Der Schatten

Erster Eindruck: Unmöglich, das Erlebte zu verstehen. Mein Vorstellungsvermögen war ziemlich überfordert. Auch heute noch, mit einigem Abstand fällt es mir schwer, das Geschehnis zu begreifen und es gar niederzuschreiben. Ich versuche es dennoch, weil es abartig und zugleich faszinierend ist – mysteriös, fantastisch, und überaus spannend. Ich möchte, wenn die Geschichte ihr Ende gefunden hat, so lange ich will, und so oft es notwendig ist, wieder einsteigen, versuchen, zu verstehen, ja, das ist es. Einfach kapieren.
 
Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf, sagt man. Ich, Zweifler über die Massen, durfte erleben, wie sich diese Phrase plötzlich konkretisierte, quasi mit Inhalt füllte, mich erst an meinem Verstand zweifeln liess und schliesslich meine Sinne erweiterte, sie schärfte, und mich für eine neue Sicht auf das vordergründig Irreale vorbereitete.
 
Pathos ist hier fehl am Platz. Kurz gesagt: Ich bin eines Nachts, so gegen 0 Uhr 30 zu Bett gegangen, und am Morgen gegen 8 Uhr 30 aufgewacht. Es ist mir zur lieben Gewohnheit geworden, nach dem Aufwachen eine Viertelstunde liegen zu bleiben, die Wärme meines Betts zu geniessen, den neuen Tag zu überdenken und dabei ganz allmählich ein Interesse am Kommenden zu entwickeln. An besagtem Morgen genoss ich nichts von alledem. Ich hatte anderes zu tun.
 
Es musste sich in der Nacht ereignet haben, woran ich in den folgenden Tagen hart zu arbeiten hatte. Nächtens, und während ich tief und fest schlief, schlich sich eine phantastische Geschichte in meine Erinnerung ein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Nicht die Story war phantastisch, sondern das gesamte Ereignis. Am ehesten versteht man die Angelegenheit durch einen Vergleich: Irgendwer hat mir während des Schlafs eine kleine Datei in meinen Speicher geschrieben. Es war ein Hacker an der Arbeit. Zudem ist die Story wahr.  Mit diesem Attribut hat man sie mir in meine Erinnerung eingetragen.
 
Ich hatte bei dieser Infiltration keine Chance. Die Story ist da, und sie ist wahr. So mein Gehirn, und – schlimmm genug – auch mein Verstand. Ein kategorischer Imperativ lässt Zweifel erst garnicht aufkommen. Nun werde damit fertig, Mensch!
 
Die Frage nach der Herkunft, und auf welchem Wege dieses nie erlebte Abenteuer zu mir gelangte, ist bis zur Stunde unbeantwortet.
 
Wie bereits gesagt: Die Geschichte hat von mir Besitz ergriffen, sie beschäftigt mich nun unentwegt, und ich musste einen Weg finden, mit der mentalen Okkupation zurechtzukommen, für mich eine recht schwierige Aufgabe. Ein solches Problem hat man schliesslich nicht alle Tage, nicht wahr?
 
Ich entschied, zu protokollieren, vermutlich als instinktiver Versuch zur Bewältigung einer Krise – es bietet sich dabei zudem die Chance, die neuen Fakten mit anderem Wissen zu verschmelzen, Assoziationen zu entwickeln, Phantasie einfliessen zu lassen und so eine „begründete“ Vermutung zu entwerfen, also einen Zustand zu erreichen, in dem das Ereignis akzeptiert werden kann. Soweit die Hoffnung.
 
Bis dahin jedoch wurde ich die Empfindung einer Invasion durch Unbekanntes nicht los, wartete auf eine Fortsetzung von Ereignissen, die ich nicht selbst erlebt, und doch als Erinnerung zu dulden habe. Es war belastend, hinter dem Phänomen keinen Zweck erkennen zu können und zugleich fürchten zu müssen, es gäbe in Kürze eine Fortsetzung des scheinbar Sinnlosen, und der Sinn könnte sich unverhofft und auf schmerzhafte Weise offenbaren.
 
Seit jenem Morgen fürchtete ich den Schlaf, ohne ihn allerdings verhindern zu können. Immerhin schlief ich zunächst nicht mehr des Nachts, sondern zu unmöglichen Zeiten im Verlauf des lichten Tages – als ob damit zu verhindern wäre, was mir längst  widerfahren ist.
 
Nach einigen Tagen begann ich damit, meinen Status neu zu organisieren, eine wie es schien, reine Schutz massnahme. Es zeigte sich, dass dies richtig gehandelt, wenngleich falsch motiviert war. Wie auch immer – die Qualität des Ergebnisses ist in Ordnung.
 
Mittlerweile ist es mir gelungen, das Geschehen zu strukturieren. Dazu habe ich z. B. den Begriff „Nachricht“ eingeführt. Nach der Bearbeitung einer Nachricht forsche ich nach dem Substantiellen, zergliedere, deute und ergänze, und versuche dann zu verstehen. Wie es sich in der Folge zeigte, war die Verwendung solcher Technik zweckmässig; sie fördert das Verständnis der Nachricht, und sie nimmt ihr jenen Schrecken, den Nr. 1  noch ausge-löst hatte.
 
Um es vorweg zu nehmen: Mittlerweile gehe ich wieder abends zu Bett, schlafe tief und fest, und freue mich auf das Erwachen – ist eine neue Nachricht angekommen, oder etwa nicht? Freude oder Enttäuschung? Ja, ich gestehe: Ich werde möglicherweise süchtig nach Neuigkeiten aus dem Irgendwo.
 
Nachricht 1
 
ist. bei dir weit bei dir nah. univers wie du. sonne wie du. planet dreht. ist. seite weiss heiss. seite schwarz. egal heiss nicht. weit messen keine zeit. ist. heiss mensch hell. sagen Licht. kalt sagen mensch schatten. verstehen. plus.
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Mit meinem Gedächtnis ist es wahrlich nicht zum besten bestellt. Ich vergesse Telefonnummern, PIN´s, meinen Hochzeitstag, Namen  und geplante Einkäufe. Aber man kann versichert sein, dass ich diese Nachrichten komplett und korrekt wieder-gebe. Es ist ein Phänomen, über das ich nicht nachdenken möchte. Die Stress-Symptome habe ich mit Erfolg bekämpft, und ich akzeptiere nun eine unheimliche Begegnung der vierten Art.
 
