Aegri somnia

„Träume eines Kranken“ aus der ars poetica von Horaz ! Ja, ich bin in einem Zustand geistig-moralischer Verwirrung, ohne zu erkennen, welche Teufelei mich dorthin getrieben hat. Aber mit Sicherheit weiss ich zu sagen, dass Aussergewöhnliches meinen Weg kreuzte. Und ich weiss zu berichten, dass mich weder Abscheu, noch Angst, noch Klugheit befiel, als mich meine sonderbare Beobachtung traf wie die von Herkules geschwungene Keule, und dass man mir geraten hatte, nicht darüber zu reden. Und so schreibe ich nun auf, was ich nicht sagen soll, und es ist mir gleichgültig, ob man mir Glauben schenkt oder nicht, ob ich einer Sinnestäuschung zum Opfer fiel oder ob mich dieses Wesen tatsächlich heimsuchte.

Um es kurz zu machen: Füge beide Hände zu einer Schale zusammen, dann hast Du eine Wiege für ein frühgeborenes Menschenkind. Nun stelle Dir vor, Du hältst dieses Frühchen, schaust es an, und erkennst ein ebenso winziges wie uraltes Gesicht. Nun trägst Du das Wesen ins Freie und setzt es in eine blattlose Hecke. Es starrt Dich mit grossen Augen an, etwa wie Gollum, der zeitweise Herr eines Ringes war. Ich meine mit kleinen „grossen“ Augen. Und ich starrte zurück, sprachlos und verwirrt.

Irgendwann bewegte der Kleine seine Arme, griff nach einem Ast, um sich festzuhalten. Herr im Himmel, denke ich, es hat sich bewegt! Es! Ich nenne es erst mal „das Ding“. Ich, der Riese, und es, das Ding starrten sich an. Es war ein langer Moment. Zu lang für mich. So ergriff ich die Initiative und versuchte einen Dialog zu beginnen.

 Ich: Was bist Du?
 Es:  Ich bin im Moment frei.
 Ich: Wie heisst Du?
 Es:  Wie mein Zuhause.
 Ich: Wo ist Dein Zuhause?
 Es:  Überall.
 Ich: Was machst Du?
 Es:  Ich geniesse das Licht, die Sonne.
 Ich: Wie ist Dein Leben?
 Es:  Wie eine Suppe mit Wurzelgemüse.
 Ich: Häää?
 Es:  Die Brühe ist gut, das Gemüse hart.
 Ich: Häää?
 Es:  Die Brühe verwöhnt den Gaumen.
 Ich: Und das Gemüse?
 Es:  Daran hat man zu kauen.
 Ich: Solche Suppe schüttet man weg!
 Es:  Das wäre wohl gehandelt.
 Ich: Warum?
 Es:  Dann bin ich endlich frei für immer. 

Ich erwachte. Es bedurfte nur eine oder zwei Minuten, bis ich begriff, im Traum ein Selbstgespräch geführt zu haben. Dabei habe ich mir selbst erklärt, dass irgendetwas frei sein wird, wenn ich mein Leben wegwerfe. Und zweifellos werde ich die Suppe nicht ins Klo schütten. Das Ding muss warten.