Das Monster Zantedeschia

Sie ist schon ein zähes Luder, diese Calla zantedeschia. Ich nenne sie nur Calla; sie nimmt das ungerührt hin. Gelegentlich unterbreche ich meinen Gang in die Küche, bleibe bei ihr stehen und schaue sie mir an, wie sie in dem riesigen gelben Kübel eine Flur-Ecke ausfüllt und scheinbar auf mich wartet. Sie ist die einzige Überlebende einer Phase des Sterbens von allem, was grün war. Grünzeug ist mit dem Tod meiner Frau ebenfalls den Weg allen Irdischen gegangen – so die offizielle Lesart. Hinter vorgehaltener Hand redet man allerdings über mich, und dass ich keinen grünen Daumen besässe. Darum hätte alles Grüne still vor sich hin kompostiert. Ich sage dazu nichts, ausser: Schaut Euch meine Calla an! Sie überlebt, versucht sogar zu blühen. Das gelingt ihr zwar nicht immer, aber es zählt der Versuch, und darum schütte ich gelegentlich Wasser an sie. Nein, nicht aus Überzeugung. Ich tue das, weil es sich so gehört, und weil ich Durst sehr gut kenne, ohne allerdings zu wissen, ob diese Pflanze leidensfähig ist. Häufig produziert sie braune Blätter, die ich dann wieder herauspflücken muss, damit vorbeischauende Pflanzenmütter nicht in Tränen zerfliessen. Ob sich mit dürren braunen Blättern so etwas wie Leiden äussert, kann ich nicht beurteilen. Es könnte sich auch um eine Alterserscheinung handeln, wie mein eigener Hals unterhalb des Kinns unmissverständlich andeutet.

Die Calla und ich! Oft genug wollte ich Verrat begehen, indem ich sie im Schutz der Dunkelheit der Mülltonne anvertraue. Genauso oft stand ich vor dem Kübel und habe mit Calla geredet wie mit einem kranken Gaul; Streicheln habe ich allerdings unterlassen – vielleicht macht sie, dieses Aronstab-Gewächs Pickel oder ähnlich Unerfreuliches. Natürlich schweigt sie beharrlich, steht aber voll im Saft und signalisiert mir damit, dass sie mit mir noch nicht fertig ist. Wenn mir dies bewusst wird, erfasst mich ein Gefühl, das ich nur als Feindseligkeit empfinden kann. Dieses Ding da ….. dieses Ding ….. wenn ich dürfte, wie ich möchte und könnte – ich würde sie glatt an eine Kuh verfüttern!

Bin ich schizo?

Altpapier

Ich denke immer noch, man könne über alles schreiben, nur nicht immer gut. Deshalb hatte ich mir meine Kaffeebecher vorgenommen. Dieser Nonsense konveniert nicht? Das ist so völlig in Ordnung.

Man kann über alles schreiben. Für heute hatte ich mir vorgenommen, einen Härtetest durchzuführen, indem ich über einen Papierfetzen schreibe und erst damit aufhöre, wenn ich eine Seite A4 geschafft habe.

Nööö. Das will kein Mensch lesen. Trockener Stoff, das Papier. Vermutlich wird das Interesse an einem Papierfetzen nicht grösser, wenn ich ihn nass mache. So geht es also nicht. Nun habe ich mich zur Kurzform entschlossen. Ein Haiku:

Die BILD in Fetzen.
So wird Kultur vernichtet.
Fünf Kinder lachen.

Fehlleistung!

Seit vielen Jahren ist meine Familie im Besitz eines Kaffebechers aus der Kantine des Headquarter eines US-Schlapphüte-Vereins. Dies hier auszubreiten ist eigentlich eine Dummheit, da jeder weiss: Die Schlapphüte kontrollieren auch das Internet. Und es kann sein, dass die immer noch nach ihrem vermissten Kaffeebecher suchen. Wie auch immer: Heute fiel mir dieses Geschirr wieder einmal in die Hände, und ich finde das Stück so bemerkenswert, dass ich kurz davon erzähle. Was also ist dran, an diesem Kaffeebecher? Du glaubst es nicht. Ich stellte fest, dass der Becher oben geschlossen ist. Komplett zu. Statt dessen hat das Ding keinen Boden. Unten ist er also komplett offen. Genau wie dem Schlapp sein Hut. Kannst Du das glauben? Was hat sich der Geschirrdesigner dabei wohl gedacht?

Natürlich habe ich meinen Bestand an Kaffeebechern umgehend kontrolliert. Verdächtig erschienen mir die Trümmer von Starbucks. Der Laden macht im Jahr mehr als 24 Milliarden USD Umsatz und zahlen so ungern Steuern. Ihre Kaffeebecher sind allerdings üppig. Geworfen sind sie tödlich, und der Henkel ist nicht als solcher zu bezeichnen, sondern als Krankheit, mithin ein Angriff auf die Hand, die ihn halten soll. Wie aller Mist ist dieses Geschirr in China gefertigt.

Auch wenn Macau draufsteht – ich fasse solche Dinger nur im Notfall an. Mein Standardgerät kommt aus England, ist ein Handschmeichler, und mit dem Union Jack dekoriert. So werde ich täglich an den Brexit erinnert, und wenn die Briten endlich weg sind, werde ich das freudige Ereignis mit einem 3-fachen Single Malt feiern, den ich genau aus diesem Kaffeebecher trinke. Ohne Milch. Ich freue mich auf das Bild: Die EU im Kreißsaal (engl delivery room), gebiert Grossbritannien unter Schmerzen, und knurrt die Hebamme an: Weg mit dem Bankert!
Verdammte Missgeburt! Soll sich Uncle Donald drum kümmern!

Moment mal, ich war doch beim Kaffeebecher ….. ich wollte zu dem Schlapphüte-Becher nur noch anmerken: Wenn man ihn umdreht, kann man ihn ganz normal benutzen. Ich hab’s ausprobiert.

Warum erzähle ich diesen Unsinn? Nun, heute früh beim Geschirrabwaschen wollte ich in den Becher reinfassen, was nicht ging, weil geschlossen, und ich brauchte einen Moment, bis ich verstand: Umdrehen, Du Hirni! Und nein, so etwas belastet mich keinesfalls. Ich schaute einem Arbeitskollegen genüsslich zu, wie er verträumt seinen Kaffee in seinen Aschenbecher goss; die Gute war nicht 80, sondern 30 Jahre alt!

Ein Blick hinter die Kulisse

Was auch immer ich an Haut zeige – es hat die Farbe jenes Kriechtiers, das nicht ans Tageslicht kommt, unter der Erde im Wasser lebt und ganz schlechtes Sehvermögen besitzt – der Grotten-Olm. Ich habe keinerlei Bedürfnis, die Sonne zu sehen, sondern bin mit Licht gut versorgt, solange die Lampe im Kühlschrank brennt und eine Chorizo-Wurst gut ausleuchtet. Natürlich bin ich bemüht, mein Erscheinungebild zu komplettieren, indem ich bevorzugt schwarze Klamotten trage. Schaue aus wie ein Mehlwurm in Trauer. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, eher gespenstisch zu wirken, und dies selbst dann, wenn ich in der Nacht in dunklen Räumen nach Delikatessen oder Naschwerk suche. Ansonsten geht hier das Gerücht, dass ich nicht in Betten schlafe, sondern von der Zimmerdecke kopfüber abhänge und schnarche.