Um die Sache abzukürzen: Ich habe Nachricht 1 wie folgt gedeutet:
 
„Es ist wahr. Ich bin weit von Dir entfernt, und doch ganz nah. Lebe in einem anderen Universum als Du, in der Nähe einer Sonne wie Deine, unser Planet dreht sich.
Es ist wahr. Eine Seite unseres Planeten ist heiss, und hell. Die andere Seite ist dunkel und kalt. Die Kälte macht mir nichts aus. Die Entfernung zwischen Dir  und mir ist nicht in Zeit zu messen.
Es ist wahr. Die Lebewesen auf der hellen Seite unseres Planeten würdest Du „Licht“ nennen. Die auf der dunklen Seite nennst Du Schatten.
Ich hoffe, Du hast die Nachricht verstanden. Eine neue folgt.“
 
Unversehens hatte ich den Übermittler personifiziert. Irgendwer, nicht irgendetwas hatte mir eine Botschaft gesandt. Ein „Er“, der auf der dunklen Seite seines Planeten lebt. Er bezeichnet sich als Schatten. Eine unglückliche Wortwahl. Wahrscheinlich ist ihm entgangen, dass Schatten körperlos sind. Unsere zumindest.
 
Hell und Dunkel – Ebony and Ivory living in perfect harmony …. side by side!
 
Nun, es wurde mir rasch bewusst, dass eine Fortsetzung folgen musste. Aber was um Himmels willen will er von mir? Er wird sicherlich nicht ohne Grund seine Existenz, und die seiner Welt offenbaren. Und wenn er in der Lage ist, auf die geschilderte Weise von mir Besitz zu ergreifen, dann kennt er die Menschen, weiss von ihren üblen Seiten, und muss sich trotzdem sehr sicher fühlen, in seinem Universum, als Schatten auf der dunklen Seite seines Planeten. Schattenmann – Schatten-frau –  Schattenwesen?
 
Um ehrlich zu bleiben: An dieser Stelle begann ich, an meinem Verstand zu zweifeln, befürchtete nacheinander einige Geisteskrankheiten wie Schizophrenie, Paranoia usw., und dass meine Sinne mir einen Streich spielten, das Ganze sich nur in meiner Phantasie abspielte, und so weiter. Eine solche Reaktion konnte nicht ausbleiben, bis zur
 
Nachricht 2
 
ist. mannfrau schatten. ist. Leben muss licht ist. licht nicht schatten nicht licht. ist. 1 ja 2 ja 3 nein. leben ding hinter licht vor. wie du. ist. licht neu schatten. nicht licht. dunkel leben. du licht leben schatten unlicht. verstehen. plus.
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Nun, das war eine harte Nuss. Während mir die Nachricht 1 noch leicht zu entschlüsseln schien, bekam ich hier einige Probleme. Nummer eins liefert nicht genügend Kontext, um Schlüssiges abzuleiten. Einige Versuche und verschiedentliches Variieren ergab das folgende:
 
“ Wahr ist. Ich bin ein Schatten und ohne Geschlecht. Ich lebe, weil Licht ist (Licht war).
Licht lebt ohne Schatten, und Schatten ohne Licht (also ohne Bindung an Licht? Wie das?).
Wahr ist, ich bin ein zweidimensionales Wesen.
Ich entstehe, wenn Licht auf einen Gegenstand fällt. Das ist wie auf der Erde.
Aus Licht entstehen Schatten, die aber in der Folge das Licht nicht mehr benötigen. Wir leben auf der dunklen Seite. Der Erdenmensch benötigt das Licht, wir Schattenwesen das Dunkel.
Du verstehst? Neue Nachricht folgt.“
 
So habe ich Nachricht 2 interpretiert. Ein Schatten entsteht dort auf dieselbe Weise wie bei uns, kann sich aber verselbständigen? Ohne Licht existieren? Der Typ nenn sich Schatten, kanns aber nie und nimmer sein, nicht wahr? Schatten ist nicht die Folge von Licht, sondern von Lichtreduzierung, nicht wahr? Man stelle sich vor, mein Schatten entsteht, und macht sich davon. Ich bin ohne, bis ich ins Licht trete. Ich mache mir dann einen neuen Schatten, aber auch der macht sich davon. Irgendwohin ins Dunkel. Eigenartig. Woher habe ich die Gewissheit, dass es auf der Erde nicht genauso ist? Dass die versammelte Schattenmacht immer der Nacht folgt, rund um den Globus? Dort untertaucht, und als zweidimensionale Wesenheit existiert?
 
Und welchen Sinn hätte eine andauernde Existenz meines Schattens, unfrei – oder nicht an meinen Körper im Licht gebunden?
 
Allerdings: Dem Schatten fehlt die dritte Dimension. Das hätte zur Folge, dass man eine unendliche Anzahl übereinander stapeln könnte, ohne auch nur den millionsten Teil eines Millimeters an Raum zu belegen! Ich konstatiere, dass meine Denkweise paranormale Züge annimmt, nehme mir vor, sehr darauf zu achten, dass meine Phantasie nicht in einen pathologischen Geisteszustand abgleitet, Wahnvorstellungen erst garnicht entstehen.
 
Die folgenden beiden Nächte blieben ohne Heimsuchung. Statt dessen stellte sich das Gefühl ein, betrogen zu werden. Man hat mir ein Puzzle gegeben, bei dem die Hälfte der Teile fehlt.  Dann endlich, in der dritten Nacht nach Nr. 2, folgte
 
Nachricht  3
 
ist. viel gleiches ich. ander viel gleiches sich. ich plus ich plus ich viele. ist. er plus er plus er viele. sie plus sie plus sie viele. er plus sie plus ich nein fehler tut nicht. ist. du denken raum nicht. verstehen. plus.
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Ich hatte mich unverzüglich und gut gelaunt an mein Puzzle begeben – er / sie / es hatte mir neue Teilchen angeliefert, und es hatte sich eine brennende Neugier meiner bemächtigt, ich wollte so rasch wie irgend möglich zu einem befriedigenden Ergebnis gelangen, vielleicht damit auch ein Ende des Spuks herbeiführen. Nummer 3 interpretiere ich folgendermassen:
 
„Wahr ist: Ich bestehe aus vielen gleichen Teilen. Die anderen ebenso.
Meine Teile sind gleichen Ursprungs. So ist es auch bei den anderen. Es gibt keine Vermischung, das wäre falsch.
Es ist wahr, was Du über den Raum denkst, den die Schatten belegen.
Du verstehst? Neue Nachricht folgt.“
 
Was für eine Neuigkeit! Ein Schatten als kumuliertes Wesen, alle seine Teile gleichen Ursprungs, aber jedes Teil unterscheidet sich von den bereits vorhandenen – ist es möglich, dass  …… nein. Undenkbar, dass Schattenbilder über-einander projiziert in zweidimensionaler Form die Beschaffenheit dreidimensionaler Dinge speichern könnten. Ich bin froh, im 21. Jahrhundert zu leben. Vor einigen hundert Jahren wäre ich wegen solcher Phantasien  unweigerlich auf einem Scheiterhaufen gestorben.
 
