Über die Humanität

Ja, ich höre die Stimmen, die sagen, der Arsch hätte mal seine 45 Jahre in der DDR abbrummen sollen, dann wüsste er wohl, was Unfreiheit ist. Und ich sage Dir, lebe Du mal im Westen mit zwei Kindern von der Sozialhilfe, oder mit 180 Euro für den ganzen Monat, weil Deine Rente gerade noch für die Miete ausreicht, aber nicht mehr für einen täglich vollen Futternapf – dann erst können wir über Freiheit diskutieren. Bis dahin bist Du so inkompetent wie Dein Befreiungs-kanzler und seine Nachfolger. Alles klar? Nein? Dachte ich mir.Dann pass mal gut auf. Ich bin kein Misanthrop – aber es gibt eine Sorte Mensch, die ich von Herzen verachte. Nicht dass ist es mir leicht machte – als Pingel-Paule mit Buchhalter-Mentalität habe ich auch darüber mal nachgedacht und mir einen Standpunkt zurechtgelegt.

mailto:
kanzlerkandidat@berlin.com
betrifft: Humanitas?

Ich kenne ein paar Leute, mit denen ich keinesfalls befreundet sein möchte. Mehr noch: Einigen anderen gehe ich aus dem Weg. Die Gründe dafür sind hier nicht von Belang, lediglich die Tatsache, dass es so ist, wie es ist.

Unsere Welt ist ein Dorf. Jeder kennt einige, oder gar viele andere. Intuitiv haben wir die uns bekannten Menschen mit einem Wert belegt, der – vereinfacht gesagt – positiv oder negativ sein kann. Nochmal: Gründe spielen hier keine Rolle, ebensowenig die Frage nach Gerechtigkeit und ähnliches.

Denken wir über unsere Wohnungstür hinaus, so registrieren wir ein weltweites Geflecht von Sympathien und Antipathien, mit Milliarden von Knotenpunkten namens Mensch, ein Geflecht, das in einer Art Schneeball-System entstanden sein muss.

Man kennt einige, und die kennen wieder andere, die noch andere kennen usw. Es gibt nur noch wenige Inseln, in denen Menschen ohne Aussenbeziehung leben, und deren isolierte kleine Welt vom globalen Netz aus positiven und negativen Beziehungen abgekoppelt geblieben ist.

Anders verhält es sich mit der individuellen Betrach-tung, und der dualen, der Mensch zu Mensch-Beziehung.

Darf man Menschen ablehnen und dennoch für sich beanspruchen, Philantrop zu sein?

Anders: Es ist in Mode gekommen, dass kritische Medien zuhauf über menschliche Fehlleistungen bis hin zu unmenschlichen Handlungen in epischer Breite berichten. Dies gleicht einem unablässigen Aufruf wie „Schaltet ROT für X!“, und wir leisten dem Aufruf Folge. Wir entwickeln dabei eine Gefühlswelt, die von schlichter Ablehnung über Verachtung bis zu Hassgefühlen reicht; aber darf ein Menschenfreund andere Menschen ignorieren, verachten, hassen?

Irgendwer hat einmal gesagt: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!“. Dies war sicher nur als geistvolles Bonmot gedacht. Es ist kaum vorstellbar, dass der Erfinder die grünen Lichter nicht wahr-nehmen wollte. So, wie „der Glaube an das Gute im Menschen“ als Bestandteil einer Ideologie verlangt, rote Lampen zu ignorieren.

Differenzierte Betrachtung ist lästig und verkompliziert die Dinge …..

Das Dunkle im Menschen existiert. Es hat seine Ursache im Egoismus und steht nur scheinbar in direktem Widerspruch zur Humanität, jener Grundhaltung, die auf Menschenwürde, Toleranz und Empathie fusst.
Das hier vermutete Dilemma ist aufzulösen, indem man auf zwei Ebenen nachdenkt; es sind eine kollektivistische und eine individualistische Seite des Problems zu betrachten.

Nehmen wir zur Erklärung den Begriff des Altruismus. Er bezeichnet eine ethische Einstellung, die, Selbstlosigkeit unterstellt, auf das allgemeine Wohl der Menschen ausgerichtet ist. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass der Altruist in seinem auf die Gemeinschaft gerichteten positiven Denken und Handeln a l l e Lampen des Kollektivs ignoriert. Zugleich wird er zum Individuum positive und/oder negative Wertungen vornehmen und verarbeiten, und genau zu diesem Zweck Lampen schalten

Der Humanist liebt die Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen, akzeptiert sie als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Seine persönlichen Bezugspersonen wählt er allerdings sorgfältig aus, indem er beachtet, wer von wem rot oder grün erhalten hat, und wen er selbst rot oder grün geschaltet hat.

Die Auflösung des konstruierten Widerspruchs liegt also in der Differenzierung zwischen Kollektiv und Individuum. Beide Einheiten existieren parallel, haben unterschiedliche Ziele und weisen andersartige Organisationszustände auf.

Wir müssen die menschliche Gemeinschaft so akzeptieren, wie sie beschaffen ist. Wir können uns eine andere wünschen, werden sie aber nicht erhalten. Wir können nirgendwohin konvertieren.
Aber wir können mit einer positien Grundhaltung und durch Praktizieren eines menschenwürdigen Werte-systems zur Verbesserung der moralischen Grund-lagen unserer Gesellschaft beitragen. Auf diese Weise schaffen wir ein Orientierungssystem für den Einzel-nen.
Zugleich aber haben wir jedermanns Persönlich-keitsrechte zu respektieren und seine Ansichten so lange zu tolerieren, wie sie die innere Harmonie der Gemeinschaft nicht stören.

So weit, so gut. Ich, Herr Kandidat, wohne neben einem maroden Atomreaktor, der in Kürze vom Netz gehen soll. Der Betreiber, Herr Kandidat, hat mittlerweile öffentlich gemacht, dass er wegen eines Überangebots an Energie das Ding garnicht benötigt. Dann kommen Sie, Herr Kandidat, und möchten im Falle Ihrer Wahl den Ausstieg aus dem Atomstrom rückgängig machen. Ich schalte ROT.

Der ganze verfluchte, giftige Dreck soll keinesfalls in Bayern, sondern ausschliesslich in Niedersachsen endgelagert werden. Sauber sog´ i. Das wäre dann auch wieder mein Problem, wie die sieben Krebsfälle in meiner Nachbarschaft. Ich schalte zur Sicherheit nochmals ROT.

Sie wollen diese Republik regieren? Pest und Cholera wären mir lieber. Gegen die gibts wenigstens Pillen.

RRisch