Derartige Gerüchte lassen mich kalt. Ich weiss, wer und was ich bin, aber keinesfalls Dracula oder einer aus seiner Verwandtschaft. Ich nasche keine Stubenfliegen, sondern die Schoko-Riesenbonbons von Firma XXX (Produktplacements nur gegen Entgelt), und Blutwurst war noch nie mein Ding. Aber leider ist es mir nicht gelungen, die Nachbarn von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen – sie meiden mich wie der Teufel das Weihwasser. Das mag daran liegen, dass sie die Finsternis meiner Höhle nicht gerade schätzen und beharrlich auf Sommersonnentage stehen. Wenn ich das Bedürfnis verspüre, mit ihnen einige Worte zu wechseln, so muss ich das Haus verlassen und mich durch die Helligkeit des Tags quälen. Das ist nicht gerade angenehm für mich, mit meinem durch Herpes-Viren geschädigten Trigeminus-Nerv. Zugegeben, mit Sonnenbrille sehe ich ein wenig aus wie ein Mafioso der ‚Ndrangheta aus Calabrien. Wenn ich dann noch mein Taschenmesser aufklappe und den Griff aus fossiler Moor-Eiche spielerisch über dem Handteller kreisen lasse, sehe ich gefährlich aus. Aber nur bis zur nächsten Windboe. Dann schwankt der „Baum“, als hätte ihn ein Tornado erwischt, und er muss sich am Briefkasten festhalten.

Wenn ich in Anfällen von Spendierlaune ein Bier anbiete, kriege ich meist eine Absage. Die Menschen von nebenan wissen, dass man bei mir kein Flens in der Beugelbuddel bekommt, sondern ein dänisches Starkbier in Dosen. Ich stimme den Nachbarn zu. Bier aus der Dose trinken ist für Proleten und ihre Epigonen gedacht, nicht für zivilisierte Menschen. Und genau darum, und damit ich keine Gläser abwaschen muss, trinke ich für gewöhnlich ein Bier aus der Blechkanne. Besser gesagt, ich versuche es. Meist schütte ich mir dabei den ersten Schluck in den Kragen. Ich bin eh ein grosser Schütter. Neulich habe ich mir aus Versehen am Wasserhahn in der Küche kaltes Wasser in den rechten Ärmel meiner Vlies-Jacke gegossen. Das war so schockierend, dass ich für 15 Minuten die Sprache verloren hatte. Ehrlich, das geht! Ich kann das!

Zyklus

Geburt, Leben, Sterben, Tod – das ist der natürliche Zyklus der Existenz von allem Lebenden, das unseren Planeten bewohnt, sei es der Mensch, die Ameise oder die Butterblume. Die Liste kluger Leute, die zum eigenen und zum Trost Fremder ihre Gedanken dazu aufgeschrieben haben, scheint endlos.

Alle Menschen sind von Geburt aus gleich.


Thomas Jefferson (1743 – 1826), US-amerikanischer Jurist, Gutsbesitzer und 3. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, verfasste die Unabhängigkeitserklärung

Die Geburt bringt nur das Sein zur Welt; die Person wird im Leben erschaffen.


Théodore Simon Jouffroy (1796 – 1842), französischer Philosoph

Jeder sollte all das werden können, wozu er bei der Geburt die Fähigkeiten mitbekommen hat.


Thomas Carlyle (1795 – 1881), schottischer Philosoph, Historiker, Essayist, Geschichtsschreiber und sozialpolitischer Schriftsteller

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Das Leben ist die Kategorie der Möglichkeit. Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.


Friedrich Hebbel (1813 – 1863), Christian Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker

Nicht Dinge geben dem Leben Sinn, sondern Menschen.


© Helmut Glaßl (*1950), Dipl.-Ing., Maler, Aphoristiker

Mit Taten sei ein Leben erfüllt, nicht mit untätigen Jahren.


Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), eigentlich Publius Ovidius Naso, römischer Epiker

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Der reine Wahnsinn, wie ein armer Teufel zu leben und reich zu sterben.


William Shakespeare (1564 – 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter

So möcht‘ ich sterben, selig vor Lust.


Petronius Gajus Arbiter (10 – 66 (Freitod)), römischer realistisch-satirischer Dichter auch derb-erotischer Prosa, Günstling Neros

Zum Leben stärkt Klugheit, zum Sterben Weisheit.


Alois Essigmann (1878 – 1937), österreichischer Schriftsteller

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Unsterblich allein ist der Tod.


Römisches Sprichwort

Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit.


Maximilien de Robespierre (1758 – 1794 (hingerichtet)), getauft als Maximilien-François-Marie-Isidore, fanatischer französischer Jakobiner, führte die Schreckensherrschaft zum Höhepunkt

Der Tod heißt, nicht zu existieren.


Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.), genannt Seneca der Jüngere; römischer Philosoph, Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker; Selbsttötung auf Geheiß seines ehem. Schülers Nero (Römischer Kaiser von 54 – 68)

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Durch die Zeit

Wieder einmal gehe ich eine Strasse entlang, die sich in vielen flachen und einigen gefährlichen Kurven durch eine bunte Landschaft windet. Sie bietet mir Bilder an, die ich bereits kenne, die Gefühle wecken und sie ist mir deshalb seltsam vertraut. Leichten Schrittes durchwandere ich eine Szenerie, die aus Erinnerungen gebaut sein könnte. Nichts belastet meinen Weg, nichts drängt zur Eile, und ich bin frei. Manche der Bilder verführen dazu, inne zu halten und zu geniessen. Es sind wenige Werke, aber sie sind aussergewöhnlich, grosse Werke eines grossen Künstlers. Schliesslich bemerke ich, dass meine Schritte immer schneller werden. Ich durchwandere nun Bilder, die ich aus eigenem Erleben kenne. Es ist an der Zeit, nachzudenken, was gerade mit mir geschieht. Und ich stelle fest, dass ich Zeit erlebe, und ich weiss nun, dass ich mich in meiner eigenen Vergangenheit bewege. Aber ich weiss nicht, wer oder was mich auf diesen Weg gebracht hat. Noch während ich über dieses Rätsel nachdenke, fesselt mich ein neues Bild. Ich betrachte mich selbst, und es ist ein Blick wie in einen grossen Spiegel. Ohne Zweifel bin ich nun in der Gegenwart angekommen. Wir beide schauen uns an, und ein leichtes Lächeln macht sich in den Gesichtern breit. Ein Instinkt fordert nun einen weiteren Blick auf meine Strasse. Ich weiss, es ist ein Blick in die Zukunft, und ich weiss auch, dass sie sich vor mir verbirgt. Die Strasse verläuft frei von Kurven und ohne Bilder bis zum Horizont, und vermutlich darüber hinaus – öde und nichtssagend. Ich blicke in den „Spiegel“. Auch hier wird mir meine Strasse gezeigt. Anders als in meiner Realität endet sie nicht am Horizont, sondern sehr viel früher. An irgendeinem Punkt in meiner nahen Zukunft wird mein Weg enden, und das Bild sagt mir, dass hinter diesem Ende nichts zu erwarten sei.

Ich habe nun die Gewissheit, dass mir mein Weg über diese Strasse mein Leben gezeigt hat.
Das Leben ist der Künstler, der grossartige Bilder hervorbringt. Dazu zähle ich auch jenes Bild, das ein baldiges Ende meines Wegs durch die Zeit vorhersagt. Man könnte meinen, es sei von existentieller Bedeutung für mich …..

Ein altes Haus

Wieder und wieder schaue ich mir dieses Bild an. Der Grund? Ich weiss es nicht. Ich sehe eine Ruine, zerstörtes Menschenwerk in einem Tal, das sich mit einer Drohung zu füllen scheint, wo sich Nebel und Geister verbünden, um mich zu warnen: Bleibe, wo Du bist! Dieser Ort hier ist längst unser Revier, und wir wünschen Deine Gesellschaft nicht. Heute nicht, und nicht hier!