Ich frage mich nun doch, was auf jenem Planeten geschehen mag. Wer ist Schattenspender? Belebtes, Unbelebtes? Lebendes oder Totes? Berge, Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen?
 
Ich erschrak. Was hatte er nochmal gesagt?
ist, du denken raum nicht.“
Stimmt, ich benötige keinen Raum.  Das hat er mir übermittelt. Und es bedeutet, ER IST HIER. In dieser Sekunde, und in jeder anderen, die noch kommen wird. Ich stehe unter seiner Kontrolle. Seit wann? Schon immer? Seit neulich? Ich musste Panik bekämpfen – was um Himmels willen geschieht mit mir? Ich werde manipuliert, und fühle mich, als hätte man mir Drogen injiziert, eine Wahrheitsdroge wie Scopolamin etwa. Unversehens erinnere ich mich an ein Lied aus meiner Kinderzeit, das meine Mutter oft in ihrer Küche gesungen hat, und dessen Tenor sich nun als grundlegend falsch zu erweisen scheint – zumindest in meinem Falle:
Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten
Kein Mensch kann sie wissen
kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.
Bin ich unfrei geworden, oder war ich es gar schon immer?
Zugegeben, ich habe zwölf Stunden lang gelitten, habe gezweifelt, war verzweifelt – und füge mich nun in das Unabänderliche, Was sonst könnte ich tun?
In der darauffolgenden Nacht traf Nachricht Nr. 4 ein. Sie lautet:


ist. denken du. ich viele für eines. ist. ich immer du bist. ich du. kugel halb sand voll wasser. du sand ich wasser. du ich du. verstehen. plus. 

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Das entschlüsselte Ergebnis hat mich völlig aus der Fassung gebracht:


„Es ist richtig, was Du denkst. Ich bestehe aus vielen Teilen ein und derselben Sache. Ich war immer bei Dir.
Stelle Dir eine Kugel vor, die halb mit Sand gefüllt ist, und fülle sie vollends mit Wasser. Du bist der Sand, und ich das Wasser. Du bist ich, und ich bin Du. (Wir sind eins.) Verstehst Du? Ich melde mich wieder.“


Ich sehe mich heute ausserstande, mich mit der neuen Entwicklung auseinanderzusetzen. Nicht dass meine Neugierde nachliesse. Ich fiebere der nächsten Botschaft entgegen – und bin dennoch nicht mehr in der Verfassung, das von IHM gezeichnete Bild zu verarbeiten. Ich habe mich in eine Opferrolle zurückgezogen, leide wie ein getretener Hund. Unvermutet stellt sich der Gedanke ein, die Affaire neige sich ihrem Ende zu, und es käme nun zu einem Shutdown. Aber zu welchem? Was hat IHN dazu bewogen, mit mir diesen ganzen Zirkus zu veranstalten? Ich bin 89 Jahre alt – und ER hat 89 Jahre lang stillgehalten. Wenn ER wirklich mein komplementäres Ich ist, dann sollte ich erfahren, wozu es/er existiert.
Heute morgen erhielt ich mit einer neuen Nachricht die ultimative Anwort.


Nachricht 5


ist. du plus ich gleich eins. nennen körper du. nennen seele ich. ist. ich in dich muss. univers mein alle wie ich unzahl. kann geboren wieder. nein oder ja. wir emotion machen. kontrolle auch müssen. ist. kommen du nah zu mich. wissen nicht. muss kommen. heute zeit ende mein dein. muss. muss. muss. verstehen. null.

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Ich habe eben diese Nachricht mit grosser Sorgfalt studiert und erkenne, ich halte den Schlüssel zur Wahrheit endlich in der Hand. Ich werde langsam und so genau wie möglich formulieren. Beginne zu glauben, was ich lese und zu verstehen. Nein, alles verstehe ich natürlich nicht. Es bleibt mir zum Beispiel ein Rätsel, warum man mir gestattete, diese Angelegenheit aufzuzeichnen. Mag sein, dass es keinen Unterschied macht. Die Story ist sowohl unglaublich als auch unglaubhaft. Erzählte ich davon, so würde man mich auf meinen Geisteszustand untersuchen wollen. Ich sollte es damit halten wie mit dem anderen grossen und rätselhaften Wunder, der Frau. Nicht ohne Grund sagt man: Der Kenner schweigt, und geniesst.


„Es ist wahr. Du und ich sind eins. Du bist der Körper, und ich die Seele. Du brauchst mich, und ich bin in Dir. In meinem Universum sind alle Seelen versammelt. Wir sind nicht zählbar. Wir warten auf eine Wiedergeburt. Unsere Aufgabe ist die Katalyse, wir setzen Eure Gefühle frei. Wir kontrollieren. Ich bin zu Dir gekommen, weil Du mich entdeckt hast, ohne es zu wissen. Ich hatte keine Wahl. Heute endet unsere Zeit. Deine und meine. So lautet das Gesetz. Du verstehst? Es folgt keine neue Nachricht.“


Ich bin geschockt. Was ist, wenn Er die Wahrheit sagt? Wenn ich nicht sofort diesen Text sichere, fehlt ihm die Pointe, keiner wird verste  .. .. .. .. .. .. .. .. ..
 

