diesem Moment schrillte in mir eine Alarmglocke. Das geht nicht gut aus, dachte ich, und guckte meine Familie an. Wenn der jetzt ….. und er hatte. 4 T-Bone-Steaks lagen auf dem Grill. Wenig später schaufelte der Koch Beilagen auf vier Teller, füllte bunten Salat in vier Schüsseln und legte mit Andacht 4 Steaks auf die Teller, die zusammen gewogen mindestens 2,4 kg wogen. In Windeseile stellte man alle Getränke auf den Beistelltisch, und vier Riesenteller vor uns hin. Ich schaute anscheinend wie ein krankes Pferd. Am Nachbartisch sass ein Südtiroler. Der schien auch irritiert und murmelte ganz für sich Himmel! Das sind Deutsche!

Jetzt versuchte ich mich mit Motivation und stellte fest, wir hätten nun gelernt, was Bistecca fiorentina seien. Nun wünschte der Cameriere einen Guten Appetit, und das war nötig, denn was die Tischplatte präsentierte, war eher abschreckend. Aber wie er von nebenan richtig bemerkte: Wir sind Deutsche. Wir haben zwei Kriege verloren, aber diesen hier werden wir gewinnen! Und wir haben ihn gewonnen. Leider hängt unser Foto nicht neben dem von Pavarotti – das hätte den Abend auf wunderbare Weise abgerundet. Vielleicht war es sogar richtig, anstelle einer zweifelhaften Ehre einen doppelten Grappa hinter das Bistecca zu giessen. So haben wir immerhin den kurzen Weg zu einer Eisdiele geschafft, in der ein Weltmeister seine Gelati zusammenkomponiert. Ich kaufte mir ein nahezu schwarzes Schoko-Eis, setzte mich auf den Rand eines Travertin-Brunnens und versuchte, diese Köstlichkeit zu geniessen. Es blieb beim Versuch. Das Eis hat mich niedergestreckt.

Erst im Auto kriegte ich wieder Boden unter die Füsse. So habe ich gelernt, dass mein Körper auch streiken kann, wenn ich ihn malträtiere. Und ich erinnerte mich an einen Spruch meiner Mutter: Intelligenz säuft, und Dummheit frisst. Is ja gut, Mama, Du hattest recht!