Schon wieder – Regen!

Dies ist wieder einer jener Vormittage, die mich in eine Stimmung zwischen skurril, ich weiss auch nicht,  und komisch versetzen. Eine Stimmung, die selbst ein System-Crash meines suizid-gefährdeten Rechners nicht zu erschüttern vermag, und in der ich die Tageszeitung von hinten beginnend zu lesen pflege, wohlwissend, dass ich die Seite eins mit den üblen Berichten aus dem weltpolitischen Alltag nie erreichen werde.

Ich habe wirklich gut geschlafen, ausgezeichnet gefrühstückt, und den ersten Disput mit meiner Frau ohne Gesichtsverlust bewältigt. Auf die anschliessende Frage: „Hast Du was zu tun für mich?“ erhielt ich die zufriedenstellende Antwort „Nein. Was zu tun ist, muss ich selber machen!“ In einer kurzen Denkpause entschied ich mich wieder einmal, nicht beleidigt zu sein. Man muss ja nicht alles können.

In der guten Stube steht ein Paar wirklich gute Boxen. Wenigstens sehen sie gut aus, und sie sind laut, wenn ich am falschen Knopf drehe. Sie plärren nicht, sie brüllen! Irgendwo an ihren Böden sind dicke Kupferdrähte befestigt, an deren anderen Enden schwarzes Gerät angeknotet ist. Dortselbst dreht sich zur Zeit eine unserer alten Langspielplatten, das sind Teile, die die Jugend von heute nur noch vom Hörensagen kennt. Nun, ich dachte, ich sollte die alten Sachen einfach mal wieder durchhören, nachschauen, ob ich sie immer noch mag. So habe ich also eine LP aufgelegt und ….. wie war das nochmal? Tja, welcher die vielen Knöpfe muss nun ….. vielleicht der, mit dem man Phono …. ja! Ich bin schon drin, und höre!

Ja, ich habe etwas gehört. Es war allerdings keine Musik, was da aus dem Boxenpaar plätschert. Nein, es plätschert im Wortsinne. Ich versuche mich zu erinnern. Worpswede. Das Kreative Haus. New age. emotional, meditational, uplifting and enlightening. Titel der LP „Fluting paradise“. B-Seite erwischt, erster Titel heisst „Smelting snow“, schmelzender Schnee also. Damit ist das Plätschern gerechtfertigt, gleichsam erklärt, alles hat seine Richtigkeit, das Equipment ist nicht kaputt, auch nicht die Dachrinne, und nun setzt tatsächlich auch die erste Flöte ein, es muss eine von diesen Panflöten sein, die man aus einem Rohrstock knotet, und es plätschert im Hintergrund weiter, ich kenne jemand, der bei derlei Geräuschen umgehend das Klo zum Pieseln aufsuchen muss, also auf dem Topf meditiert, ich weiss nicht recht, ob das alles so sein muss!

Endlich schaue ich aus dem Fenster. From Windows to and thru  the window. Es regnet. Das muss man sich mal vorstellen: Drinnen wird eine Panflöte von Schmelzwasser umplätschert, und draussen hat es prompt zu regnen begonnen, so, als würde einer versuchen, mir die wahre Natur zu erklären. Draussen spielt die Musik, das ist die Realität, das ist der Hamburger Frühling, und das hier drinnen ist only a artificial world (fuer die Säuberer der deutschen Sprache: nur eine künstliche Welt).

Nun hat die Musik gewechselt, Der zweite Titel lautet „Whispering brook“, flüsternder Bach also. Nur: Das Wetter hat wie schon zu Beginn nichts mitgekriegt. Es regnet einfach weiter. Ich habe verstanden. Wer auch immer Du sein magst: Es ist Dein Wetter. Du bist der Boss. Der externe. Der interne Boss: „Es regnet. Fährst Du mich zur Post? Das Paket muss heute noch weg!“ Die Musik spielt also hier drinnen vielerlei Melodien. Mal fluting, mal commanding!

Ich mache mich auf die Socken, hin zur Post. Es regnet, was sonst?

Kaum zu Hause, ist ein Plattenwechsel fällig. Nun höre ich in die „Wolkenreise“ hinein. Musik zwischen Traum und Phantasie, mit Tangerine Dream, Mike Oldfield, Jean Michel Jarre und anderen. Incantation spielt gerade „Cacharpaya“, als es zu regnen aufhört, obgleich schon wieder eine Panflöte im Spiel ist. Ich überlege. Was muss ich wohl spielen, damit die Sonne rauskommt? Und soll ich auf alle Fälle abschalten, bevor Mike Oldfields Moonlight shadow ertönt? Ich will nicht schuld sein, wenns die Tageszeiten vertauscht, und ich darf schon gar nicht  „bridge over the troubled water“ abhören, wegen der Gefahren eines Wolkenbruchs.

