Das Ende

Aus einem Filmdialog:

„Wenn meine Zeit gekommen …“

„Jaja, wir wissen das schon! Wenn Deine Zeit gekommen ist, dann packst Du Deine Sachen und verschwindest!“

„Genau!“

Glaube lieber nicht an derartige Euphemismen. Jedermanns Zeit kommt irgendwann, und nur wenigen ist es vergönnt, noch ihre Sachen zu packen, alles so zu ordnen, dass ein ordentlicher Abgang stattfindet. Eben lautete die Parole noch: Lebe! Und eine Viertelsekunde später wird sie geändert in: Ich bin dann mal weg!

Mit etwas Glück kannst Du noch einen klaren Gedanken zu fassen kriegen. Du konzentrierst Dich ….. auf Dich selbst. So ist das also. Abgang. Na gut. Muss ja sein. Es sind schon andere grosse Männer aus dieser Welt verschwunden. Jetzt mach zu! Wenn schon, dann sofort, nicht gleich. Das Leben war ohnehin nicht mehr so ….. und Peng! Aus.

Es gehört zu den grossen Geheimnissen des Lebens, weshalb auch  Du Deiner Familie  eine Bürde auferlegt hast, die sie zu einmaligen Kosten in Höhe von 5.386 Euro und einer 30jährigen Pflege von zwei Quadratmetern Land verurteilt, jenem Plätzchen, an dem Du angeblich ruhst.

Immerhin hast Du dem Wirtschaftszweig TOD & BESTATTUNG zu Umsatz verholfen. Das wäre einer der positiven Aspekte Deines Dahinscheidens. Der zweite Nutzeffekt ergibt sich aus der ländlichen Sitte, des Toten Fell zu versaufen. Ja, plötzlich bist Du wieder ein Toter, klar und ehrlich als das bezeichnet, was der Realität am ehesten entspricht. Du selbst hast das Fell einiger Leute versoffen und erfahren, wie heilsam derlei Aufarbeitung von Ansätzen der Trauer sein kann – auch wenn der eine oder andere nur mitsäuft im Glauben, Dich zum guten Schluss noch einmal richtig zu schädigen, oder das Erbe Deiner Hinterbliebenen zu schmälern. Eigenartig zu beobachten, wie man mit Kaffee, Butterkuchen und geflüstertem Tratsch beginnt und nur wenig später bei Schinkenbrot, Bier und Korn lärmenden Spass verbreitet. Der Heimgegangene gerät unversehens zum Katalysator für die Dagebliebenen, sie beginnen zu reagieren, sondern ungeahnte Lebensfreude ab, und würde Dich ein merkwürdiges Schicksal zur Rückkehr in diesen Kreis verdammen, und Du tauchtest unvermittelt dort auf, in Deinem schwarzen Hochzeitsanzug und dem Totenhemd aus Papier, Du wärst  d e r  Partykiller des Jahrzehnts. Obwohl: Der Gedanke hat was, nicht wahr?

Nun, ein mit Anstand Heimgegangener unterlässt solcherart makabre Scherze, gönnt seinen verbliebenen Gästen einige fröhliche Stunden, und kümmert sich um seinen eigenen Kram. Und der wäre?

Immerhin: Nicht zu Unrecht redet der Volksmund vom Lichtausknipsen. Pastorale Termini für Deinen Zustand sind andere:

der Tote

der Entschlafene

der Dahingeschiedene

der Heimgegangene

der Selige

der Entseelte

der Entleibte

der Aufgebahrte,

der Eingesargte

der Gestorbene

der Beerdigte

der Begrabene

der in Frieden Ruhende

der Dahingeraffte

der Verblichene

der Erblasser, und

der alte Sack,

der Sau- oder Mistkerl.

