Vom Älterwerden

Noch vor zehn Jahren hätte ich nicht so lange zum Reflektieren gebraucht.
Keine Sorge, weder will ich mir wegen meines Alters Vorhaltungen machen, noch bin ich verrückt geworden (zumindest nicht offensichtlich). Nein, bisher habe ich mich intuitiv aus Überlegungen zum Älterwerden ausgeblendet. Es existieren bereits 4.796 Abhandlungen zu diesem Stichwort im Internet; man findet sie auf jeder zweiten Homepage des Sektors Senioren im Netz. Ausserdem denke ich, es wirkte hier ein Selbstschutz-Mechanismus. Wenn dem so war, dann ist er heute zusammengebrochen. Das ist es.
Ich muss den Tatsachen ins trübe Auge sehen, und gestehe: Auch ich werde älter. Nun ist es raus. Aber die Zeichen mehren sich nun mal. Andere bemerkten früher als ich verräterische Spuren im Gesicht und anderswo. Ich selbst bin da in gewisser Weise behindert. Fast ausschliesslich beim Rasieren stehe ich vor dem Spiegel, dann natürlich ohne Brille, sodass ich die Verwüstungen, die die Jahre in meinem Antlitz angerichtet haben, nicht wahrnehme. Wahr ist aber auch, dass ich könnte, wenn ich wollte, na gut. Lediglich die Waage spricht zu mir eine deutliche Sprache: Du wirst immer dicker, Alter. Du bewegst Dich zu wenig, Alter! Du isst mehr, als Du in Deinem Alter benötigst, Alter! Früher befand sich Dein Bauch am Bauch, heute unterhalb, Alter! Früher warst Du 30, jetzt bist Du 70, Alter! Früher warst Du 187 cm gross, heute noch 186, Alter! Aber 187 um die Taille, Alter! Eigenartig, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, einmal pro Woche auf diese Waage zu steigen – ausser vielleicht dem einen: Sie macht jeden um 4 kg leichter, als er tatsächlich wiegt. Sie verkauft eine Illusion. Leider spricht sie zu mir eine realistische Sprache, so oft ich die Illusion suche. Dumm, dass ich das Delta kenne.
Und ich kämpfe. Nee, nicht gegen das Alter. Auch nicht gegen das Gewicht. Bin nicht deppert. Nein, ich kämpfe gegen diese Bosheiten, die sich Leute erlauben, die noch älter sind als ich, oder aber jünger, und auf Seitenhiebe spezialisiert. Alles Freunde, gute Bekannte und Nachbarn. Als wäre ich nicht gestraft genug, weil mein einziger Anzug nicht mehr passt, und ich meine Sakkos nicht mehr zukriege. Weil mir das Bücken schwer fällt, was zu Problemen beim Schnürsenkelknüpfen führt. Meine Krawatten sind zu schmal, zu breit, zu bunt, die Oberhemden spannen über dem Bauch, sodass gelegentlich Knöpfe fliegen – stimmt. Ich habe wirklich nichts anzuziehen. Mit dem Älterwerden hat das nichts zu tun. Auch nicht mit den Drüsen. Ich wollte nur das Abbild meiner körperlichen Verfassung abrunden.

Ich werde halt alt. So ist es, und das ist in Ordnung. Ein paar Gedanken müssten zu diesem Thema vielleicht noch gedacht werden. Ich möchte daraus keinen Dauerbrenner machen. Aufarbeiten, nennt man das glaube ich.
Patent wäre zum Beispiel die Einrichtung eines Konto´s, just wie in der Buchführung, mit Zugängen, Abgängen und Bestandsausweis, sodass ich zum Beispiel Freizeit als Zugang, und Kehlsack als Abgang schematisch verbuchen und anschliessend zu meiner Tagesordnung zurückkehren könnte. Der Saldo meines Konto´s ALTERN sagt mir, ob ich mein Leben verändern muss, die Analyse der Kontenbewegungen weist mir den Weg dazu, und eine geschönte Bilanz dient dem Ego.

Der Mensch altert. Es laufen unaufhaltsam physiologische und psychologische Prozesse ab, in denen er gleichsam rücksichtsvoll auf seine finale Rolle als Erblasser vorbereitet wird. Dabei sind individuelle Parameter wirksam – deshalb altern wir nicht alle auf dieselbe Weise. Und darum hat es der eine in den Knien, und der andere im Kopf, und der dritte am Kehlsack, an den Knien und im Kopf.
Die Parameter sind teils fix, teils variabel; das meint: Wenn meine Stammzellen sagen, mit 65 geht die Pankreas in Rente, dann bin ich ab 65 Diabetiker Typ II. daran ist nicht zu rütteln. Und wenn mein Phlegma mir sagt, Sport sei Mord, dann wäre schon dran zu ruckeln, theoretisch. Iss nicht so viel. Theoretisch machbar. Statt Bauch nur noch Bauchlappen wie beim Kaninchen (lecker mit Zwiebelfüllung!), lässt sich wegschneiden. Das wäre auch mit dem Kehlsack machbar; aber wie sieht das dann aus? Überleg mal:
Ein altes Gesicht über einem jungen Hals, und ganz oben das strahlende Nichts, wo mal Haare gewachsen sind, der Hintern in der weissen Mai-Büx, die ich vor 43 Jahren gekauft und nie getragen habe, und am neu gestylten Hals vielleicht eine Goldkette, etwa 400 g schwer, den Rolex-Nachbau aus Hongkong am rechten Handgelenk – sehr eigen, das Bild.
Ich bin eh für´s Gründliche, wenn also etwas gemacht werden soll, dann richtig, und das hiesse: Krampfader links raus, rechtes Bein ab, Hinterteil geliftet, Brust- und Kopftoupet, Perlweiss auf die Zähne, Sonnenbank in den Keller, Gesicht zum Dauer-Smiley geliftet, die Goldkrone im Mund von hinten nach vorne versetzt, den Schnauzbart blondiert und alle Mitesser raus, Peeling drüber und Wimpern re-implantiert, das Fettabsaugen von den Hüften nicht vergessen! Und mit Winston Churchill argumentieren: „No sports!“ Gut, gut, jetzt ist der Gaul mit mir durchgegangen. Back to normal!