Auf’m Kiez

Ich bin gerade wieder mal in Hamburg, auf dem Kiez, wie Insider St. Pauli nennen, und schwelge in Erinnerungen. Viele sind es ja nicht. Ich mochte das Viertel nie, und nur besondere Anlässe lockten mich dorthin – wie z. B. in 1982 in einem der Hamburger Kinos „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ich hatte Langeweile, meine Frau war auf Reisen, ich also los zum Kino auf St. Pauli. Es war Sommer, sehr warm, ich hatte noch 2 Stunden Zeit bis zu Vorstellung, und einen höllischen Durst. So stand ich glatt vor dem „Silbersack“, einer Traditionskneipe auf dem Kiez! Also rin in die gute Stube, erwische den letzten Barhocker und bestelle ein Bier. Rasch gezapft war’s schon, aber ich hatte noch nicht zugegriffen, als von hinten eine Hand von Klodeckelgrösse mein Bier ergriff. Zehn Sekunden, und mein Glas stand leer vor meiner Nase.

Jetzt bloss nicht umdrehen, dachte ich. Sei mal schlau, dachte ich mir, und nimm dem da hinten erst mal die Waffe aus der Hand. Ich zum Barkeeper: „Mach mal noch zwei!“
Es herrschte Stille. Aber zwei Bierchen kamen fix rüber. Ich nahm eins und reichte es über meine Schulter nach achtern. Das zweite war dann meines, und der Durst war erst mal gebremst. Er und ich tranken also in Ruhe ein Bierchen, dann standen zwei leere Gläser auf dem Tresen, und im Raum stand, mit der Stimme einer alten Marktfrau gekrächzt, seine Forderung: „Mach mal noch zwei!“ Ich griff mir das zweite Glas, drehte mich um und grinste einen Gorilla-Artigen an. Der grinste zurück, und schon war das Wetter im Silbersack so schön wie vor der Tür.

Um es abzukürzen: Den Film habe ich verpasst, dafür wusste ich alles über seine 3 Katzen, seinen Job als Türsteher, und ein wenig über sein Leben. Irgendwann sagte er Tschüss und verschwand, wie er kam. Der Barkeeper nahm mich zur Seite:“ Hast Du nicht mitgekriegt, was der von Dir wollte? Eine Prügelei! Das macht der oft so! Und der gewinnt immer! Immer! Der hat hier Lokalverbot!“ Ich fragte nach, warum man ihn nicht rausgeworfen hat. Der Keeper meinte: „Eher werde ich von ihm rausgeschmissen. Solange er friedlich ist, sollte man ihn einfach gewähren lassen.“

Ich sass in der Strassenbahn und fuhr nach Hause. Dachte über den Fall nach. Dieser Gorilla spielt doch wohl eine Rolle, die das unbarmherzigen Schlägertyps, mit dem man sich nicht anlegen darf – eine Schutzfunktion auf dem Kiez, wo es nicht gerade fein zugeht. Wenn er sich produziert hat, geht er nach Hause und schmust liebevoll mit seinen Katzen. Ich konnte nicht umhin, ihn zu mögen.

Nach Wochen fragte ich im Silbersack nach dem Gorilla. „Nicht da. Der sitzt wieder mal, wegen Körperverletzung!“ Idiot, dachte ich, versaut mir glatt den Nachmittag …..

2 Antworten auf “Auf’m Kiez”

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