Ein Stadtteil im Wandel

Dauth-Schneider

Neulich fand sich durch Zufall die Gelegenheit zu einer Reminiszenz über ein Stück Frankfurter Kultur, die Insider mit dem Namen des damit verbundenen Stadtteils benennen: Sachsenhausen. Am Südufer des Mains gelegen war Sachsenhausen beliebt und bekannt für seine Apfelwein-Kneipen, die zudem deftiges Mahlzeiten anboten – ich kann nicht umhin, mit einem Anflug von Trauer an die Rippchen und Schäufelchen mit Kraut zu denken, das ist Schwein am Knochen, gepökelt, aber nicht geräuchert, und mit Sauerkraut aufgehübscht.

Nun war das so. Wenn man einen Gast hatte, so schleppte man ihn an einem Spätnachmittag nach Sachsenhausen, und landete – so erging es mir – oft bei Dauth-Schneider, einer grossen Gaststätte in der Klappergass. Dort war immer gute Stimmung, die Bude voll, das Essen gut, und der Apfelwein dito. Man suchte und fand PLatz für vier Leute, wo kein Platz war, und das erste Glas Apfelwein stand rasch auf dem Tisch. Der unkundige Gast probierte vorsichtig und zuckte erschrocken zurück, blickte stumm klagend um sich, nur um festzustellen, dass alle dieses seltsame Getränk vor sich stehen hatten und trotzdem guter Stimmung zu sein schienen. Da muss was dran sein! Also tapfer ausgetrunken! Aufmerksame Beobachter stellen fest: Na also. Es geht doch. Und der Kellner kommt mit einem riesigen Steingut-Krug an und giesst nach. Der gequälte Gast hat das dringende Bedürfnis, zu gehen. Das geht aber nicht, denn plötzlich steht sein Abendbrot vor seiner Nase. Rippchen mit Kraut und Brot. Das bekommt er aber nicht trocken runtergewürgt. Er winkt dem Kellner und bestellt ein Wasser. Das ist ein schwerer Fehler. Aber der Kellner ist heute gut zuwege und teilt in moderatem Ton mit, Wasser sei aus. Also wird am Apfelwein genippt. Naja, geht so, denkt der Geplagte, um später festzustellen, dass sein Sauerkraut saurer schmeckt als sein Apfelwein. Nun trinkt er sein Glas in einem Zug leer. Nagt ein wenig an dem Knochen, geniesst die letzte Gabel Sauerkraut und fühlt sich plötzlich wie ein ….. na, wie ein Eingeborener. Der Kellner hat längst nachgeschenkt. Nun muss man wissen, dass vor dem Vollrausch die Erkenntnis kommt, dass man Apfelwein durchaus geniessen kann, wenn er gut gekühlt ist, fruchtig und erfrischend schmeckt. Im Angewiderten wendet sich das Blatt, plötzlich findet er alles prima und wird sofort in die Tischgesellschaft integriert, bekommt gute Hinweise zur Frankfurter Küche, in Sonderheit zur Grünen Soss, zur Rindswurst von Gref-Völsing in der Hanauer, zur Dibbemess (Topfmesse, ein Volksfest) und zum Wäldschestag, einem Fest ohne Dibbe im Stadtwald beim Eintracht-Stadion. Wer dort landet, wird nicht geschont. Er muss über die Schlachten annotobak informiert werden, in denen sich die Eintracht mit den Kickers aus Offenbach in die Wolle kriegten, Lokalderbys vom Feinsten.
Nun wird der Gast dreist. Winkt dem Kellner und bestellt einen Bambel Äppelwoi. Der Kellner bleibt ungerührt. Die Bambel seien aus, obs auch ein Bembel sein darf? An dieser Stelle wird dem Gastgeber plötzlich klar, dass sich der Heimweg ein wenig kompliziert gestalten wird. Andererseits. Sieben Viertel, und dann noch allein zum Klo gehen und zurückkommen – eine respektable Leistung für einen Anfänger.

Und der Gastgeber? Er hat sich zwei Gläser Apfelwein gegönnt und ist dann auf Wasser umgestiegen. Er weiss: In Sachsenhausen ist Wasser nur für Autofahrer verfügbar. Anderen weist man den Weg zum Main, dort gäbe es Wasser satt!

So. Das hier geschilderte ist weitestgehend authentisch. Und es ist nicht wiederholbar. Die Apfelwein-Kultur in Sachsenhausen ist untergegangen, soll heissen, sie ist ausländischen Gastronomen gewichen. Pizza, Nasi goreng und Paella dominieren. Futter, das man auch bei REWE kaufen und zu Hause zubereiten kann. Natürlich bedauern wir Alten diese Entwicklung, beklagen einen Verlust. Nicht so die Jungen. Sie können nicht verlieren, was sie nie besassen – zum Beispiel das alte Sachsenhausen, wo sich die halbe Stadt traf, um die Last des Tages ein wenig zu erleichtern.

Und nein, es war kein Ort, an dem Alkoholiker gezüchtet werden. Im Normalfall ging man per pedes über den Eisernen Steg dorthin, gönnte sich zwei oder drei Gläser Apfelwein und eine gute Mahlzeit und war zur Tagesschau um acht zu Hause. Alles halb so wild!

2 Antworten auf “Ein Stadtteil im Wandel”

  1. Den Dauth-Schneider gibts immerhin noch. Und jetzt mit Abstandshalter zwischen Bembel, Haddekuche und dem Tischnachbarn.
    Es gibt auch noch das Eichkatzerl und den Dax.

    Und daneben und davor und dahinter natürlich die von Ihnen erwähnten anderen Lokalitäten.

    Aber die Drei Steubern sind zu. Ein für allemal. Ohne Vorankündigung von einem auf den anderen Tag. Ohne Zapfenstreichelei und Leerlauf des Faulenzers.
    Und nicht nur in Sachsenhausen wird gelitten, auch in Bernem (Bornheim) – immer weniger Wirte keltern selbst. Industrieplörre namens Äpfelwein wird zunehmend ausgeschenkt.
    Oder Jahrgangsäppler für junge Schnöselbänker und Unternehmensverräter mit manchmal wirklich weissen Krägen. Dabei haben wir damals als Kneipenanfänger vor Jahrzehnten schon gelernt, dass der Äppelwoi (wahlweise Ebbelwoi) seinen Geburtstag nicht erleben darf. Ist halt mal ein naturreines Getränk gewesen ohne die Zusätze, die ihn heutzutage jahrein jahraus gleich schmecken und riechen lassen.

    Aber Ihre beiden Sätze „Natürlich bedauern wir Alten diese Entwicklung, beklagen einen Verlust. Nicht so die Jungen. Sie können nicht verlieren, was sie nie besassen…“ werde ich mir in meiner Kladde zweimal rot unterstreichen.

    Ich erhebe mein Geripptes auf Ihr Wohl. Der letzte Gespritzte des Tages mit dem feinen Stöffsche von unserem Hauskelterer.

    Ich grüsse Sie zur Nacht und wünsche Ihnen einen ruhigen Schlaf,

    Herr Ärmel

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.