Wachtraum eines Bloggers

Soeben greift die Bestie wieder nach mir. Die Müdigkeit droht mir ein Stück des Tags zu stehlen – wie sie es schon so oft getan hat. Ich muss also unter erschwerten Bedingungen leben. Beinahe hätte ich „arbeiten“ geschrieben, und das wäre wahre Hochstapelei. Nein, ich sitze hier vor meinem technischen Equipment (bin digitalisiert) und tippe und tippe bis an meine Belastungsobergrenze. Diese teuflische Tastatur bediene ich im 1-Finger-Suchsystem, und ich kann mich tierisch freuen, wenn ich das # gefunden habe. Schliesslich benötige ich dieses Sonderzeichen maximal 1 x im Jahr. Grössere Probleme tun sich auf, wenn ich statt # einen Text schreiben soll. Immerhin kann ich die Selbstlaute. Besonders das „a“.

Mein Problem geht so:

Erst mal weiss ich nicht, an wen ich schreiben soll. Also denke ich mir eine Figur aus, wie den Ken aus der Barbiepuppenwelt. Es ist eine interessante Figur, denn Ken hat keinen Penis. Ein schwanzloser Schönling zum Vorzeigen. Mit Barbie kann der nichts anfangen. Andererseits kann Ken auch mit Barbie nicht viel aufstellen, denn ihre Geschlechtsmerkmale erschöpfen sich mit dem Vorrat an Klamotten.

Zwei geschlechtslose Figuren haben die Puppenwelt erobert – das ist US-Imperialismus pur!

Aber wie gesagt, als Adressaten für irgendwelchen Unsinn sind beide brauchbar. Sie müssen nur da sein, müssen nichts tun. Nun ist es leider so, dass ich keine Barbiepuppen besitze, aber ich habe Phantasie und Lebenserfahrung. Deshalb hole ich eine Flasche Roten aus meinem Vorrat, kleide sie in eine schicke Serviette, und nenne sie Barbie. Während ich mir den Primitivo eingiesse, kriegt Barbie’s Kleid Rotweinflecken, und mein T-Shirt bleibt unbefleckt. Keine Frage, ich triumphiere.

Nun schreibe ich an Barbie, das Luderchen. Ich fühle mich herausgefordert. Anders: Ich richte Worte an meine Rotweinflasche, und erwarte eine Resonanz. Es reicht mir, wenn sie mir sagt, sie fühle sich so leer. Das wäre ein Gesprächsbeginn auf meinem Niveau. Aber sie schweigt. Ich spüre die nicht ausgesprochene Anklage, schaue hin, und erkenne. Sie fühlt sich nicht nur leer, sie ist leer. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich. Unbeholfen frage ich, ob ich ihr den Korken wieder reindrücken soll. Keine Reaktion. Sie zeigt mir ihre Rückseite mit dem Hinwes „Kann Sulfite enthalten“. Ich greife zum Filzstift und korrigiere: „Enthält Sulfite“, und warte. Ich warte diverse Momente, und bemerke schliesslich, dass ich vergebens warte. Egal. Ich hatte ohnehin aus den Augen verloren, worauf ich warten wollte.

Dass sich die Flasche wieder von selbst füllt? Idiot. Ich fasse mir ins Gesicht und bemerke, dass eine Rasur fällig ist. Na, das wird wieder eine Nummer! Mein Rasierer schafft keinen 7-Tage-Bart, ohne zu zicken. Er rupft jedes neunte Haar einfach aus – leider zu wenig für eine Glatze am Kinn. Eine Quälerei ohne jeden Nutzen. Hm. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich erwogen habe, den Bart einfach wachsen zu lassen, wie man das von den Goldwäschern am Yukon kennt. Knapp 50 cm reichen, um die Brust so gut abzudecken, dass das Hemd keine Tomatensosse abkriegt, und so eine Haarmatte ist leicht auszuwaschen. Aber leider ist eine Maschinenwäsche ausgeschlossen, und die Idee damit gestorben. Das ist ganz ok. Ich werde die Wahnvorstellung über Ungeziefer nicht los. Nistplatz für Zaunkönige, Unterschlupf für Goldhamster, auch Versteck für gestohlene Lebensmittel wie eine Tüte Milch usw., aber auch morgendliches Zöpfchen flechten, eine Sau-Arbeit. Wie auch immer, ich sollte mich einfach rasieren. Morgen, falls ich es nicht wieder vergesse. Sonst rupft es mir jedes siebente Haar aus dem Gesicht.

Ich nehme meinen roten Faden wieder auf. Zweitens weiss ich nicht, was ich schreiben soll. Mein Verstand sagt: Dann lass es doch! Und ich sage ihm: Geht nicht. Ich muss Ballast abwerfen. Der Verstand reagiert: Dann weisst Du doch, was Du schreiben sollst. Und ich: Im Prinzip ja. Aber der Stoff ist sehr privat! Der Verstand: Dann leg Dich ins Bett und schlaf das weg! Ich bin jetzt sauer. Muss mich abreagieren. Das geht relativ leicht. Dazu hole ich eine neue Barbie aus meinem Vorrat. Diesmal weiss. Braucht kein Serviettenkleidchen. Tropft sie, dann wische ich mit dem linken Ärmel. Das merkt keiner.

Ich weiss immer noch nicht, was ich schreiben sollte. Vielleicht bin ich krank. Ganz oben.

Ich versuche es nochmal: „Die Dinge ändern sich. Man sollte auf der Höhe der Zeit bleiben. Modernes Management ist unverzichtbar. Die dunkle Zeit ist vorbei, es werde Licht! Und alles ist dann bestens. Das Optimum wird erwartet, und ich liefere. Zweifel sind unangebracht.“

Soweit ein Statement aus der Politik. Man nennt so etwas auch „heisse Luft absondern“. Ich brauchte das jetzt. Das Gute: Ich habe etwas geschrieben, aber nichts gesagt. Pffffft! Nun lege ich die Beine hoch und schlafe weiter. Hoffentlich ohne weiteren Blödsinn zu träumen.

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