Immer

Ich hatte irgendwann behauptet, man könne über alles schreiben. Nicht unterstellt war, dass man stets gut und schön über alles schreiben könne. Man kann aus Kuhmist nun mal keine Venus kneten. Der folgende Beitrag ist nicht mehr als ein Experiment. Eine Venus war nicht das Ziel. Ich wollte nur mal gucken, was geht.

Frage: „Wie geht’s Dir heute?°
Antwort: „Na, wie immer.“

Sie ist nicht gerade geistreich, diese Antwort. Aber ich benutze sie gelegentlich, weil ich es in der Regel ablehne, über meine Befindlichkeiten zu sprechen. Dies ist unbedingt zu vermeiden, da mich eine ehrliche Antwort dazu zwingen kann, erst einmal über mein Befinden nachzudenken und festzustellen, ob es mir gut geht, oder nicht so, und wenn ja, warum und so weiter. „Na, wie immer.“ ist also eine Killerphrase.

Aber wie steht es mit dem Immer, wenn ich meinen Verstand zwischengeschaltet habe? Unglaublich! Sofort fällt mir ein Synonym ein. Ist „ewig“ gemeint? Und schon macht sich Entrüstung breit. Das wäre zu hoch gegriffen. Ewig ist für die Philosophie gemacht, das Immer nur für den Küchentisch. Hör also auf, so einen Scheiss zu denken, Alter! Ähäm. So also nicht. Ich gehe anders ran. Wo passt immer hin?

Man sagt, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Das ist wohl wahr.
Man kann auch sagen, eine Sache sei niemals immer dieselbe. Wenn ich mir einen harten Kieselstein nehme, ihn sauber schrubbe und desinfiziere, ihn dann auf meinem Schreibtisch deponiere – ist er morgen derselbe wie heute? Weiss der Kuckuck, was sich in 24 Stunden auf so einem Kiesel ansiedeln mag – die Auswahl ist gross, und mindestens hat er Staub abgekriegt. Er ist nicht immer derselbe.

Nun bin ich genervt. Habe mich in einen Quark hineingefahren und weiss nicht, wie ich da wieder rauskomme. Ich muss es finden, das absolute Immer. Vielleicht so: Ich nehme einen Diamanten und lasse ihn in einem lichtlosen Vakuum schweben. Wie mag der Kluncker wohl nach 100 Mio. Jahren aussehen? Wie am Tag 1? Warten wir’s ab.

Nun muss ich dieses Kapitel abschliessen. Warum? „Du bist immer so schlecht drauf!“ zu behaupten ist einfach ungerecht. Ich bins nicht immer, und schon garnicht ewig respektive bis an mein Lebensende. Ich denke: Immer ist ein unbestimmter Zeitbegriff, den man sich zum Tarnen und Täuschen ausgedacht hat, der beliebig verwendet werden kann, und der haarscharf an der Wahrheit vorbeirutscht. Er ist einfach Sprach-Komfort.

  1. Neulich fragte mich der Arzt: „wie geht es Ihnen?“ Ich sagte es läge nicht in seiner Verantwortung. Das Gesicht hättest sehen sollen ;). Gruß aus dem Schwarzen Walde.

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