Deutschstunde

Es ist halb vier. Ein gebildeter Mensch würde das anders formulieren: Es ist 15:30 Uhr. Und ein eingebildeter Mensch formuliert vielleicht: Meine Uhrzeit geht Sie garnichts an. Ich aber bleibe in meinem rustikalen Sprachgebrauch gefangen und sage: Eben war noch halb vier. Jetzt ist es fünef nach. Ich bin da etwas pingelig.

Nun käme eigentlich die Frage aus dem Publikum: Was war denn nun um halb vier ausser Uhr? Ich erkenne sofort, dass diese Frage zu Recht gestellt würde. Es hätte sein können, dass ich um halb vier ein Ei gelegt habe, so gross wie das vom Strauss, und heute abend gäbe es Rührei für acht Leute. Habe ich aber nicht, und jeder, der mich kennt, weiss das und fragt nicht so blöde.

Was also war los? Nun, ich habe in den Garten gestarrt und die Buschwindröschen gezählt. Und bei 17 habe ich aufgehört zu zählen. Aha, denkt das Publikum, nun gehts bei dem auch los. Ob das Alzheimer ist? Ich versichere: Erstens bin ich kein Präsident, und zweitens kein Alzheimer. Nein, es ist wie beim Sport, genauer gesagt wie beim Weitsprung. Man nimmt Anlauf, dann springt man weit. Gut, oder nicht. Blümchen zählen ist Anlaufen zum Denken und immer dann unverzichtbar, wenn Denken wichtig ist.

Jetzt mache keinen Fehler, indem Du mich fragst, was wohl wichtig war. Du fragst ja auch nicht nach der Farbe meiner Unterhose. Ich sage es freiwillig. Es ist so: Ich bin ein Mensch ohne besondere Sprachbegabung. Mir fehlt es an Eloquenz, darum werde ich niemals einen elegant formulierten Text zustande bringen. Meine eigenen Texte zu lesen ist für mich sensiblen Menschen wie eine Fahrt auf der Via appia mit einem eisenbereiften Pferdewagen. Kurz gesagt, es rumpelt, verbal.

Nun haben Leute, denen praktische Fertigkeiten versagt sind, die Angewohnheit, mit der Theorie zu kompensieren. Ich gestehe, zu dieser Gruppe zu gehören. Und darum nehme ich diesen langen Anlauf, um ein relativ kleines Problem auf den Tisch zu legen, wobei ich mir vom Legen – nun, nicht gerade eine Erleuchtung – so aber doch Befriedigung erhoffe. Ich denke, ich sollte nun endlich zur Sache kommen. Da sagt man

  • Wollen wir heute abend gemeinsam etwas unternehmen? Aber auch
  • Wollen wir heut e abend nicht etwas gemeinsam unternehmen?
    Beide Fragen sind positiv! Wie aber formuliert man negativ?
  • Wollen wir heute abend gemeinsam nichts unternehmen? Idiotisch! Oder
  • Wollen wir heute abend nichts gemeinsam unternehmen? Geht auch nicht. Vielleicht
  • Gemeinsam wollen wir heute abend nichts unternehmen. Geht, aber unter Schmerzen.

Trivial, nicht wahr? Aber über diese sprachliche Hürde bin ich gestolpert, und lang hingeschlagen. Der Text liegt im Papierkorb. Friede seiner Asche!