Im Schdedl

Jossele, ein armer, alter Jude im zaristischen Russland begegnete dem Glück. Er erbte 45 Goldrubelchen und war plötzlich ein reicher Mann. Nun dachte er tagelang über seine neue Situation nach, fand jedoch keinen Boden unter seinen Füssen, und nahm schliesslich Zuflucht bei seiner Sehnsucht, einer Riesenscheibe frischen Brots, fingerdick mit Butter bestrichen. Mutig kaufte er Brot und Butter, schnitt sich eine dicke Scheibe Brot und strich sorgsam die goldgelbe Köstlichkeit drauf. Beseelt griff er nun zu – und die Leckerei glitt ihm aus der Hand, fiel auf den sandigen Fussboden seiner Hütte, direkt auf die Butterseite.

Jossele erschrak zutiefst. So begann er eine neue Runde quälender Grübelei und fragte sich schliesslich, ob Gott ihm ein Zeichen gegeben hatte, damit er nicht üble Gewohnheiten wie Verschwendung entwickle. In seiner Not beschloss er, mit seinem Rabbi zu sprechen.

Der Rabbi hörte sich Josseles Geschichte geduldig an, strich sich mehrfach durch seinen weissen Bart und sagte, er sei für den Moment ohne Antworten. Er müsse erst im Talmud nachlesen und sich mit Gott beraten. Jossele möge in drei Tagen wiederkommen, dann hätte er eine Antwort auf die zweiflerischen Fragen.

Am 3. Tag erschien Jossele erneut bei seinem Rebbe. Der strahlte, und erklärte, Josseles Problem sei gelöst. Dafür hätte er Gott und den Talmud befragt, und der Bittsteller müsse sich keine Sorgen machen und dürfe getrost seinen neuen Reichtum geniessen. Was das gefallene Butterbrot angeht, so sei ihm, dem Jossele nur ein kleiner Fehler unterlaufen: „Jossele, Du hast die Brotscheibe auf der falschen Seite bestrichen! Darum ist sie auf der Butter gelandet!“

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