Höllisches Treiben

(1) Hamburg-Blankenese, Bahnhofstrasse. Der Mann geht Richtung S-Bahn. Er mag guter Laune sein, und sein Schritt ist beschwingt – er scheint buchstäblich über den Bürgersteig zu tanzen. Sein Gesicht strahlt jene Zufriedenheit aus, die ausgeglichenen Naturen an einem sonnigen Tag zu eigen ist. Ja, es ist ein sonniger Vormittag – Bilderbuchwetter, wie man zu sagen pflegt. In den Vorgärten blühen die ersten Blumen um die Wette, blau und gelb überwiegen zur Zeit – es ist gerade Frühling geworden, und alle Welt versprüht gute Laune, ist geschäftig, und die Arbeit macht offensichtlich allenthalben Spass. Es ist die Zeit, in der die Menschen aus dem mentalen Winterschlaf erwachen, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und genussvoll gute Laune zu verströmen. Ja, es werden sogar fröhliche Grüsse gewechselt, und selbst der Autoverkehr hält sich merkwürdig zurück, so, als ob die Menschen ihre stinkenden Fahrzeuge lieber zu Hause stehen liessen, um zu Fuss ihre Einkäufe zu erledigen oder einfach einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wohl wissend, dass diese Aufbruchstimmung nicht lange anhalten wird und unweigerlich in die gewohnte Lethargie der Getriebenen mündet.

Der gut gekleidete Mann passiert den Bahnhofsvo-platz und will eben eine Nebenstrasse überqueren, als ihm der Kopf wegfliegt.

Er hatte den linken Fuss für den nächsten Schritt gehoben, als ihm der Kopf abhanden kommt, er seine Balance verliert und auf dem Bürgersteig landet.

Da liegt er nun, und es scheint, als würden statt der üblich 6 bis 7 Liter wohl eher 26 oder 27 Liter Blut aus seinem Körper herausfliessen.

Passanten legen die erwartete Aufgeregtheit an den Tag, Frauen schreien los, ein alter Mann brummt etwas von einer Riesensauerei, ein zweiter reklamiert Sicherheit für die Bürger. Angestellte aus dem Sportgeschäft gegenüber haben mittlerweile Polizei und Notarzt alarmiert, und es fliesst Blut. Noch immer. Ein junger Mann fragt unentwegt, warum keiner hilft – als könne man die Wunde, die beim Totalverlust des Hauptes entsteht, mit blossen Händen und einigen Erfolgsaussichten versorgen, Erste Hilfe leisten, dem Betroffenen, oder sagt man besser Getroffenen gut zureden, so als hätte er seine Ohren an einem anderen Platz und wäre noch auf Empfang geschaltet – Närrisches mischt sich mit Entsetzen, Neugierde und Mitleid.

Endlich taucht ein Notarztwagen auf – es ist nicht sehr weit bis zum Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Rissen. Die Besatzung des Rettungswagens springt aus ihrem Fahrzeug, der Arzt schaut sich die Unfallstelle an und stellt fachkundig fest: Der Kopf ist ab. Der Mann ist tot. Die Sanitäter werfen rasch eine Decke über den Leichnam und ziehen sich in ihren Wagen zurück. Man wartet auf die Polizei; schliesslich ist auch Michel 17 eingetroffen, besetzt mit zwei Polizeiobermeistern.

Die beiden Grünen nähern sich behutsam dem Toten. Einer lüftet sacht die graue Wolldecke, und lässt den Zipfel wieder los. Bedächtig ziehen sie sich zurück; ihre Gesichter verraten, dass sie mit Kopflosen keinerlei Erfahrung haben, sich in Schwierigekeiten befinden, nicht genau wissen, was nun zu tun sei – und schliesslich doch noch eine rettende Idee entwickeln können. Nach kurzer Beratung geht einer zum Peterwagen und alarmiert die Mordkommission.

Endlich beginnen sie damit, die Menschenan-sammlung um gute drei Meter zurückzudrängen, ein unsinniges Unterfangen, denn die Leute behaupten ihre Plätze in einer Weise, als hätten sie dafür Erste-Rang-Preise bezahlt, drängen sich also wieder nach vorne, nachdem die Ploizeikräfte sich mit den Nachbarn zu beschäftigen. Und es dauert, bis die Polizisten einmal die Runde hinter sich gebracht haben, um zu erkennen, dass sie wieder von vorne beginnen dürfen, dies auch schliesslich tun. Zweiter Versuch.

Dem Entsetzen der ersten fünf Minuten ist längst das gefolgt, was in solchen Fällen die Zuschauerszene beherrscht: Neugier, Vermutung und Wichtigtuerei. Es rüsten sich die Zeugen für die bevorstehende polizeiliche Vernehmung. Tatsachen werden mit Phantasien verflochten, Vermutungen untergemischt, mit anderen Zuschauern ausgetauscht und abge-glichen, schliesslich modifiziert und dann als geplante Aussage paratgelegt.
Mittlerweile ist der Tote leer. Er blutet nicht mehr aus dem Hals, die Pfütze beginnt eine dunklere Färbung anzunehmen.

Endlich erscheint die Mordkommisssion, nimmt kurze Eindrücke auf und ordert die Spurensicherung. Man zieht sich in seinen PKW zurück, nicht ohne die Anweisung an die Uniformierten zu hinterlassen, die Leute fernzuhalten. Der Notarzt möchte gehen und seine Sanitäter mitnehmen, und die Kripo stimmt nach kurzer Beratung zu. Abgang.

Ein uniformierter Polizist bemerkt endlich, dass Zuschauer die Fahrbahn belagern. Der Verkehr staut sich nun bis Nienstedten zurück. Das neueste Stauopfer geniesst den Blick über die Elbe und zum Anleger Teufelsbrück. In Blankenese räumt derweil ein Polizist endlich die Strasse, und der Verkehr setzt sich in Bewegung. Der Tote liegt unter seiner Decke, ist unschuldig am Chaos. Und die Spurensicherung erscheint, nimmt ihre Arbeit auf. Ein Polizei-Arzt ist mitgekommen, und stellt den Tod fest. Und dass der Kopf fehlt. Nun fehlt er endlich amtlich.

Die Spurensicherung beginnt mit der aussichtlosen Suche nach dem Kopf. Sie endet mit der Vermutung, dass wahrscheinlich ein grosser Hund vor allen anderen am Tatort aufgetaucht war und mit einem Souvenir verduftet sei, welches er in einem instinktiven Handlungstrieb als Wintervorrat in irgendeinem Garten vergraben habe. Es sei eine Rasterfahndung nach allen Hunden einzuleiten, für die eine Schulterhöhe von mehr als 50 mm angenommen werden müsse. Nicht gefragt wurde nach der Anwesenheit von Kindern.

