Hunger nach Leben

Was hatte das Leben des Menschen im Mittelalter, z. B. im Jahr 1618, zu bieten? Familie, schwere Arbeit und früher Tod, sagt man. Mehr nicht.

Und was bietet das Leben dem Menschen von heute? Ich erspare mir dazu aufzuzählen, was die Moderne ausmacht.
Zum Vergleich sei gesagt: Familie, Arbeit und relativ später Tod.
Und es ist hinzuzufügen: Das Immer-mehr-haben-wollen.

Nein, die Unzufriedenheit des modernen Menschen ist nicht zu kritisieren. Sie hat ihre Ursache im Angebot. Es ist nicht der Hunger nach mehr Leben, sondern nach mehr Erleben. Wäre es möglich, so würde man alles Angebotene besitzen wollen. Schon die Verwendung einer neuen Seife mit unbekanntem Duft wird unbewusst zum Erlebnis. Darum bestimmt das Haben-wollen das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert.

Lebenshunger ist anders zu definieren. Es ist eine Emotion, die in der Endphase des Lebens aufkommt. Auch wenn dabei materialistische Züge zum Vorschein kommen, so überwiegt doch die Gier nach mehr Lebenszeit immer dann, wenn das Ende vorhersehbar ist.