Schicksal

Es ist kaum zu glauben. Aber ich bin zwar alt geworden, aber immer noch unerfahren genug, um mir die Finger zu verbrennen. Genau dies ist neulich geschehen, als ich zustimmte, dass meine Tochter einen Teil meines kleinen Häuschens okkupiert, sich hier ausdehnt, indem sie überall Kartons mit fragwürdigem Inhalt lagert und ihre eigene Wohnung kündigt. Nun wohnt sie hier, spart Mietzahlungen an Dritte, und kocht Kaffee.

Wie schön, wenn das alles wäre. Was das Essen betrifft, könnten die Unterschiede zwischen ihr und mir nicht grösser sein. Während ich erwartungsgemäss die deutsche Küche mit ihren Höhepunkten bevorzuge, tendiert Madame zu Asia-Food. Oder Rosenkohl ohne alles, während meine Bratwurst im Eis vor sich hinfriert. Einigkeit ist nur mit Kuchen oder mit Schoko-Eis plus Eierlikör herzustellen. Da geht nicht viel zusammen, weshalb wir getrennte Küche vereinbarten. So gesehen könnte ich auch mit einem Eskimo zusammenwohnen, der nur sein Robbenfleisch kauen mag. Immerhin kann ich unter diesen Bedingungen in Ruhe meine Dosensuppen essen. Dachte ich.

Wir haben zur Sicherung einer Privatsphäre eine Vereinbarung getroffen, die sich bewährt – glaubte ich. Erste Übergriffe seitens meiner Tochter hat es aber schon gegeben. „Papa, Du hast da einen Tomatenfleck!“ Na und? Ist doch meiner, auf meiner Latzhose, ist privat! Oder „Papa, wo hast Du das Powidl versteckt? In Mama’s Bett etwa, in der Matratze?“ Wo ich mein Pflaumenmus verstecke, wenn ich das möchte, ist doch wohl noch immer meine Angelegenheit, oder? Und was kann ich dafür, wenn Madame so schlecht gucken kann, dass sie das Powidl im Vorratslager nicht sieht? Ich war schon immer ein Gegner von Kontaktlinsen! Sowas kommt von sowas, das weiss jeder erwachsene Mensch.

Der Wahrheit halber muss ich anfügen, dass bis heute, nach 4 Wochen Zusammenleben noch kein Blut geflossen ist. Dennoch trage ich stets ein Laguiole-Messer in meiner Hosentasche, und ich weiss nicht, wie meine Tochter gerüstet ist – ich vermute Hinterlistiges wie Pfefferspray – aber wir nehmen aus Vorsicht Rücksicht aufeinander.

Man weiss nie, was, wie, wann und warum eine Situation eskaliert. Aber ich weiss: Höchste Alarmstufe ist angesagt, wenn der Kaffee-Fluss versiegt. Allerdings sind dies hier nicht die USA. Es gibt im Haus keine Schusswaffen, und das soll so bleiben. Eine Verletzung dieser Konvention hätte schwerwiegende Folgen: Ein Bresse-Huhn beschaffen und zu einem Backhendl umarbeiten und als Dessert eine Quarktorte reichen. Der damit verbundene Aufwand und der Preis für ein Bresse-Huhn schreckt jeden Übeltäter ab.

So harren wir der Dinge, die da kommen. Ob ich unter Strom stehe? Tsssss. Die Frage kann nicht ernst gemeint sein. Ich bin 80. Woher soll der Strom kommen? Was ich noch habe, reicht gerade, um eine Kaffeetasse zu halten und an den Mund zu führen. Beim Absetzen lasse ich sie nach unten absacken. Klar, dann kommt „Papa, Du hast da einen Kaffee-Fleck auf dem Bauch!“ Hart ist das Leben an der Küste? Ich denke, dass ja.

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