Ein kalter Abend

Er schaute aus dem Fenster und sah den Tag, wie er ihn fühlte. Das Draussen hatte alles verloren. Es fehlten Schönheit, Charme, Freundlichkeit, verloren war alles, was des Menschen Sinne befruchtet, um Dasein in Leben umzuformen und die Seelen, die diese Stadt beherrschen, zu befrieden. So spürte er die Aufruhr in seinem Innern und war beunruhigt. Wusste er doch, was nun folgen würde.

Unbestimmte Wünsche keimten auf, formierten und verbündeten sich, wurden konkret, begreifbar, und wuchsen an zu brüllende Forderungen, übernahmen die Kontrolle über ihn und seine Bedürfnisse, und bestimmten sein Denken, und am Höhepunkt auch sein Handeln. Im Hintergrund dieses Terrors spielte zugleich wie leise Begleitmusik in einem Kaffeehaus eine abgrundtiefe Traurigkeit.

Er wusste, dass er wieder einmal die Macht über sein Ich verloren hatte und entschloss sich, zu tun, was er in solchen Fällen immer tat. Er kleidete sich an und verliess den Ort seiner Niederlage, wanderte eine Stunde lang durch die menschenleere Stadt, dann eine weitere Stunde, und mittlerweile hatte Dunkelheit dem Regen seinen Schrecken genommen.

Unversehens stand er vor dieser Bar, die er so oft aufsuchte, wenn ihn der Schmerz übermannte. Er trat ein, schälte sich aus seinem regennassen Mantel und stellte sich an das hintere Ende des langen Tresens. Der Barkeeper blickte herüber, der neue Gast nickte leicht, und man reichte ihm einen Single Malt, der nach Rauch und Algen duftete. Zwei Finger breit, im Tumbler, mit einem winzigen Schuss Wasser zur Blüte gebracht
standen nun vor ihm. Ein Wortwechsel dazu war überflüssig. Der Barkeeper hatte den Gast längst durchschaut; er ist ein Meister beim Lesen seiner Gäste, ihrem Zustand und ihren Bedürfnissen.

Der Mann am Tresen begann, seinen Scotch mit Bedacht und in kleinen Schlucken zu trinken, und es schien, als würde sich seine Miene entspannen und seine Seele in einen Normalzustand zurück finden. Und irgendwann reichte ihm der Keeper einen zweiten Whiskey, den er dann nahezu zeremoniell genoss. Schliesslich legte er einen Geldschein auf den Tresen und verliess die Bar grusslos.

Es schien, als ob sich sein Schritt gefestigt und seine Körperhaltung aufrechter entwickelt hätten. Er überquerte die Strasse, bog in eine Nebenstrasse ein, blieb vor einem Haus stehen und schaute auf hell erleuchtete Fenster im Hochparterre. Lehnte sich gegen den alte gusseisernen Zaun und wartete, wartete und vergass die Zeit. Endlich erschien sie. Vielmehr bemerkte er ihren Schatten auf der weissen Gardine, und offenbar trug sie ihr Kind durch die Stube, die er so gut kannte. So stand er am Strassenrand, im Regen, und wartete auf neue Bilder, bis das Licht erlosch. Die Nässe in seinem Gesicht schmeckte nun nach Salz. Er spürte Kälte.

Er wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten weiter, in Richtung Fluss.