Die Vernehmung der Zeugen – es gab sie tatsächlich – bringt die aus Film und Fernsehn hinlänglich bekannten Ergebnisse. Es gab einen Täter, und es gab keinen. Der Täter ist von weisser, schwarzer, gelber und roter Hautfarbe, blond und schwarz, alt und jung, mit und ohne Flinte, mit Machete und Taschen-messer, mit Schweizer Offiziersmesser, Kettensäge
und tragbarer Guillotine, das Opfer wurde zerbissen, gesprengt, zerfahren und auf vielerlei andere Weisen dahingemetztelt. Nein, einen Eskimo habe man nicht wahrgenommen. Krokodile seien in Hamburg auch eine ausgesprochene Rarität. Merkwürdig sei die über-einstimmende Aussage, der Tote habe einen Hut getragen. Der Hut ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich werde der Hut noch auf dem Kopf sitzen, und sei vom Hund mitbeerdigt worden, oder so ähnlich.

Die Kripo ist noch etwas unschlüssig um die Frage, wie es nun weiterzugehen hätte, und endlich wird die Identität des Toten festgestellt. Diesbezügliche Erkenntnisse sind ernüchternd: Es hat einen Niemand erwischt, einen Rentner ohne Familie – wenigstens wird es nicht erforderlich werden, andere Menschen mit einer schlimmen Nachricht unglücklich zu machen.

Einer der Kripo-Beamten murmelt in sich hinein, das Glück sei mit die Dummen. Laut ausgesprochen schadet ein solcher Standpunkt der Karriere, man sitzt wochenlang vor der alten Adler-Schreibmaschine, bei der ausgerechnet das A streikt, und tippt nzeigen, Bed rfsmeldungen für Klop pier und ähnliches.

Am Tatort scheint die Situation einzufrieren. Die Dynamik der ersten halben Stunde ist verflogen, und es scheint die Anwesenden Melancholie zu befallen.

Sensible Zuschauer haben diese Entwicklung rechtzeitig gespürt und sich auf den Weg gemacht. Wohin auch immer. Für andere ist es nun zu spät. Schwermut legt sich wie ein Leichentuch über die Szene, hält die Anwesenden gefangen, vermittelt ihnen das Gefühl, als seien sie Staffage, unentbehrlich und darum mit dem Fluch der Unbeweglichkeit belegt, zudem schweigend, denn alles war gesagt, selbst das Ungehörige ausgesprochen (Haben Sie gesehen, der hat sich in die Hose geschissen!). Immerhin bleibt der Autoverkehr von dieser Lähmung unbehelligt, bildet einen bewegten Rahmen um den Unglücksort, kontrastiert diesen und gibt ihm damit einen eigenen, seltsamen Status, so, als hätte man ihn mit einer gläsernen, schalldichten Wand umstellt.

(2) Anderer Ort, selbe Zeit. Noch hatte der Mann in Hamburg Blankenese den Kopf nicht verloren. Luzifer ist wieder einmal ausser sich. Die Probleme mit der Disziplin seiner Truppe häufen sich und sind kaum in den Griff zu bekommen. Am tollsten trieben es wie stets Succubus und Incubus, jene Unterteufel, die sich auf den Diebstahl der menschlichen Fortpflanzungs-fähigkeit spezialisiert haben. Succubus, dieses Teufelsweib, kauert nun vor Luzifer und erwartet sein Donnerwetter. Nein, es ist gewiss keine Angst im Spiel. Man kennt seinen Boss, bellende Hunde beissen nicht, wenn er sich ausgekotzt hat, kann man zur Sache kommen und vernünftige Entscheidungen treffen. Also lautet zunächst die Parole: Sei devot und warte ab.

Luzifer beginnt seine Ansprache wie üblich. Dabei hebt er seine Stimme um eine Oktave an und keift in Altweiber-Manier: Ich bin Luzifer, der Sohn des Lichts und der Göttin Aurora, gefürchtet und verehrt als SATAN, Engel des Bösen! Alles hier hört auf mein Kommando! Dies sollte niemals in Zweifel gezogen werden! Und von Dir, Succubus, will ich nun wissen, wo Incubus sich wieder herumtreibt. Ihr beide habt von mir einen Auftrag erhalten. Was läuft hier bloss wieder ab? Antworte, Weib!

Succubus unterdrückt eine gelangweilte, und setzt eine ängstliche Miene auf. Der Alte mag das, eine Marotte, und es kostet nicht einmal eine Anstrengung, ihm den Gefallen zu erweisen. Jetzt noch die Stimme auf Zittern eingestellt, und leise antworten: Herr, ich weiss es nicht. Vermutlich ist er wieder mal voraus-geeilt. Du kennst ihn, manchmal reitet ihn der Gott!

Luzifer kreischt: Nicht schon wieder! Ich habe die Schnauze voll von ihm und seinen Eskapaden. Nun ist der Kerl 70.000 Jahre alt und kann es immer noch nicht lassen, Unfug zu stiften! Mach´ sofort hinterher und sieh nach, was der Kerl treibt! Bericht in einer halben Stunde!

Succubus die Teufelin streicht sich anmutig über ihr Schnäuzchen – der Alte liebte diese kleine Geste über alles, seine Schwanzspitze beginnt zu glühen – und erhebt sich. Ja, Chef, ich habe verstanden und mache mich umgehend auf den Weg. Keine Sorge, wir haben das immer hingekriegt. Dem Incubus werde ich den Himmel heissmachen und ihm so die Leviten lesen, dass ihm sein Huf drei Tage lang dort juckt, wo er sich nicht kratzen kann! Verlass Dich ganz auf mich! Sprichts, und entfernt sich rückwärts wieselnd aus Luzifers Audienzzimmer.

Natürlich weiss die Teufelin, wohin es ihren Partner Incubus getrieben hat. Ohne Zweifel hat er erneut ein Süppchen angerührt, das sie mit auslöffeln muss. Doch zunächst zieht sie sich in ihre Zelle zurück, um sich reisefertig zu machen; sie bürstet sich den Pelz, schaltet auf Unsichtbar und zurück, findet alles roger und macht sich schliesslich auf den Weg. Zwei Sekunden später kommt sie in Hamburg-Blankenese an, auf Unsichtbar geschaltet, was sie invisibel zu nennen pflegt, und hält Ausschau nach ihrem Partner Incubus.

Fünfzehntausend Jahre Zusammenarbeit mit einem Teufel namens Incubus schärfen die Sinne. Darum entdeckt die Teufelin ihren Partner linkerhand auf der Kante eines dreistöckigen Wohnhauses; er hat es sich auf der Dachrinne bequem gemacht – unsichtbar geschaltet, ganz nach Vorschrift. Sitzt da oben und drückt ein gelangweiltes Gesicht hin.