So könnte es sein. Aber ich glaube nicht an eine Geisterwelt, und Nebel beeindruckt mich wenig, es sei denn, er kommt in einer solch imposanten Form, dass ich meine Schuhspitzen nicht mehr erkennen kann. Ein solches, wahrhaft seltenes Erlebnis fasziniert mich, und ich erwarte dann tatsächlich eine Überraschung, irgendeine aussergewöhnliche Begegnung, aber keinesfalls ein Rendezvous mit einem Geistwesen. Ich wäre mit einem Tier zufrieden, sagen wir, mit einer Kuh, die plötzlich vor mir auftaucht und mich verwundert anstarrt, so wie ich zurückstarre, bis wir beide zu der Erkenntnis kommen, dass eine freundschaftliche Geste die ungeklärte Lage in ein gutes Licht rückt, und wir uns mit Nase an Nase reiben begrüssen und gleichzeitig verabschieden. Ja, das wäre so ganz in meinem Sinne.

Ich schaue wieder auf mein Bild, bin zurück in der Wirklichkeit. Denke so: Was für eine friedliche Welt! Und die Natur macht ihren Job. Sie tut, was ihr aufgetragen ist. Sie zerstört nicht, sondern sie gestaltet. Sie gestaltet um, was der Mensch hinterlassen hat. Sie arbeitet mit Augenmass und achtet dabei auf Harmonie. Sie übernimmt ein zerstörtes Haus und integriert es in eine ihrer Kompositionen auf eine ästhetische Weise und beseitigt die Traurigkeit des Ortes.

Und das Bild vermittelt eine Botschaft der Natur an den Menschen: Bleibe, wo Du bist! Dieser Ort hier ist mein Revier, und ich wünsche Deine Gesellchaft nicht. Heute nicht, und nicht hier!

Leichtes, schwer gemacht

Heute ist Sperrmüll-Tag. Am Strassenrand hat man einen Berg aus Dingen aufgebaut, deren einzige Aufgabe gewesen ist, als Ballast Wohn- und Arbeitsraum zu beanspruchen. Man spricht von Entrümpelung, eine Wortwahl wie Vorschlaghammer oder Kartoffelschalen. Es ist schwierig, auch nur einen Hauch von Poesie des Alltags zu erkennen. Dabei ist das Ziel der Massnahme, der Leichtigkeit des Seins ein kleines Stückchen näher zu kommen. Moment, ich suche nach einer verständlichen Analogie ….. nehmen wir eine Hose, die zu eng geworden ist. Man steigt hinein, und die Luft wird knapp, weil das Atmen behindert ist. Man steigt aus dieser Hose und atmet wieder frei. Weils mir gerade auffällt: Hosen werden nicht eng. Bäuche werden dick! Es ist typisch für die menschliche Rasse, mit Schuldzuweisungen das eigene Weltbild aufzuhübschen. Das nur nebenbei. Hosen verkraften Ungerechtigkeit problemlos – Menschen dagegen nicht.

Unrecht lastet doppelt schwer auf der Seele. Und schon bin ich wieder in meiner Spur. Wer sich auf die Suche nach der Leichtigkeit des Seins begibt, hat Schwerstarbeit zu bewältigen. Man muss Ballast abwerfen, also alles, was belastet, sei es eine alte Matratze oder ein Unrecht. Man wird feststellen müssen, dass man nicht alles los werden kann. Das bedeutet, Prioritäten neu zu bestimmen und Zustände anders zu bewerten, also mit alten Gewohnheiten zu brechen. Man ackert wie ein Pferd, sieht kleine Erfolge, Stolz und Zufriedenheit wachsen still, aber merklich – bis das Leben wieder zuschlägt und einiges zunichte macht. Irgendwann versteht man, dass man auf einem Irrweg gewesen ist, der zu nichts weiter führt als zu einer Fata morgana. Nun wandelt man durch das Tal der Tränen und hofft auf Hilfe, um der Misére zu entrinnen, bis man endlich versteht, es dem Freiherrn von Münchhausen gleich zu tun, der sich am eigenen Schopf aus irgendeinem Schlamassel gezogen hat.

Damit begibt man sich unweigerlich in eine neue Dimension. Man löst sich von der materiellen Ebene und wechselt in die Welt des Geistes. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Brüder, zum Lichte empor! Hell aus dem Dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor!“ So sangen die Sozialdemokraten in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg – bis in meine Kindheit. Diese erste Strophe eines Sozialistenlieds ist nichts weiter als eine Aufforderung, sich auf den Weg zu machen zu einer Zukunft, in der die Leichtigkeit des Seins spürbar wird und die seelische Wunde heilt, welche der Krieg hinterlassen hatte.

Nun könnte man geltend machen, dass in Friedenszeiten Derartiges entbehrlich sei. Auf den ersten Blick, und weil man sich danach sehnt, möchte man dieser Sichtweise unbedacht zustimmen. Das wäre allerdings leichtfertig geurteilt, und einfach falsch. Auch heute finden Kriege statt. Jener Krieg, der unser Leben bestimmt, ist der zwischen Kapitalismus und dem bürgerlichen Sozialismus. Dieser Krieg ist für die Bürger bereits verloren. Sie werden langsam, aber sicher in eine Lohnsklaverei gezwungen. In dieser Situation ist es lächerllich, nach der Leichtigkeit des Seins zu suchen. Sie wird scheinbar zum Privileg der Geld-Elite – diese hat jedoch ihre eigenen Kämpfe auszufechten, zum Beispiel gegen Langeweile, Überdruss, Geltungsssucht, Macht-Konkurrenz und anderes.

Es bleibt also immer die Frage offen, wer auf welche Weise so etwas wie Seelenfrieden erreicht.
Möglich, dass man in diesem Zustand die ersehnte Leichtigkeit findet, jenen Zustand, in dem das Ideal auf das Individuum abgestimmt ist und auf diese Weise das Sein, das Leben positiv beeinflußt.

Anmerkung:

Teresa, eine der Hauptfiguren eines Romans von Milan Kundera findet die die Leichtigkeit des Seins in der Schweiz unerträglich. Sie ist durch das Leben in Tschechien zur Zeit des Prager Frühlings 1968 mit Alexander Dubcek vorgeprägt.

Höllisches Treiben

(1) Hamburg-Blankenese, Bahnhofstrasse. Der Mann geht Richtung S-Bahn. Er mag guter Laune sein, und sein Schritt ist beschwingt – er scheint buchstäblich über den Bürgersteig zu tanzen. Sein Gesicht strahlt jene Zufriedenheit aus, die ausgeglichenen Naturen an einem sonnigen Tag zu eigen ist. Ja, es ist ein sonniger Vormittag – Bilderbuchwetter, wie man zu sagen pflegt. In den Vorgärten blühen die ersten Blumen um die Wette, blau und gelb überwiegen zur Zeit – es ist gerade Frühling geworden, und alle Welt versprüht gute Laune, ist geschäftig, und die Arbeit macht offensichtlich allenthalben Spass. Es ist die Zeit, in der die Menschen aus dem mentalen Winterschlaf erwachen, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und genussvoll gute Laune zu verströmen. Ja, es werden sogar fröhliche Grüsse gewechselt, und selbst der Autoverkehr hält sich merkwürdig zurück, so, als ob die Menschen ihre stinkenden Fahrzeuge lieber zu Hause stehen liessen, um zu Fuss ihre Einkäufe zu erledigen oder einfach einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wohl wissend, dass diese Aufbruchstimmung nicht lange anhalten wird und unweigerlich in die gewohnte Lethargie der Getriebenen mündet.