Nur: Irgendwie bist Du übern Berg. Das alles geht nicht mehr an Dich ran. Irgendwer hat mit  mächtigem Finger geschnippt, und Du bist drüben. Drüben, das ist eine Existenz ohne Emotionen. Da ist kein Gott, es finden sich keine Engel, es fehlen Manna, Hosianna und Halleluja! Keiner zerrt Dich vor einen Thron. Keiner droht mit seinem Flammenschwert und weist auf Endabrechnungen hin. Du bist nicht irgendwo. Nur noch: Du warst, und nun bist Du.

Unbemerkt wurdest Du assimiliert, in ein Kollektiv eingefügt, als sei Dir dort ein Platz schon immer reserviert gewesen, als sei das, was Du zu Lebzeiten Deine Seele nanntest, nie anderes als ein auf Zeit verliehenes Bewusstsein gewesen, das Du nach Ablauf Deiner biologischen Uhr wieder zurückgeben würdest, was sich an seinen angestammten Platz verfügt, um vielleicht in einigen hundert Jahren einem gerade geborenen Menschen zugeordnet zu werden, um jenem anderen Menschen vielleicht das Gefühl zu vermitteln, er sei Deine Reinkarnation, und doch käme es der Wahrheit sehr viel näher, Deine eigene Wiedergeburt in der Person dieses Neugeborenen zu erleben – könntest Du dann nur Deinen neu verliehenen Gefühlen trauen, was leider nicht zu erwarten ist.

Oder aber Du wirst nicht wiedergeboren. Du hast als Seele ausgedient, und bleibst auf Deinem Stammplatz, Teil einer allgegenwärtigen Wesenheit in einer anderen Dimension als die der Menschen, in einem anderen Universum, das dem menschlichen so nah ist wie eine Pelle der Wurst, teils geahnt, teils gefühlt, und wegen mangelhafter Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen als Geist, Gespenst oder göttliches Wesen empfunden oder schlimmer noch, gesehen!

Ja, wäre da nicht die Frage nach dem Disponenten zu stellen. Wer in drei Teufels Namen steuert den Prozess? Antworten:

Der Kleriker: Vergiss die drei Teufel. Es ist der Wille des Herrn!

Der Kosmologe: Frage in 4 Wochen nach. Dann habe ich das durchgerechnet.

Der Atheist: Das geht alles automatisch und braucht keinen Gott!

Der Schlachter: Blödsinn. Man kann aus Wurst kein Schwein machen!

Der Computerfreak: Es funktioniert wie mit den RAM´s. Gigantisch!

Ja, ich spüre Dein Unbehagen fast körperlich. Pietätloses Gesülze, denkst Du. So darf man nicht mit dem Thema Tod umgehen. Falsch. Ich schon.

Pietät meint unter anderem die Ehrfurcht, die Achtung gegenüber Toten. So mein Fremdwörterbuch.

Ich verstehe das nicht. So mein Verstand.

Der Tagesspiegel (5.10.1999):

KRIEG DER BESTATTER:

Es gibt zu wenige Leichen. Das Geschäft läuft schlecht. Die Branchenriesen ( ….. des Bestattungsgewerbes …. ) ziehen alle Register – in Berlin ist der Markt besonders hart.

Das Internet (1.4.2002):

Seitenlang Pietät Meier, Müller, Schulze, mal mit OHG, mal mit GmbH, mal mit dem Zusatz KGaA, und alle mit der Aufforderung:

Hast Du Leichen – rüberreichen.

Und im O-Ton: Provision!

Polnische Verhältnisse: Arzt tötet Patient und verkauft Leiche an Pietät Krasnicki.

Pietät erfordert die Bestattung auf Gemeinde- oder kirchlichen Friedhöfen – damit die nicht schliessen müssen.

Dem Heimgegangenen ist Ehrfurcht entgegenzubringen. Ob ihm daran liegt, im Tode die Achtung erhalten, die man ihm im Leben versagt hat?

Wagt sowas ja nicht über meiner Leiche! Reicht es nicht aus, einfach die Trauer der Lebenden zu achten?