Offenkundig hat er das Interesse an der Szene unten verloren, wartet auf irgendetwas. Sieht die Succubus und beginnt zu grinsen. Succi, altes Mädchen! Hat aber gedauert, bis Du endlich nachkommst. Hast Dich wohl zu lange gebürstet? Siehst aber wirklich gut aus, mein Zuckerschnäuzchen! Succi hat den Rest ihres mageren Humors verloren – das hätte er bedenken sollen, bevor er sein vorlautes Maul aufreisst. So denkt jedenfalls Succi, und legt sich ins Zeug. Schwingt sich rauf auf die Dachkante und baut sich links vom Incubus-Schätzchen auf.

Sie senkt ihre Stimme um eine Oktave, legt ein Schäufelchen Raucherhusten bei, und spricht – nein, sie röhrt, als habe sie ein schweizerisches Alphorn samt Senn verschluckt, gemessen, aber bedrohlich, einer Zeitbombe gleich, deren Zünder auf 60 Sekunden steht:

Inni, Du dreifach gewendetes Arschloch! (Inni´s Blick wechselt von träge auf wachsam).
Der Alte hat mich gerade erst niedergemacht, und mich dann dringlich hierherbeordert! (Inni´s Blick wird wieder träge).
Nun habe ich wieder einmal an Deiner Stelle die Brühe über den Kopf gekriegt! (Inni´s Blick wird wieder angespannt!)
Der Alte sagt, ich solle Dir so in die Eier treten, dass Du in Pension gehen kannst! (Inni kneift seine Stelzen zusammen, versucht damit einen Knoten zu falten, weil, wenn sie will, macht sie das, er kennt sie!).
Ich aber sage Dir, das kannst Du vergessen. Ich bestimme immer noch selbst, wann ich Dir ins Gekröse trete. Und das passiert mit Sicherheit, wenn Du nicht sofort beginnst, die Scheisse da unten wegzuräumen! Ich hänge Dir Dein Kreuz aus, dass Du Deinen Arsch in einer Schlinge tragen musst! Und dazu habe ich jedes Recht!
Der Alte tritt mir in den Hintern, und ich Dir ins Gemächt – so hat alles wieder seine Ordnung, ist das klar? I s t d a s
k l a r , Du Sackgesicht?

Inni weiss: Wenn sie Sackgesicht sagt, wird es ernst. Lahm entgegnet er noch, es sei doch alles nur ein Ulk gewesen, wir können das ja in Ordnung bringen (tja, Inni ist nicht der Schlaueste; mit dem Plural hat er schon wieder daneben gelangt, Succi dreht nun durch und will ihn treten, wovor ihn sein siebenter Sinn mit einem Sidestep bewahrt, und er verlässt rasch seinen Logenplatz und hängt sich rechterhand ans Fallrohr.

Succi dagegen tritt zu, ins Leere, verliert die Balance und segelt hinunter auf den Bürgersteig, haarscharf an einer alten Dame vorbei, die sofort ein Schaudern packt, und eine Ahnung vom nahen Tod, was Succi sofort spürt, bedauert und zur Sühne den Rheumaschmerz in der rechten Schulter von Frau Lüders lindert – auch Teufel können das!

Währenddessen hängt Inni am Fallrohr und brummelt etwas von Gefühlsduselei. Succi macht sich auf den Weg nach oben, entlang des besagten Regenrohrs. Inni weicht zurück, vielmehr nach oben aus, schwingt sich über die Dachrinne und nimmt Deckung hinter dem Schornstein. Succi kauert davor, röhrt ihn an.

Und jetzt, Inni-Schätzchen, verschwindest Du vom Dach.
Du eierst nach unten, und räumst auf. Und vergiss nicht: Ich bin Luzifers Henker. Ich reisse Dir raus, was Dir lieb und wert ist, und verfüttere es an die Engel!
Du hast jetzt 37 Minuten, dann herrscht da unten wieder Ordnung, Alltag, Friede, Freude und Eier-kuchen. Ist das klar?
Und wenn Du dort fertig bist, werde ich weisungsgemäss dem Alten berichten. Ich werde ihm sagen, es sei hier nichts gewesen. Und dann machen wir uns an unseren Auftrag. Hast Du alles kapiert, oder muss ich nochmal wiederholen?
Inni kleinlaut: Alles retour?
Succi: Mach los, Du Sohn einer …..
Inni ist schon weg.

(3) Rückabwicklung ist angesagt. Dabei spielt die Zeit eine gewichtige Rolle. Seit Inni´s Eingreifen in die Strassenszene am S-Bahnhof Blankenese sind inzwischen 46 Minuten vergangen. Inni betritt die Szene, für jedermann unsichtbar, ausgenommen für Succi, die es sich auf der Dachrinne bequem gemacht hat und mit Falkenaugen den Prozess überwacht. Was hat der blöde Hund nur wieder angerichtet. Wäre ich der Boss, denkt sie, der Typ würde nicht mehr aus der Hölle rauskommen. Innendienst bis zum Abwinken, für mindestens weitere 50.000 Jahre. Aber der Alte ist zu gutmütig. Manchmal kommt einfach der Engel bei ihm durch!

Inni rechnet. 46 Minuten zurück, plus zwei Minuten Vorbereitung macht neunundvierzig – und los. Erst ein Stillstand der Zeit, dann alles retour, just so, wie man einen Film rückwärts laufen lässt. Inni überwacht angestrengt den Prozess, und Succi überwacht ebenso aufmerksam ihren Inni, bemerkt eine Minute Zeitdifferenz, alles läuft weiter zurück, wenn nur dieses hundeschnäuzige Arschbackengesicht von einem Unterteufel mal etwas richtig machen würde! Und genauso röhrt sie ihm das hinunter; er sieht danach wirklich betroffen aus. Nach knapp 49 Minuten rollt in Pinneberg ein Ford Mondeo rückwärts in seine Garage, der Fahrer steigt aus, trottelt rückwärts gehend in sein Haus, hängt seine Jacke an die Garderobe, retiriert in die Toilette und setzt sich auf den Topf, endlich ….. nun, das lässt man aus. Verletzt die Menschenwürde.

Endlich ist die Reorganisation abgeschlossen. Die Zeit stoppt, und bewegt sich wieder in die korrekte Rich-tung. Der Typ in Pinneberg kommt vom Topf hoch, fühlt sich gut und macht sich wieder auf den Weg Richtung Blankenese. Nichts ist passiert. Nur einige empfindsame Menschen erleben die überflüssige Minute als ausgedehntes Déjavu.