Der gut gekleidete Mann passiert den Bahnhofsvo-platz und will eben eine Nebenstrasse überqueren, als ihm der Kopf wegfliegt.

Er hatte den linken Fuss für den nächsten Schritt gehoben, als ihm der Kopf abhanden kommt, er seine Balance verliert und auf dem Bürgersteig landet.

Da liegt er nun, und es scheint, als würden statt der üblich 6 bis 7 Liter wohl eher 26 oder 27 Liter Blut aus seinem Körper herausfliessen.

Passanten legen die erwartete Aufgeregtheit an den Tag, Frauen schreien los, ein alter Mann brummt etwas von einer Riesensauerei, ein zweiter reklamiert Sicherheit für die Bürger. Angestellte aus dem Sportgeschäft gegenüber haben mittlerweile Polizei und Notarzt alarmiert, und es fliesst Blut. Noch immer. Ein junger Mann fragt unentwegt, warum keiner hilft – als könne man die Wunde, die beim Totalverlust des Hauptes entsteht, mit blossen Händen und einigen Erfolgsaussichten versorgen, Erste Hilfe leisten, dem Betroffenen, oder sagt man besser Getroffenen gut zureden, so als hätte er seine Ohren an einem anderen Platz und wäre noch auf Empfang geschaltet – Närrisches mischt sich mit Entsetzen, Neugierde und Mitleid.

Endlich taucht ein Notarztwagen auf – es ist nicht sehr weit bis zum Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Rissen. Die Besatzung des Rettungswagens springt aus ihrem Fahrzeug, der Arzt schaut sich die Unfallstelle an und stellt fachkundig fest: Der Kopf ist ab. Der Mann ist tot. Die Sanitäter werfen rasch eine Decke über den Leichnam und ziehen sich in ihren Wagen zurück. Man wartet auf die Polizei; schliesslich ist auch Michel 17 eingetroffen, besetzt mit zwei Polizeiobermeistern.

Die beiden Grünen nähern sich behutsam dem Toten. Einer lüftet sacht die graue Wolldecke, und lässt den Zipfel wieder los. Bedächtig ziehen sie sich zurück; ihre Gesichter verraten, dass sie mit Kopflosen keinerlei Erfahrung haben, sich in Schwierigekeiten befinden, nicht genau wissen, was nun zu tun sei – und schliesslich doch noch eine rettende Idee entwickeln können. Nach kurzer Beratung geht einer zum Peterwagen und alarmiert die Mordkommission.

Endlich beginnen sie damit, die Menschenan-sammlung um gute drei Meter zurückzudrängen, ein unsinniges Unterfangen, denn die Leute behaupten ihre Plätze in einer Weise, als hätten sie dafür Erste-Rang-Preise bezahlt, drängen sich also wieder nach vorne, nachdem die Ploizeikräfte sich mit den Nachbarn zu beschäftigen. Und es dauert, bis die Polizisten einmal die Runde hinter sich gebracht haben, um zu erkennen, dass sie wieder von vorne beginnen dürfen, dies auch schliesslich tun. Zweiter Versuch.

Dem Entsetzen der ersten fünf Minuten ist längst das gefolgt, was in solchen Fällen die Zuschauerszene beherrscht: Neugier, Vermutung und Wichtigtuerei. Es rüsten sich die Zeugen für die bevorstehende polizeiliche Vernehmung. Tatsachen werden mit Phantasien verflochten, Vermutungen untergemischt, mit anderen Zuschauern ausgetauscht und abge-glichen, schliesslich modifiziert und dann als geplante Aussage paratgelegt.
Mittlerweile ist der Tote leer. Er blutet nicht mehr aus dem Hals, die Pfütze beginnt eine dunklere Färbung anzunehmen.

Endlich erscheint die Mordkommisssion, nimmt kurze Eindrücke auf und ordert die Spurensicherung. Man zieht sich in seinen PKW zurück, nicht ohne die Anweisung an die Uniformierten zu hinterlassen, die Leute fernzuhalten. Der Notarzt möchte gehen und seine Sanitäter mitnehmen, und die Kripo stimmt nach kurzer Beratung zu. Abgang.

Ein uniformierter Polizist bemerkt endlich, dass Zuschauer die Fahrbahn belagern. Der Verkehr staut sich nun bis Nienstedten zurück. Das neueste Stauopfer geniesst den Blick über die Elbe und zum Anleger Teufelsbrück. In Blankenese räumt derweil ein Polizist endlich die Strasse, und der Verkehr setzt sich in Bewegung. Der Tote liegt unter seiner Decke, ist unschuldig am Chaos. Und die Spurensicherung erscheint, nimmt ihre Arbeit auf. Ein Polizei-Arzt ist mitgekommen, und stellt den Tod fest. Und dass der Kopf fehlt. Nun fehlt er endlich amtlich.

Die Spurensicherung beginnt mit der aussichtlosen Suche nach dem Kopf. Sie endet mit der Vermutung, dass wahrscheinlich ein grosser Hund vor allen anderen am Tatort aufgetaucht war und mit einem Souvenir verduftet sei, welches er in einem instinktiven Handlungstrieb als Wintervorrat in irgendeinem Garten vergraben habe. Es sei eine Rasterfahndung nach allen Hunden einzuleiten, für die eine Schulterhöhe von mehr als 50 mm angenommen werden müsse. Nicht gefragt wurde nach der Anwesenheit von Kindern.

Die Vernehmung der Zeugen – es gab sie tatsächlich – bringt die aus Film und Fernsehn hinlänglich bekannten Ergebnisse. Es gab einen Täter, und es gab keinen. Der Täter ist von weisser, schwarzer, gelber und roter Hautfarbe, blond und schwarz, alt und jung, mit und ohne Flinte, mit Machete und Taschen-messer, mit Schweizer Offiziersmesser, Kettensäge
und tragbarer Guillotine, das Opfer wurde zerbissen, gesprengt, zerfahren und auf vielerlei andere Weisen dahingemetztelt. Nein, einen Eskimo habe man nicht wahrgenommen. Krokodile seien in Hamburg auch eine ausgesprochene Rarität. Merkwürdig sei die über-einstimmende Aussage, der Tote habe einen Hut getragen. Der Hut ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich werde der Hut noch auf dem Kopf sitzen, und sei vom Hund mitbeerdigt worden, oder so ähnlich.

Die Kripo ist noch etwas unschlüssig um die Frage, wie es nun weiterzugehen hätte, und endlich wird die Identität des Toten festgestellt. Diesbezügliche Erkenntnisse sind ernüchternd: Es hat einen Niemand erwischt, einen Rentner ohne Familie – wenigstens wird es nicht erforderlich werden, andere Menschen mit einer schlimmen Nachricht unglücklich zu machen.

Einer der Kripo-Beamten murmelt in sich hinein, das Glück sei mit die Dummen. Laut ausgesprochen schadet ein solcher Standpunkt der Karriere, man sitzt wochenlang vor der alten Adler-Schreibmaschine, bei der ausgerechnet das A streikt, und tippt nzeigen, Bed rfsmeldungen für Klop pier und ähnliches.

Am Tatort scheint die Situation einzufrieren. Die Dynamik der ersten halben Stunde ist verflogen, und es scheint die Anwesenden Melancholie zu befallen.

