Zeit

Die Zeit! Verbindet sich mit ihr
nicht das grösste aller Rätsel,
das zur Ewigkeit?
Bereits die Fragen dazu öffnen
den Horizont und lassen uns
das Universum sehen.
Wie unbedeutend ist dagegen,
dass die Zeit mit ihren Menschen spielt.
Ihre Stärke ist, dass nichts und
niemand sie stören kann.

Der Mensch in seiner Zeit
wird beliebig hin- und her geworfen,
stets bemüht, sich festzuhalten,
um nichts zu versäumen.
Gelingt ihm das nicht,
so fällt er zurück in die Vergangenheit
und verliert ein Stück Zukunft.

Aber er existiert in der Ewigkeit,
wie ein Sandkorn in einem stillen Strom,
der nirgenwo beginnt
und nirgendwo endet.

Eine Illusion

Nichts stört die Ruhe
dieses Nachmittags voller Sonne.
 
Altes Gemäuer
könnte Geschichten erzählen.
Doch alle Steine schweigen.
 
Die Lebensräume sind bewohnt.
Jedes Wesen hat einen Platz gefunden
und sucht nach Frieden.
 

S‘ Wolferl

„Garnichts erlebt.

Auch schön.“

So angeblich Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Tagebuch a. d. 1770.

Wie auch immer: So geht „Leben als Kunstwerk“. Und „Urlaub machen.“

Über den Fleckenteufel

Allein in der Küche sitzen, auf einem Knust trockenen Brots herumkauen und gelegentlich in einen Wurstzipfel beissen – das ist wie in Einzelhaft in Stammheim. Ich habe in meinem Leben viel Mist gemacht, aber das habe ich nicht verdient.

Ich möchte nicht dramatisieren, denn mit dem Beginn meines Single-Daseins war eine Problemlösung rasch gefunden. Ich packe mein Futter auf ein Tablett und schiebe es auf meinem Rollator in mein Büro. Dort starte ich den Fernseher, oder ein Video aus Youtube, und simuliere auf diese, imaginäre Weise Gesellschaft zur Mahlzeit.

Diese Praxis ist nicht sonderlich originell. Sicherlich handeln Millionen anderer Menschen auf dieselbe Weise. Aber verdammt nochmal, haben die auch alle Essensspuren auf dem Monitor? Warum muss ich andauernd Tomatensosse von der Scheibe kratzen, diese kleinsten Tröpfchen, die so sehr stören? Und wie kommt die Leberwurst dorthin? Ist es meine Art zu essen? Abends schnell und viel, um die Nacht zu überleben? Und warum hängt auf dem Monitor rote Sosse, aber nie Spaghetti, wenn man meine Art zu essen animalisch nennen möchte? Suppen und Sossen auf der Schreibtischplatte – nehme ich gelassen hin, die ist eh von IKEA. Zugleich auf meinem T-Shirt – hier wird’s schon kritisch, wegen Wäschewaschen etc. Aber auf dem Monitor mit seinen 26 inches? Da erzählt ein TV-Moderator irgendwas und hat einen Fleck auf dem Hemd. Ich freue mich, denke, der also auch, und dann geht der Moderator aus dem Bild – und der Fleck bleibt! Was dann kommt, ist als das Normale zugleich das Letzte. Finger nass machen und Fleck wegreiben. Der ist dann weg, dafür klebt jetzt meine Spucke, wo mal Tomate war. Na das sieht vielleicht unlecker aus! Also ab in die Küche und einen Spüllappen geholt. Dumm nur, da ist noch Kaffeesatz dran, weil ich bereits am Morgen mit Ferkelei begonnen hatte.

Ok, es reicht. Ich muss mir halt selbst auf die Finger sehen, denn ausser mir ist hier ja keiner. Und ich muss auf Steinpilzsosse umsteigen, die macht helle Flecken. Und erst die Mayo …

Aphorismus: Ehe

Die Ehe ist wie ein altes Bauwerk.
Liebe schafft eine erste Bindung.
Die Aussenansicht vermittelt Romantik.
Und im Innern müht man sich ständig
mit Reparaturen.

Ein Tag ohne Glanz?

Wieder einmal lässt der Nebel
dem neuen Tag keine Chance,
breitet sich langsam aus
gleich einer nassen Daunendecke.

Nichts wärmt das Lebende.
Nebelschwaden verdichten sich
Bäume verlieren unzählige Tropfen,
um sie in der Erde wieder aufzunehmen.

Menschen blicken aus Fenstern
und wenden sich rasch ab.
Die Stadt spendet heute keinen Trost.
Wo ist Ihre Majestät, die Sonne?

Sie wirkt weit draussen
und spät weckt sie einen leisen Wind.
Die Luft bewegt sich
und verspricht dem Nebel ein Wolkendasein.

So wird der Tag hell
und die Menschen werden munter.
Der Lärm des Tages wird zu Musik,
wie nur meine Stadt sie zu spielen vermag.

Alltäglich, das Heute

Heute.
Das ist eine Zeitbestimmung
zwischen 0 und 24 Uhr,
Menschenwerk.

Heute.
Das ist auch Gegenwart.
Begreifbare Größe
für jedermanns Sprache.

Heute.
Verschiebt Zeit
in die Vergangenheit
und entlastet sich selbst.

Heute.
Bietet wenig Raum für Geschichten.
Aber denke auch an Leopold Bloom
im Ulysses, einem „Buch gewordenen Stein“.

Heute.
Geliebt, getrennt, versöhnt –
ein Tag kann lang sein
und Schicksal spielen.

Und Heute
ist morgen Gestern.
Zeit verlieren schmerzt,
Zeit nutzen – macht Gewinner.

Weise sein

Mensch, geh‘ nur in dich selbst,
denn nach dem Stein der Weisen
darf man nicht zuallererst
in fremde Länder reisen.

Quelle: Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, 1675

Als ich diesen Spruch des schlesischen Engels las, bin ich in mich gegangen. Es regte sich der Verdacht, dass ich in dieser Beziehung etwas falsch gemacht hatte. Und siehe da, ich hatte. Wie gesagt, ich habe mich in einer stillen Stunde in mir ein wenig umgesehen und festgestellt: Ich mag keine klaren Suppen – auch wenn man sie Hochzeitssuppe nennt.
Die kleine Schockwelle habe ich mit einem Teller Gulaschsuppe abgefedert. Deshalb ist daraus kein Drama entstanden.

Allerdings weiss ich zur Zeit nicht, ob ich nochmal in mich gehe. Die Aussenwelt ist weniger kritisch zu leben. Lieber riskiere ich meine dritte Abenteuerreise nach Buxtehude.