Und schon schreiten die Dinge voran. Ich laufe von Equipment A zu Equipment B, also von Windows zu Phono, und drehe die Scheibe um. J.M. Jarre mit „Oxygene“, ein Wink, wie mir scheint. Ich sollte das Fenster öffnen und lüften – das ist völlig gefahrlos, da ich eh im dicksten Vlies-Pulli herumsitze. Der Hamburgische  Frühling ist nun mal wie ein venezianischer Winter, nur ohne Gondeln, und übermorgen soll ja alles besser werden. Also: Sauerstoff einlassen! Reissverschluss zuziehen, dann reicht das „Stehbündchen“ aus Vlies bis über die Ohren. Ich denke an die Taube.

Verflucht, ich habe nicht aufgepasst. Es läuft drüben The Alan Parson´s Project mit Lucifer! Wenn das man gutgeht.

Ja, die Taube. Man kennt sie, diese Flugratten. Die wilden sind die schlimmsten. Die mit dem weissen Kringel um den Hals. Sie hocken auf den Hausdächern, schei…….Verzeihung, sie knöten überall hin (they likes white blobs on the roof, fuer Anglophile) und gurren monoton, pausenlos, und mit der Ausdauer eines Basalt-Pflastersteins.

Ich habe auf dem Weg zum Postamt eine überfahren, ja doch! Habe ich. Mittschiffs bin ich drüber, das Viech praktisch zwischen die Räder genommen. Ist mir einfach ins Auto gelaufen. So sagt man doch, nicht wahr? Und ich bremse nicht für Flugratten!

Wenn ich mirs recht überlege: Wieso latscht mir eine Wildtaube vors Auto? Zu Fuss! Eine Taube! Überleg´ doch mal! Was ist das bloss für ein Vormittag! Immerhin habe ich im Rückspiegel den Fortgang des Taubenunfalls zu verfolgen versucht. Vergeblich. Ich sah Federn fliegen, und der Vogel war weg. Gerupft, aber offensichtlich flugfähig geblieben. Keine Zeit anzuhalten. Kein Bock auf Nachdenken über Unfallflucht, die Post schliesst gleich, und das Paket muss weg. Und es gibt noch den Rückweg, kann sein, das Biest hängt im Gebüsch und harrt des Gnadentods durch meine Hand, oder den Biss eines Katers aus der Nachbarschaft. Wie jene, die neulich von einem der beiden Kater erwischt wurde und sich halbzerrupft in unseren Garten geflüchtet hatte, um zu enden Ihre Schmerzen – naja. Ich habe nach dreimal schwer schlucken einen Spaten geholt. Ohne Kopf sah sie aber auch nicht besser aus, war dann wenigstens tot. Ausgegurrt. Ausgeblobbt. That´s life. Aber zurück in die Gegenwart.

Beim Postamt habe ich dann erst mal unters Auto gepeilt. Keine Taube, kein Flügelschlagen, keine Federn. Ich glaubte, sie könnte vielleicht im Motorraum herumhängen. Passend zum Thema hat sich a. eine Taube auf Nachbars Dach niedergelassen, und b. spielt SKY die Toccata. Ich gehe lieber mal nachschauen!

So, erledigt. Im Motorraum wurde nichts gefunden. Wie riecht eigentlich tote Taube nach zwei Wochen Sonnenschein? Nicht, dass ich so etwas befürchte. Zwei Wochen Sonne gabs in Hamburg zuletzt im Jahre 1892, soweit ich weiss.

Nun, ich hoffe, das Tier sitzt irgendwo im Baum, zählt seine Federn durch, stöhnt über blaue Flecken und nimmt sich vor, nie mehr zu Fuss zu gehen. Ich habe wirklich keine Lust, sie oder Artgenossen praktisch als Futter für den Kabelbeisser, diesen putzigen Pelzpussel namens Schumm, der Steinmarder (kennst Du diese Geschichte? Ich habe sie als Achtjähriger gelesen) durch die Gegend zu fahren und darauf zu warten, bis dieser haarige Mop mit seiner Familie in meinem Auto Quartier nimmt im Glauben, er habe Vollpension gebucht.

Nun läuft Moonlight Shadow . Draussen rührt sich aber nichts. Nein, auch kein Regen. Ich lege mir Tangerine Dreams zurecht. Mandarin-farbene Träume fuer Saubermänner. Eine Aufzeichnung von Konzerten in Berlin  und Albuquerque. Vielleicht hilft es, und es kommt doch noch die Sonne raus. Ich würde meinen dicken Pulli abstreifen, die Regenjacke weghängen, eine Flasche Weisswein in den Kühlschrank stellen, vielleicht noch eine Taube übermangeln, oder so, und dann …..  dann müsste ich raus zum Strassenfegen. Wenn man nicht an alles denkt! Nach Tangerine Dreams werde ich wieder Fluting Paradise auflegen. Die LP mit dem zur Tonkonserve gewordenen Geplätscher, die Regen brachte. Mal unter uns: Ich hasse Strasse fegen wie die Pest! Dagegen hilft Regen immer.