Sensible Zuschauer haben diese Entwicklung rechtzeitig gespürt und sich auf den Weg gemacht. Wohin auch immer. Für andere ist es nun zu spät. Schwermut legt sich wie ein Leichentuch über die Szene, hält die Anwesenden gefangen, vermittelt ihnen das Gefühl, als seien sie Staffage, unentbehrlich und darum mit dem Fluch der Unbeweglichkeit belegt, zudem schweigend, denn alles war gesagt, selbst das Ungehörige ausgesprochen (Haben Sie gesehen, der hat sich in die Hose geschissen!). Immerhin bleibt der Autoverkehr von dieser Lähmung unbehelligt, bildet einen bewegten Rahmen um den Unglücksort, kontrastiert diesen und gibt ihm damit einen eigenen, seltsamen Status, so, als hätte man ihn mit einer gläsernen, schalldichten Wand umstellt.

(2) Anderer Ort, selbe Zeit. Noch hatte der Mann in Hamburg Blankenese den Kopf nicht verloren. Luzifer ist wieder einmal ausser sich. Die Probleme mit der Disziplin seiner Truppe häufen sich und sind kaum in den Griff zu bekommen. Am tollsten trieben es wie stets Succubus und Incubus, jene Unterteufel, die sich auf den Diebstahl der menschlichen Fortpflanzungs-fähigkeit spezialisiert haben. Succubus, dieses Teufelsweib, kauert nun vor Luzifer und erwartet sein Donnerwetter. Nein, es ist gewiss keine Angst im Spiel. Man kennt seinen Boss, bellende Hunde beissen nicht, wenn er sich ausgekotzt hat, kann man zur Sache kommen und vernünftige Entscheidungen treffen. Also lautet zunächst die Parole: Sei devot und warte ab.

Luzifer beginnt seine Ansprache wie üblich. Dabei hebt er seine Stimme um eine Oktave an und keift in Altweiber-Manier: Ich bin Luzifer, der Sohn des Lichts und der Göttin Aurora, gefürchtet und verehrt als SATAN, Engel des Bösen! Alles hier hört auf mein Kommando! Dies sollte niemals in Zweifel gezogen werden! Und von Dir, Succubus, will ich nun wissen, wo Incubus sich wieder herumtreibt. Ihr beide habt von mir einen Auftrag erhalten. Was läuft hier bloss wieder ab? Antworte, Weib!

Succubus unterdrückt eine gelangweilte, und setzt eine ängstliche Miene auf. Der Alte mag das, eine Marotte, und es kostet nicht einmal eine Anstrengung, ihm den Gefallen zu erweisen. Jetzt noch die Stimme auf Zittern eingestellt, und leise antworten: Herr, ich weiss es nicht. Vermutlich ist er wieder mal voraus-geeilt. Du kennst ihn, manchmal reitet ihn der Gott!

Luzifer kreischt: Nicht schon wieder! Ich habe die Schnauze voll von ihm und seinen Eskapaden. Nun ist der Kerl 70.000 Jahre alt und kann es immer noch nicht lassen, Unfug zu stiften! Mach´ sofort hinterher und sieh nach, was der Kerl treibt! Bericht in einer halben Stunde!

Succubus die Teufelin streicht sich anmutig über ihr Schnäuzchen – der Alte liebte diese kleine Geste über alles, seine Schwanzspitze beginnt zu glühen – und erhebt sich. Ja, Chef, ich habe verstanden und mache mich umgehend auf den Weg. Keine Sorge, wir haben das immer hingekriegt. Dem Incubus werde ich den Himmel heissmachen und ihm so die Leviten lesen, dass ihm sein Huf drei Tage lang dort juckt, wo er sich nicht kratzen kann! Verlass Dich ganz auf mich! Sprichts, und entfernt sich rückwärts wieselnd aus Luzifers Audienzzimmer.

Natürlich weiss die Teufelin, wohin es ihren Partner Incubus getrieben hat. Ohne Zweifel hat er erneut ein Süppchen angerührt, das sie mit auslöffeln muss. Doch zunächst zieht sie sich in ihre Zelle zurück, um sich reisefertig zu machen; sie bürstet sich den Pelz, schaltet auf Unsichtbar und zurück, findet alles roger und macht sich schliesslich auf den Weg. Zwei Sekunden später kommt sie in Hamburg-Blankenese an, auf Unsichtbar geschaltet, was sie invisibel zu nennen pflegt, und hält Ausschau nach ihrem Partner Incubus.

Fünfzehntausend Jahre Zusammenarbeit mit einem Teufel namens Incubus schärfen die Sinne. Darum entdeckt die Teufelin ihren Partner linkerhand auf der Kante eines dreistöckigen Wohnhauses; er hat es sich auf der Dachrinne bequem gemacht – unsichtbar geschaltet, ganz nach Vorschrift. Sitzt da oben und drückt ein gelangweiltes Gesicht hin.

Offenkundig hat er das Interesse an der Szene unten verloren, wartet auf irgendetwas. Sieht die Succubus und beginnt zu grinsen. Succi, altes Mädchen! Hat aber gedauert, bis Du endlich nachkommst. Hast Dich wohl zu lange gebürstet? Siehst aber wirklich gut aus, mein Zuckerschnäuzchen! Succi hat den Rest ihres mageren Humors verloren – das hätte er bedenken sollen, bevor er sein vorlautes Maul aufreisst. So denkt jedenfalls Succi, und legt sich ins Zeug. Schwingt sich rauf auf die Dachkante und baut sich links vom Incubus-Schätzchen auf.

Sie senkt ihre Stimme um eine Oktave, legt ein Schäufelchen Raucherhusten bei, und spricht – nein, sie röhrt, als habe sie ein schweizerisches Alphorn samt Senn verschluckt, gemessen, aber bedrohlich, einer Zeitbombe gleich, deren Zünder auf 60 Sekunden steht:

Inni, Du dreifach gewendetes Arschloch! (Inni´s Blick wechselt von träge auf wachsam).
Der Alte hat mich gerade erst niedergemacht, und mich dann dringlich hierherbeordert! (Inni´s Blick wird wieder träge).
Nun habe ich wieder einmal an Deiner Stelle die Brühe über den Kopf gekriegt! (Inni´s Blick wird wieder angespannt!)
Der Alte sagt, ich solle Dir so in die Eier treten, dass Du in Pension gehen kannst! (Inni kneift seine Stelzen zusammen, versucht damit einen Knoten zu falten, weil, wenn sie will, macht sie das, er kennt sie!).
Ich aber sage Dir, das kannst Du vergessen. Ich bestimme immer noch selbst, wann ich Dir ins Gekröse trete. Und das passiert mit Sicherheit, wenn Du nicht sofort beginnst, die Scheisse da unten wegzuräumen! Ich hänge Dir Dein Kreuz aus, dass Du Deinen Arsch in einer Schlinge tragen musst! Und dazu habe ich jedes Recht!
Der Alte tritt mir in den Hintern, und ich Dir ins Gemächt – so hat alles wieder seine Ordnung, ist das klar? I s t d a s
k l a r , Du Sackgesicht?

Inni weiss: Wenn sie Sackgesicht sagt, wird es ernst. Lahm entgegnet er noch, es sei doch alles nur ein Ulk gewesen, wir können das ja in Ordnung bringen (tja, Inni ist nicht der Schlaueste; mit dem Plural hat er schon wieder daneben gelangt, Succi dreht nun durch und will ihn treten, wovor ihn sein siebenter Sinn mit einem Sidestep bewahrt, und er verlässt rasch seinen Logenplatz und hängt sich rechterhand ans Fallrohr.

Succi dagegen tritt zu, ins Leere, verliert die Balance und segelt hinunter auf den Bürgersteig, haarscharf an einer alten Dame vorbei, die sofort ein Schaudern packt, und eine Ahnung vom nahen Tod, was Succi sofort spürt, bedauert und zur Sühne den Rheumaschmerz in der rechten Schulter von Frau Lüders lindert – auch Teufel können das!

