Dekadenz

Vorhin bin ich beim Stöbern über ein mir völlig unbekanntes Wort gestolpert. Un so etwas dulde ich nicht. Es ist einfach gegen meine Natur, und das sage ich ohne Koketterie. Also lese ich irgendwo nach, ich besitze einen Brockhaus mit 30 Bänden, oder, wie man das heute tut, ich bemühe eine Suchmaschine und lese im Netz über das Unbekannte. Beim Verstehen schätze ich eine Trefferquote von nicht mehr als 80%, beim langfristig im Zugriff Behaltenen bestenfalls 25%. Macht nichts, wenn ich so viel vergesse. Es ist wie beim Häggis essen: Kannst Du gerne vergessen, aber 1 x Probieren ist Pflicht.

Nun wende ich mich diesem ominösen Wort zu. Es lautet

der Heautontimorumenos.

Ich hockte vor diesem Begriff und versuchte zunächst vergeblich, ihn zu lesen. Und ich fragte mich, was das sein mag, und ob man es essen kann. Leider konnte ich mir keine Antwort geben, also fragte ich den Allwissenden, das WIKI, und erfuhr endlich, dass diese Wortschöpfung aus dem Altgriechischen kommt und von einem Herrn namens Menander erdacht wurde. Heute übersetzt man exakt mit „der Selbsträcher“, das wäre ein Mensch, der an sich selbst Rache übt für Böses, das er getan hat.

Dieser Heautontimorumenos begleitet die Weltliteratur bis in unser Zeitalter. Andere Übersetzungen lauten Selbsthenker, Selbstquäler und andere. Im 19. Jahrhundert hat Charles Baudelaire ihm ein Denkmal gesetzt. Er schrieb Gedichte jenseits des Naturalismus
und war wohl einer der Wegbereiter der Dekadenzströmung in der Kunst, hier unter den Poeten. Diese Dekadenzkünstler liebten die Symbolik und waren bemüht, ständig Neues zu kreieren. Prominentes Beispiel aus unserer Zeit: Die Fettecke von Joseph Beuys.

Hier findest Du ein Beispiel aus der Feder des Monsieur Baudelaire, ein Gedicht aus seinem Band „Les Fleures du Male“, also „Die Blumen des Bösen“. Beachte: Es ist ein Selbstgespräch; ein Mensch hat sich hart analysiert und geht mit sich ins Gericht, übt Selbstanklage:

L’Heautontimoroumenos

Ich treff‘ ins Herz dich ohne Hassen,
Ein Henker ohne Zorn und Pein,
So schlug einst Moses auf den Stein!
Und Fluten will ich strömen lassen

Aus deinem Aug‘, ein Meer von Weh,
Um meine Wüste neu zu tränken,
Und stolz will ich die Wünsche lenken
Auf deiner Tränen salziger See.

Dein liebes Schluchzen und dein Klagen,
Dein wilder, hoffnungsloser Schmerz
Wird mir berauschend an das Herz
Wie Sturm und Trommelwirbel schlagen.

Bin ich der grelle Missklang nicht
In diesem reinen Weltentönen
Dank der Gewalt, die, mich zu höhnen,
Die Seele rüttelt, reizt und sticht?

Denn in mir ist ein Schrei voll Grauen!
Ein Gift in mir, so schwarz und wild!
Ich bin der Spiegel, drin ihr Bild
Die Furien und Megären schauen!

Ich bin die Wange und der Streich,
Ich bin das Messer und die Wunde,
Glieder und Rad zur selben Stunde!
Opfer und Henkersknecht zugleich!

Der Vampir, der sein Blut muss saugen,
Der Einsamkeit verlorener Sohn,
Mein Mund, verdammt zu ewigem Hohn,
Will nimmermehr zum Lächeln taugen!