Inni entert die Dachrinne und setzt sich neben Succi. Sie ist aber noch nicht mit ihm fertig. Du kommst jetzt mit zum Alten, Sackgesicht! Ich muss Bericht erstatten. Und Du wartest vor seiner Tür. Ich möchte heute nicht nochmal erleben, wie Du Mist baust. Ist das klar?

Sekunden später steht Succubus vor Luzifer und berichtet: Ehrwürdiger Satan, ich habe Incubus in Hamburg angetroffen. Er hat dort auf mich gewartet. Es war nichts passiert. Ich vermute, er hat grossen Respekt vor Dir und Deiner Allmacht. Kann sein, er beginnt zu verstehen. (Sie fährt sich mit der Pfote zart über ihr Schnäuzchen, und Luzifer bemerkt´s mit Entzücken). Es gibt also keinen Grund sich zu sorgen.
Luzifer fragt nach, was sie eine Stunde lang getrieben hätten, wenn nichts zu reparieren gewesen sei. Succi: Nun, ein wenig lüstern war der Incubus schon. Du kennst ihn. Wenn er sein Engelsgesicht aufsetzt und damit beginnt, Rosenkränze zu beten, dann steht er kurz vor einer Eruption, und man muss einige Mühe darauf verwenden, ihn wieder so weit herunter-zukühlen, dass man ihn allein lassen kann. Aber sei versichert: Wir arbeiten dran. Keine Sorge. Succi hat alles im Griff!

Luzifer verliert das Interesse an Inni, und sein Interesse an Succi wächst. Sie bemerkt dies, bedauert, dass eines der grossen Welträtsel ungelöst bleibt: Engel sind geschlechtslos. Und das bleiben sie auch als gefallene. Wie kann es angehen, dass der Boss sich wie ein geiler Bock aufführt, seine Energie derart verschwendet, sich aufplustert wie ein Gockel, um dann einem aufgeschlitzten Heissluftballon gleich abzu- schlaffen, ohne auch nur im geringsten einen Nutzen aus dem Gehabe zu ziehen? Kerle!

Succi zieht sich zurück, bevor die Situation richtig unangenehm wird; der Alte mag sich in sein Schwefel-bad verziehen und de-eskalieren. Sie hat schliesslich einen Auftrag zu erledigen, und zudem die Dumpf-backe Inni am Halse.

Succubus und Incubus machen sich auf den Weg, um ihre Arbeit zu erledigen. Der temporär Geköpfte sitzt nun in seiner Stammkneipe und hat bereits das zweite Bierchen vor sich stehen. Es ist offenkundig: Er hat auch die für das Eingiessen von Pils erforderliche Körperöffnung ordnungsgemäss zurückerhalten; seine Mine verrät, dass Schäden an Körper, Geist und Seele nicht eingetreten sind.

(4) Succi memoriert laut (damit Inni mitkriegt, was nun zu tun ist):

· Auftrag
· Durchführen: Incubus / Succubus
· Termin: innerhalb von 6 Stunden
· Zielperson: x, Senator der Freien und Hanse-stadt Hamburg, Bezirk Mitteleuropa, Planet Erde
· Massnahme: holen (tot oder lebendig), und sofort vorführen
· Begründung: Senator X wurde durch Pastor Y verflucht; Y murmelte den Fluch: Da sitzt er. Den soll der Teufel holen! noch während seines Gottesdienstes. Damit wird der Fluch wirksam.
· Die Massnahme des Pastors steht im Zusammenhang mit einer erwarteten, aber nicht eingetretenen Spende für die Nordelbische Kirche und dem damit einhergehenden Verlust von 25 Prozent des Spendenbetrags für die Gemeindekasse des Pastors. Senator X hatte einen 6stelligen Betrag zugesagt und einen 3stelligen zur Verfügung gestellt.
· Besonderheit: Das Verhalten des Senators X deutet an, dass er der Hölle nähersteht als dem Himmel. Das ist jedoch irrelevant. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derlei Erwägungen die Durchführerung des Auftrags nicht beeinträchtigen dürfen.

Senator X wohnt am Süllberg; er ist Eigentümer einer Penthouse-Wohnung mit Elbblick. Verheiratet, aber kinderlos geblieben, hat er sich für eine Legislaturperiode vom Handel abgewandt und sich der Lokalpolitik verschrieben. Als gelernter Kauf-mann hat er folgerichtig das Ressort Kultur übernommen.
Sein Unernehmen beschäftigt in der Regel 130 Mitarbeiter und wird derzeit von einem Geschäfts-führer geleitet. Das Unternehmen handelt mit allem, was der ferne und der mittlere Osten zu bieten haben: Teppiche, Tee, Gewürze, Elektronik, um die wichtigsten Posten zu nennen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, Senator X sei ein hansea-tischer Pfeffersack im Original.

Das ist nun jener Mann, den die Teufel holen sollen, weil ein Pastor es wünscht. Welch eine Ironie!

(5) Teufel reisen nicht. Sie scheinen immer genau dort zu sein, wohin sie wollten. Ein Kurztrip von München nach Hamburg dauert den Bruchteil eines Wimpern-schlags. Sofern Inni sich dabei um eine Sekunde verspätet, dann hat er gewiss einen Abstecher nach Australien unternommen, und bekommt deswegen richtigen Zoff mit Succi.

Natürlich ist Senator X nicht zu Hause. Die Teufel wissen nicht, wo er sich aufhält, aber sie kennen seinen nächsten Schritt. Also rasch bei der Industrie- und Handelkammer vorbeigeschaut, nicht da. Nächste Station ist die Staatsoper, Büro des Intendanten (vorzüglicher Cognac!), dann weiter ins Rathaus, hier das Restaurant (X hat Boeuf à la mode gegessen), sodann das Büro des Bürgermeisters aufgesucht, und ist anschliessend in den Freihafen gefahren, wo er einen Schuppen, den 10er gemietet hat.