Währenddessen hängt Inni am Fallrohr und brummelt etwas von Gefühlsduselei. Succi macht sich auf den Weg nach oben, entlang des besagten Regenrohrs. Inni weicht zurück, vielmehr nach oben aus, schwingt sich über die Dachrinne und nimmt Deckung hinter dem Schornstein. Succi kauert davor, röhrt ihn an.

Und jetzt, Inni-Schätzchen, verschwindest Du vom Dach.
Du eierst nach unten, und räumst auf. Und vergiss nicht: Ich bin Luzifers Henker. Ich reisse Dir raus, was Dir lieb und wert ist, und verfüttere es an die Engel!
Du hast jetzt 37 Minuten, dann herrscht da unten wieder Ordnung, Alltag, Friede, Freude und Eier-kuchen. Ist das klar?
Und wenn Du dort fertig bist, werde ich weisungsgemäss dem Alten berichten. Ich werde ihm sagen, es sei hier nichts gewesen. Und dann machen wir uns an unseren Auftrag. Hast Du alles kapiert, oder muss ich nochmal wiederholen?
Inni kleinlaut: Alles retour?
Succi: Mach los, Du Sohn einer …..
Inni ist schon weg.

(3) Rückabwicklung ist angesagt. Dabei spielt die Zeit eine gewichtige Rolle. Seit Inni´s Eingreifen in die Strassenszene am S-Bahnhof Blankenese sind inzwischen 46 Minuten vergangen. Inni betritt die Szene, für jedermann unsichtbar, ausgenommen für Succi, die es sich auf der Dachrinne bequem gemacht hat und mit Falkenaugen den Prozess überwacht. Was hat der blöde Hund nur wieder angerichtet. Wäre ich der Boss, denkt sie, der Typ würde nicht mehr aus der Hölle rauskommen. Innendienst bis zum Abwinken, für mindestens weitere 50.000 Jahre. Aber der Alte ist zu gutmütig. Manchmal kommt einfach der Engel bei ihm durch!

Inni rechnet. 46 Minuten zurück, plus zwei Minuten Vorbereitung macht neunundvierzig – und los. Erst ein Stillstand der Zeit, dann alles retour, just so, wie man einen Film rückwärts laufen lässt. Inni überwacht angestrengt den Prozess, und Succi überwacht ebenso aufmerksam ihren Inni, bemerkt eine Minute Zeitdifferenz, alles läuft weiter zurück, wenn nur dieses hundeschnäuzige Arschbackengesicht von einem Unterteufel mal etwas richtig machen würde! Und genauso röhrt sie ihm das hinunter; er sieht danach wirklich betroffen aus. Nach knapp 49 Minuten rollt in Pinneberg ein Ford Mondeo rückwärts in seine Garage, der Fahrer steigt aus, trottelt rückwärts gehend in sein Haus, hängt seine Jacke an die Garderobe, retiriert in die Toilette und setzt sich auf den Topf, endlich ….. nun, das lässt man aus. Verletzt die Menschenwürde.

Endlich ist die Reorganisation abgeschlossen. Die Zeit stoppt, und bewegt sich wieder in die korrekte Rich-tung. Der Typ in Pinneberg kommt vom Topf hoch, fühlt sich gut und macht sich wieder auf den Weg Richtung Blankenese. Nichts ist passiert. Nur einige empfindsame Menschen erleben die überflüssige Minute als ausgedehntes Déjavu.

Inni entert die Dachrinne und setzt sich neben Succi. Sie ist aber noch nicht mit ihm fertig. Du kommst jetzt mit zum Alten, Sackgesicht! Ich muss Bericht erstatten. Und Du wartest vor seiner Tür. Ich möchte heute nicht nochmal erleben, wie Du Mist baust. Ist das klar?

Sekunden später steht Succubus vor Luzifer und berichtet: Ehrwürdiger Satan, ich habe Incubus in Hamburg angetroffen. Er hat dort auf mich gewartet. Es war nichts passiert. Ich vermute, er hat grossen Respekt vor Dir und Deiner Allmacht. Kann sein, er beginnt zu verstehen. (Sie fährt sich mit der Pfote zart über ihr Schnäuzchen, und Luzifer bemerkt´s mit Entzücken). Es gibt also keinen Grund sich zu sorgen.
Luzifer fragt nach, was sie eine Stunde lang getrieben hätten, wenn nichts zu reparieren gewesen sei. Succi: Nun, ein wenig lüstern war der Incubus schon. Du kennst ihn. Wenn er sein Engelsgesicht aufsetzt und damit beginnt, Rosenkränze zu beten, dann steht er kurz vor einer Eruption, und man muss einige Mühe darauf verwenden, ihn wieder so weit herunter-zukühlen, dass man ihn allein lassen kann. Aber sei versichert: Wir arbeiten dran. Keine Sorge. Succi hat alles im Griff!

Luzifer verliert das Interesse an Inni, und sein Interesse an Succi wächst. Sie bemerkt dies, bedauert, dass eines der grossen Welträtsel ungelöst bleibt: Engel sind geschlechtslos. Und das bleiben sie auch als gefallene. Wie kann es angehen, dass der Boss sich wie ein geiler Bock aufführt, seine Energie derart verschwendet, sich aufplustert wie ein Gockel, um dann einem aufgeschlitzten Heissluftballon gleich abzu- schlaffen, ohne auch nur im geringsten einen Nutzen aus dem Gehabe zu ziehen? Kerle!

Succi zieht sich zurück, bevor die Situation richtig unangenehm wird; der Alte mag sich in sein Schwefel-bad verziehen und de-eskalieren. Sie hat schliesslich einen Auftrag zu erledigen, und zudem die Dumpf-backe Inni am Halse.

Succubus und Incubus machen sich auf den Weg, um ihre Arbeit zu erledigen. Der temporär Geköpfte sitzt nun in seiner Stammkneipe und hat bereits das zweite Bierchen vor sich stehen. Es ist offenkundig: Er hat auch die für das Eingiessen von Pils erforderliche Körperöffnung ordnungsgemäss zurückerhalten; seine Mine verrät, dass Schäden an Körper, Geist und Seele nicht eingetreten sind.

(4) Succi memoriert laut (damit Inni mitkriegt, was nun zu tun ist):

· Auftrag
· Durchführen: Incubus / Succubus
· Termin: innerhalb von 6 Stunden
· Zielperson: x, Senator der Freien und Hanse-stadt Hamburg, Bezirk Mitteleuropa, Planet Erde
· Massnahme: holen (tot oder lebendig), und sofort vorführen
· Begründung: Senator X wurde durch Pastor Y verflucht; Y murmelte den Fluch: Da sitzt er. Den soll der Teufel holen! noch während seines Gottesdienstes. Damit wird der Fluch wirksam.
· Die Massnahme des Pastors steht im Zusammenhang mit einer erwarteten, aber nicht eingetretenen Spende für die Nordelbische Kirche und dem damit einhergehenden Verlust von 25 Prozent des Spendenbetrags für die Gemeindekasse des Pastors. Senator X hatte einen 6stelligen Betrag zugesagt und einen 3stelligen zur Verfügung gestellt.
· Besonderheit: Das Verhalten des Senators X deutet an, dass er der Hölle nähersteht als dem Himmel. Das ist jedoch irrelevant. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derlei Erwägungen die Durchführerung des Auftrags nicht beeinträchtigen dürfen.

