Seltsames Meeting

Werfen wir doch mal einen ganz groben Blick auf die Zeit, besser: Auf die Gegenwart.
Die Gegenwart. Gestern war sie noch Zukunft, und morgen ist sie Vergangenheit. Sie zerfliesst mir wie Butter in der Sommersonne.

Ja, sagt der Logiker, Du hast ja auch 24 Stunden dazwischen geschoben. Du hast nach Gestern und nach Morgen geschaut, und das Heute, das sind die vermissten 24 Stunden, vernachlässigt!

Ach nein, sagt der Superlogiker. Nimm eine Sekunde, meinetwegen genau diese: Tick …..tick! Die Sekunde davor war schon Vergangenheit, und die Sekunde danach Zukunft, die aber längst Vergangenheit geworden ist, weil wir ….. ja, weil wir mit Sekunden nichts am Hut haben. Damit sollen sich die Uhren abmühen!

Oma ist 88. Sie hat zugehört, und mischt jetzt mit. Hej, Super! Das selbe kannst Du mit einer Nanosekunde machen! Oder mit einer Femto, einer Attosekunde, wirft der Logiker ein. Super ist nun in Kalamitäten. Er weiss, die liegen richtig! Ich kann die Zeiteinheit so klein reden, bis sie nicht mehr wahrgenommen werden kann – sie hat immer eine Vergangenheit hinter und eine Zukunft vor sich.

Ich schalte mich ein. „Wenn wir die Gegenwart völlig kaputtgeredet haben, entfällt sie, und der Vergangenheit folgt direkt die Zukunft!“ Nun herrscht betretenes Schweigen. So etwas will hier keiner – man frage mich nicht warum. Aber die Logik ist zwingend.

Der Gehstock, an dem mein Opa hängt, betritt die Küche. Der alte Mann hat etwas mitgekriegt und will seinen Senf dazu geben. Schwerhörig, wie er ist, brüllt er los: “ Hej, die kürzeste Zeit ist die Gegenwart! Sie hört auf zu sein, ehe sie kommt!“ Der Super-Logiker murmelt etwas wie „Der schon wieder!“ Und der schwerhörige Alte hats gehört und ergänzt:“ Sagte Seneca so um 64 n. Chr., lies nach im De Brevitate Vitae. Praesens tempus brevissimum est ante desinit esse quam venit! Oder so ähnlich!“

Oma: “ Ich verstehe kein Wort. Muss der immer mit seinem Latein kommen? Der ist 91 und immer noch nicht leer! Das nervt!“

Opa hat’s gehört. Er muss nun salomonisch werden – auf seine Art. Haut mit seiner Krücke auf den Tisch, das Obst in der Glasschale macht einen Hopser, und er verkündet sein Urteil: „Es reicht. Ihr schiebt jetzt wieder 24 Stunden dazwischen, nennt sie Gegenwart, und alles ist wie gestern! Und das Morgen wird besonders schön. Da kommt meine Rente.“ Dann klemmte er sich sein Brevitate vitae untern Arm und verschwand Richtung ….. nun, wir wissen ja wohin.