Einsam

Einsamkeit ist Folter.
Ein alter Mann sitzt in seiner Küche
und starrt abwesend in seinen leeren Teller.
Er kennt dieses unsägliche Gefühl des Alleinseins zur Genüge.
Schliesslich begleitet es sein Leben seit geraumer Zeit,
und er leidet oft. Allzu häufig packt ihn die Einsamkeit
und lässt ihn erstarren, raubt ihm Lebenszeit
und hinterlässt ein Gefühl,
als sei er soeben dem Rigor mortis knapp entkommen.
Was für ein Leben, denkt er, und immer wieder
drängt sich ihm die Frage nach dem Sinn seiner Existenz auf.
Dann bäumt sich etwas in seinem Inneren auf, protestiert
und verweist auf eine Tatsache: Ich lebe!
Umgehend meldet sich sein Alter ego und fragt nach dem Wie,
und ob man Leben nennen darf,
was in die Küche vor einen leeren Teller
und in eine depressive Attacke zwingt.
Das Leben da draussen ist mir fremd geworden,
und die Blumen blühen ohne mich, ich glaube …..

….. seine Erstarrung löst sich. Er hört etwas, und er hört zu.
Es ist Musik, die von nebenan zu ihm durchdringt,
und dies nicht nur durch eine Wand,
sondern auch durch den unsichtbaren Panzer, der ihn umgibt
und seine bewußte Existenz auf ein Minimum reduziert.
Es ist jene Musik, die ihn stets sehr tief berührt. Er hört Solvejgs Lied
aus der Peer Gynt-Suite von Edvard Grieg.
Der alte Mann spürt, wie etwas in ihm zerrissen ist.
Es ist bleibt ein Gefühl von Frei sein – und er beginnt zu weinen.
Erst mit dem Schlussakkord des Lieds gelangt der Alte
in einen Zustand der Ruhe. Er fühlt sich noch immer frei und aufgeräumt,
und nun in der Lage, zu denken.
Nein, sagt er, ich bin nicht wie er. Ich bin nicht ein Peer Gynt,
ein Mensch, der unstet seinem eigenen Leben nachjagt,
um seine Identität zu finden und damit sein Leben
und das Solvejgs vergeudet.
Das bin ich nicht, und das war ich nie.
Ich hatte immer ein gutes Leben, und ich habe es immer noch.
Ich muss nur daran festhalten.
Mit einem Blick auf den Tisch stellt er fest:
Ein leerer Teller bedeutet nicht Hunger.
Ein leerer Teller bedeutet, eine gute Mahlzeit genossen zu haben.
Mit diesen Gedanken greift der Alte zu Hut, Mantel und Regenschirm.

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