Senator X wohnt am Süllberg; er ist Eigentümer einer Penthouse-Wohnung mit Elbblick. Verheiratet, aber kinderlos geblieben, hat er sich für eine Legislaturperiode vom Handel abgewandt und sich der Lokalpolitik verschrieben. Als gelernter Kauf-mann hat er folgerichtig das Ressort Kultur übernommen.
Sein Unernehmen beschäftigt in der Regel 130 Mitarbeiter und wird derzeit von einem Geschäfts-führer geleitet. Das Unternehmen handelt mit allem, was der ferne und der mittlere Osten zu bieten haben: Teppiche, Tee, Gewürze, Elektronik, um die wichtigsten Posten zu nennen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, Senator X sei ein hansea-tischer Pfeffersack im Original.

Das ist nun jener Mann, den die Teufel holen sollen, weil ein Pastor es wünscht. Welch eine Ironie!

(5) Teufel reisen nicht. Sie scheinen immer genau dort zu sein, wohin sie wollten. Ein Kurztrip von München nach Hamburg dauert den Bruchteil eines Wimpern-schlags. Sofern Inni sich dabei um eine Sekunde verspätet, dann hat er gewiss einen Abstecher nach Australien unternommen, und bekommt deswegen richtigen Zoff mit Succi.

Natürlich ist Senator X nicht zu Hause. Die Teufel wissen nicht, wo er sich aufhält, aber sie kennen seinen nächsten Schritt. Also rasch bei der Industrie- und Handelkammer vorbeigeschaut, nicht da. Nächste Station ist die Staatsoper, Büro des Intendanten (vorzüglicher Cognac!), dann weiter ins Rathaus, hier das Restaurant (X hat Boeuf à la mode gegessen), sodann das Büro des Bürgermeisters aufgesucht, und ist anschliessend in den Freihafen gefahren, wo er einen Schuppen, den 10er gemietet hat.

Hier wird’s für Succi und Inni überaus ungemütlich. Nicht dass hier Weihwasser gelagert wäre – das nein. Aber Teufel fürchten Gewürze ebenso. Sie sind mög-licherweise traumatisiert durch intensiven Kontakt mit Weihrauch, wovon die Katholiken in Kirchen wie im Freien reichliche Mengen verbrennen. Die Ursprünge des Weihrauch im christlichen Gottesdienst liegen im römisch-byzantinischen Hofzeremoniell. Dabei wurde Weihrauch als Amtsinsignie hoher Beamten über-nommen. Schon damals haben sich Bischöfe hinter Schwaden von Weihrauch versteckt und zugleich ihren Gläubigen die Sinne vernebelt. Inni ist frustriert:

· Succi, weißt Du noch, damals inByzanz, als ….
· Höre mir mit den alten Geschichten auf!
· Aber Succi, riechst Du ihn nicht? Das ist kein Sandelholz!
· Inni, Du bist ein feiger Teufel! Und Du hast Glück, dass uns jegliches Schamgefühl abgeht! Los, weiter!
· Succi! Ich mag keine Gewürze! Sie machen mich nervös! Man weiss nie, was kommt! Unser Mann ist ein Pfeffersack! Gewürzhändler!
· Inni, noch einen Ton, und ich tue, was der Boss mir aufgetragen hat! Hier ist keine Kirche, hier wird kein Weihrauch abgefackelt! Das hier ist nicht der Kölner Dom, sondern Schuppen 10 im Hamburger Freihafen. Vergiss endlich Byzanz, Du Lusche!

Schliesslich haben die beiden ihren Mann auf Boden 3 geortet. Ausgerechnet dort. Er palavert mit einem der Gangführer, sitzt dabei auf Paketen – Weihrauch.
Boswellia carteri Prov. Somalia. Steht so da, riecht so, ist auch drin.

Succi ist sprachlos. Was tun? Invisibel bleiben, selbstverständlich. Warten. Natürlich. Zuhören. Was sonst? Aber die Zeit!

· …. sicher, dass die bestellte Qualität drin ist?
· Da müssen wir eine Stichprobe nehmen! Ich hole mal schnell eine leere Dose …
· Aber keine Fischdose ….
· Gewiss Herr Senator. Ich weiss Bescheid – sonst glauben wir noch, dass der Weirauch nach Hering riecht, mit Senfsosse …. hahahaha …
· Machen Sie zu, Sandner, soviel Zeit habe ich nicht!
· Sekunde, da ist sie schon. Die haben wir letztes Mal auch benutzt! Wir wollen doch den Herrn Bischof in Paderborn nicht verärgern!
· Nu man los, Sandner!

Inni: Jetzt hau ich ab. Es wird ungemütlich!
Succi: Feiger Hund!
Sandner: Dor hebbt wi den Krom. Mit´n beten Holzkohle ward dat gein.
Der Senator: Machense man zu!
Sandner: Brennt´n beten!
Inni: ich verzisch mich.
Succi: Ich komme mit.

Und bald riecht der Boden 3 des Schuppens 10 am Tschechenhafen wie der Dom zu Bamberg am höchsten katholischen Feiertag.
Sandner: Brennt gut, qualmt gut, riecht wie immer. Kann ich jetzt lüften?
Der Senator: Machense man zu. Ich nehme mir eine Probe mit. Meine Frau schwört auf H15. Soll gegen alles helfen. Und so ganz unrecht hat sie nicht. Wurden Sie jemals in einer katholischen Kirche von Mücken geplagt? Nein, meinte Sandner, das wäre man schlecht möglich, weil er Atheist sei, lauerten ihm die Mücken in seiner Schlafkoje auf. Stecken Sie sich doch auch eine Probe von dem Zeug ein, für zu Hause, sagte der Senator im Weggehen, und verströmte dabei einen Duft wie eine Tonne Mottenkugeln. Den Teufel werde ich tun, brummte Sandner. So, wie ich rieche, kann ich nicht nach Hause kommen. Meine Alte schmeisst mich sofort wieder raus. Da kann ich denn man gleich in die Kneipe. Sprachs und zog los. Den Schuppen hatte er dann doch noch abge- schlossen und die Alarmanlage scharfgeschaltet.
(6) Senator X duftete still vor sich hin, setzte sich in seine Luxuskarosse und machte sich auf den Heimweg. Succi und Inni hatten ihm aufgelauert, sich aber nicht an ihn herangewagt. Succi memorierte erneut:

· Erstens haben wir nur noch eine und eine halbe Stunde Zeit, um den Auftrag zu erledigen.
· Zweitens kommt der Senator X ungeschoren davon, wenn wir´s in der restlichen Zeit nicht schaffen.
· Drittens fehlt uns die Zeit, die wir mit Inni´s Blödsinn in Blankenese vertrödelt haben.
· Viertens möchte ich nicht in unserer Haut stecken, wenn der Alte erfährt, dass er den Senator nicht kriegen kann.
· Daraus ergibt sich fünftens, dass wir ab sofort agressiv vorgehen müssen. Vergessen wir den Weihrauch, sonst gibt’s Zunder!

Inni hält dagegen: Mach Du´s. Ich fass den Typen nicht an. Beim letzten Mal habe ich gereihert bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Eine Kunst, sage ich Dir. Nicht essen, nicht trinken, aber reihern, das krieg Du erst mal hin.

Succi: Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich Dich gebührend bedauern. Nun aber holen wir uns den Senator! Schlappschwanz!

Und einen Wimpernschlag später kauern sie in des Senators Salon, unsichtbar wie immer, und beobachten Frau X beim Arrangieren eines gewaltigen Blumenbuketts. Des guten Wetters wegen hat die Hausfrau die Schiebetür zur Dachterrasse geöffnet. In der Sonne tanzen die ersten Mückenschwärme, sehr zum Missfallen von Frau X, die nicht ahnt, dass diese frühen Insekten noch nicht zum Blutsaugen konditio-niert sind. Angeber allesamt.

