Schlechtes Gewissen

Wie war das nochmal mit dem Gewissen? Man sagt, ein gutes Gewissen sei ein sanftes Ruhekissen. Welch euphemistischer Schwachsinn! So blödelt man an der Realität vorbei. Ich denke in dieser Frage radikal und behaupte, dass jeder Mensch von einem System beherrscht wird, das – individuell ausgestaltet – ein modifiziertes Gewissen bereithält, das von Fall zu Fall unterschiedlich wirkt. So kann man in Stunde 1 Kirschen vom Baum stehlen und wegfuttern, ohne dass sich das Gewissen rührt, und in Stunde 2 ein unbezahltes Brot mitgehen lassen und sich danach miserabel fühlen.

Nun gibt es aber auch die Fälle mit schwerwiegendem Fehlverhalten, die nach einer Tat zu einem traumatischen Zustand führen können. Das kann dazu führen, dass der Täter für den Rest seines Lebens mit einem schweren Paket belastet ist, das ihn langsam, aber sicher zermürbt. Versuche zu kompensieren scheitern, Wiedergutmachung ist oft nicht möglich und für schlichtes Verdrängen fehlt irgendwann die Kraft.

Ja, sagt man, ja, Busse muss sein, man redet von der Strafe Gottes für begangenes Unrecht und so weiter. Selbstgerechtigkeit verbreitet sich wie ein Virus und vergiftet die Athmosphäre. Lebenslang unglücklich lautet das Urteil über den Missetäter. Recht und Moral bleiben unbeachtet in der Schublade der selbsternannten Richter liegen. Der von seinem Gewissen Gepeinigte bleibt allein.

Ich vermute, es gibt einen Weg aus der Falle. Und wie immer in Fällen seelischer Not wird dieser Weg wohl durch das Tal der Tränen führen. Wenn der Leidensdruck pathologisch wurde, ist professionelle Hilfe notwendig, Sigmund Freuds Behandlungsmethode angesagt.

Warum dieser Text? Nun, er ist Nachhall eines Spielfilms mit Liam Neeson, der einen Mörder darstellt mit seiner und der seelischen Not anderer Beteiligter, und den Eindruck vermitteln möchte, dass eine Katharsis tatsächlich zur Problemlösung führen würde. Dem ist nicht so. Wir können unser Unterbewusstsein nicht mit einem feuchten Lappen reinigen.

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