Um es kurz zu machen: Zunächst erscheint Senator X auf der Bildfläche. Duftet nach Weihrauch, als wäre er stundenlang in einer Fronleichnamsprozession mitgelaufen.

Inni kriegt das Würgen.

Frau X erinnert sich: Hast Du ein wenig Weihrauch mitgebracht? Schau Dir die Mücken an. Schwärme davon schon im Frühjahr, unglaublich! Ja? Her damit.

Rasch hat sie eine vorbereitete Schale herbeigeholt, und der Senator bestückt und befeuert diese.

Inni beginnt zu reihern.

Succi will sich dem Senator nähern.

Inni verliert die Kontrolle und schaltet aus Versehen auf Sichtbar.

Frau X schreit wie am Spiess, und sinkt ohnmächtig zu Boden.

Der Senator ist aus härterem Holz. Merkwürdig, denkt er. Die Gestalt sieht aus wie die bei Albrecht Dürer: Der Ritter, der Tod und der Teufel. Genau, es ist der Teufel! Was will die Type hier?

Die unsichtbare Succi verliert jetzt ihererseits die Fassung.

Der Senator hält noch immer die Weihrauchschale in der Hand und vergisst, sie abzustellen. Lässt sich in einen Sessel fallen und staunt: Wer hat je im Leben einen kotzenden Teufel gesehen?

Succi ist mittlerweile unter Krämpfen zurückgewichen. Die gesamte Szenerie scheint ihr unwirklich. Kämpft sich zu inni vor und schaltet ihn auf invisibel.

Der Senator ist noch immer bei Dürer; seine Berufung zum Kultursenator beginnt Früchte zu tragen. Endlich stellt er die rauchende Schale zur Seite, um sich einen Bildband aus dem Bücherbord zu greifen.

Dumm, denn er schiebt den Mückentod den beiden Teufeln direkt unter die Nase.

Inni ist einer Ohnmacht näher als allem andern, und Succi beginnt zu reihern. Sie weichen zurück, und Succi will den Kampf wieder aufnehmen. Sie rappelt sich auf und stürzt auf den Senator zu, der sich mit einem schweren Bildband in der Hand umwendet – er trifft Succi versehentlich direkt auf die Schnauze, und sie weicht jaulend zurück.
Teufel weinen nicht, auch wenn ihnen danach zumute ist. Succi setzt sich verzweifelt auf den Teppichboden. Unter ihr bildet sich eine Pfütze, was den Senator nun doch ziemlich verwundert. Pfützen aus dem Nichts sind auch in Hamburg äusserst selten.

Während er sich fragt, wo das üble Vieh abgeblieben sein mag, und wer es ihm geschickt haben könnte, und was der ganze Mummenschanz eigentlich soll, kommt für Succubus und Incubus die Abberufung. Ihre sechs Stunden sind verstrichen, der Teufel hat den Senator nicht gekriegt.

An seiner Stelle bekommt er zwei kotzende Unterteufel. Sie werden seinen Zorn zu spüren bekommen, sobald es ihnen wieder besser geht. So lange wird er mit seiner Rache warten. Zur Strafe wird er die beiden in Hamburg installieren – in menschlicher Gestalt selbstverständlich. Sie sollen wie Herr X politische Ämter bekleiden.
Sie sollen wie Herr X unredlich handeln, verflucht werden, und er wird ihnen Unterteufel schicken, sie jagen lassen, sie vor seine Füsse werfen lassen und ihnen alles nehmen, was sie je besassen. Er wird sie in seiner Hölle schmoren lassen. Bis dahin, Ihr Höllenhunde, kotzt Euch ruhig aus, und erleidet einen ersten Schmerz! Ich, Luzifer, der Sohn des Lichts und der Herr der Hölle habe alle Zeit der Welt, und die Ewigkeit dazu!

Gut gebrüllt, Löwe! Nur hat die Pleite ein Nachspiel. Wenige Momente nach Fertigstellung der Strafpläne für seine beiden Versager wird er, Luzifer, zum Herrn gerufen. Wo bleibt mein Senator, mein Sohn? So lautete seine einzige Frage. Zwei Erzengel mit Flammenschwertern setzten bedrohliche Mienen auf. Wo bleibt mein Senator, der meine Kirche um einen sechstelligen Betrag betrog?

Ein Cherubim, Engel der Weisheit: Er hat ihn nicht!

Ein Seraphim, Engel der Liebe: Er hat ihn laufen lassen!

Beide (im Chor): Er ist ein Versager!

Die Cherubime mit ihren Flammenschwertern: Wir wollen ihm das Fell versengen!

Alle zusammen: Herr befiehl? Was sollen wir mit ihm machen?

Und der Herr sprach: Es ist Luzifer, einer Eurer Brüder, und mein Sohn! Habt Erbarmen. Schickt ihn in Menschengestalt auf die Erde und lasst ihn ein gesamtes Menschenleben erfahren. Er soll im Leid baden und Demut lernen!

Die Engel gehorchten, unverzüglich und ohne Widerrede.

Und so wurde Donald Trump geboren.

Nicht lesen!

Ein seltsamer Tag, dieser Dienstag. Ich schreibe das Wort „Dienstag“ mit 3 Tippfehlern. Staunend stelle ich fest, damit eine neue Höchstleistung geliefert zu haben. In meiner Phantasie feiere ich dieses Ereignis mit einem Schluck Champagner. Aber nun treibt mich meine Neugierde zu der Frage, wie es dazu kommen konnte. Wie habe ich das nur geschafft? Ich schaue auf meine Finger. Sie sind es gewesen, es bestehen keine Zweifel an dieser Feststellung. Ich erkenne, dass Klärungsbedarf besteht, und lege beide Hände auf die Schreibtischplatte, betrachte meine Fingernägel. Sie sind so, wie ich „gepflegte Hand“ definiere – es fehlen einige Feinheiten. Ich vermisse sie keinesfalls. Oben sind die Hände in Ordnung. So stelle ich das in meiner Sprache fest. Nun ist da eine zweite Seite. Das Unten. Ich drehe meine Hände um und sehe das Unten. Irritiert schaue ich aus dem Fenster, denn nun ist das Unten oben, und damit habe ich ein Problem. Ich liebe Klarheit in allen Lebenslagen und strebe beständig nach diesem Ideal. Der Gedanke, dass das Oben nun unten ist, verwirrt mich vollends. Touchez! Ich schaue aus dem Fenster, und erkenne eine neue Dimension. Mit Handschuhen besteht doch das selbe Problem, oder? Ich verdränge diese ungeklärte Sichtweise und wende mich wieder meinen Händen zu, indem ich den Begriff „Innenhand“ ins Spiel bringe. Man weiss, dass Innenhand dort ist, wo man keine Fingernägel sieht. Die damit geschaffene Eindeutigkeit befriedigt ….. genau bis zu jenem Punkt, der erkennen lässt: Eine Aussenhand kennt die Sprache nicht. Schon hat man dem glasklaren Blick Risse zugefügt. Zu allem Unglück gesellen sich Vorhand und Rückhand dazu, obschon man im Tennis nicht mit Händen, sondern mit Schlägern spielt, wobei Schläger nicht Rabauken sind, sondern ….. ich sollte wohl den Mund halten und den PC abschalten.

Eigentlich wollte ich an einem ganz anderes Thema herumschrauben. Aber ich bin alt genug, dass ich mir Verwirrungen und Verirrungen gönnen darf. Offen ist die Frage, ob ich dabei entstandene Machwerke in meinem Blog veröffentlichen sollte. Nach kurzer Prüfung komme ich zu einem uneingeschränkten „JA“ – als warnendes Beispiel für Höheren Blödsinn.