Hier wird’s für Succi und Inni überaus ungemütlich. Nicht dass hier Weihwasser gelagert wäre – das nein. Aber Teufel fürchten Gewürze ebenso. Sie sind mög-licherweise traumatisiert durch intensiven Kontakt mit Weihrauch, wovon die Katholiken in Kirchen wie im Freien reichliche Mengen verbrennen. Die Ursprünge des Weihrauch im christlichen Gottesdienst liegen im römisch-byzantinischen Hofzeremoniell. Dabei wurde Weihrauch als Amtsinsignie hoher Beamten über-nommen. Schon damals haben sich Bischöfe hinter Schwaden von Weihrauch versteckt und zugleich ihren Gläubigen die Sinne vernebelt. Inni ist frustriert:

· Succi, weißt Du noch, damals inByzanz, als ….
· Höre mir mit den alten Geschichten auf!
· Aber Succi, riechst Du ihn nicht? Das ist kein Sandelholz!
· Inni, Du bist ein feiger Teufel! Und Du hast Glück, dass uns jegliches Schamgefühl abgeht! Los, weiter!
· Succi! Ich mag keine Gewürze! Sie machen mich nervös! Man weiss nie, was kommt! Unser Mann ist ein Pfeffersack! Gewürzhändler!
· Inni, noch einen Ton, und ich tue, was der Boss mir aufgetragen hat! Hier ist keine Kirche, hier wird kein Weihrauch abgefackelt! Das hier ist nicht der Kölner Dom, sondern Schuppen 10 im Hamburger Freihafen. Vergiss endlich Byzanz, Du Lusche!

Schliesslich haben die beiden ihren Mann auf Boden 3 geortet. Ausgerechnet dort. Er palavert mit einem der Gangführer, sitzt dabei auf Paketen – Weihrauch.
Boswellia carteri Prov. Somalia. Steht so da, riecht so, ist auch drin.

Succi ist sprachlos. Was tun? Invisibel bleiben, selbstverständlich. Warten. Natürlich. Zuhören. Was sonst? Aber die Zeit!

· …. sicher, dass die bestellte Qualität drin ist?
· Da müssen wir eine Stichprobe nehmen! Ich hole mal schnell eine leere Dose …
· Aber keine Fischdose ….
· Gewiss Herr Senator. Ich weiss Bescheid – sonst glauben wir noch, dass der Weirauch nach Hering riecht, mit Senfsosse …. hahahaha …
· Machen Sie zu, Sandner, soviel Zeit habe ich nicht!
· Sekunde, da ist sie schon. Die haben wir letztes Mal auch benutzt! Wir wollen doch den Herrn Bischof in Paderborn nicht verärgern!
· Nu man los, Sandner!

Inni: Jetzt hau ich ab. Es wird ungemütlich!
Succi: Feiger Hund!
Sandner: Dor hebbt wi den Krom. Mit´n beten Holzkohle ward dat gein.
Der Senator: Machense man zu!
Sandner: Brennt´n beten!
Inni: ich verzisch mich.
Succi: Ich komme mit.

Und bald riecht der Boden 3 des Schuppens 10 am Tschechenhafen wie der Dom zu Bamberg am höchsten katholischen Feiertag.
Sandner: Brennt gut, qualmt gut, riecht wie immer. Kann ich jetzt lüften?
Der Senator: Machense man zu. Ich nehme mir eine Probe mit. Meine Frau schwört auf H15. Soll gegen alles helfen. Und so ganz unrecht hat sie nicht. Wurden Sie jemals in einer katholischen Kirche von Mücken geplagt? Nein, meinte Sandner, das wäre man schlecht möglich, weil er Atheist sei, lauerten ihm die Mücken in seiner Schlafkoje auf. Stecken Sie sich doch auch eine Probe von dem Zeug ein, für zu Hause, sagte der Senator im Weggehen, und verströmte dabei einen Duft wie eine Tonne Mottenkugeln. Den Teufel werde ich tun, brummte Sandner. So, wie ich rieche, kann ich nicht nach Hause kommen. Meine Alte schmeisst mich sofort wieder raus. Da kann ich denn man gleich in die Kneipe. Sprachs und zog los. Den Schuppen hatte er dann doch noch abge- schlossen und die Alarmanlage scharfgeschaltet.
(6) Senator X duftete still vor sich hin, setzte sich in seine Luxuskarosse und machte sich auf den Heimweg. Succi und Inni hatten ihm aufgelauert, sich aber nicht an ihn herangewagt. Succi memorierte erneut:

· Erstens haben wir nur noch eine und eine halbe Stunde Zeit, um den Auftrag zu erledigen.
· Zweitens kommt der Senator X ungeschoren davon, wenn wir´s in der restlichen Zeit nicht schaffen.
· Drittens fehlt uns die Zeit, die wir mit Inni´s Blödsinn in Blankenese vertrödelt haben.
· Viertens möchte ich nicht in unserer Haut stecken, wenn der Alte erfährt, dass er den Senator nicht kriegen kann.
· Daraus ergibt sich fünftens, dass wir ab sofort agressiv vorgehen müssen. Vergessen wir den Weihrauch, sonst gibt’s Zunder!

Inni hält dagegen: Mach Du´s. Ich fass den Typen nicht an. Beim letzten Mal habe ich gereihert bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Eine Kunst, sage ich Dir. Nicht essen, nicht trinken, aber reihern, das krieg Du erst mal hin.

Succi: Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich Dich gebührend bedauern. Nun aber holen wir uns den Senator! Schlappschwanz!

Und einen Wimpernschlag später kauern sie in des Senators Salon, unsichtbar wie immer, und beobachten Frau X beim Arrangieren eines gewaltigen Blumenbuketts. Des guten Wetters wegen hat die Hausfrau die Schiebetür zur Dachterrasse geöffnet. In der Sonne tanzen die ersten Mückenschwärme, sehr zum Missfallen von Frau X, die nicht ahnt, dass diese frühen Insekten noch nicht zum Blutsaugen konditio-niert sind. Angeber allesamt.

Um es kurz zu machen: Zunächst erscheint Senator X auf der Bildfläche. Duftet nach Weihrauch, als wäre er stundenlang in einer Fronleichnamsprozession mitgelaufen.

Inni kriegt das Würgen.

Frau X erinnert sich: Hast Du ein wenig Weihrauch mitgebracht? Schau Dir die Mücken an. Schwärme davon schon im Frühjahr, unglaublich! Ja? Her damit.

Rasch hat sie eine vorbereitete Schale herbeigeholt, und der Senator bestückt und befeuert diese.

Inni beginnt zu reihern.

Succi will sich dem Senator nähern.

Inni verliert die Kontrolle und schaltet aus Versehen auf Sichtbar.

Frau X schreit wie am Spiess, und sinkt ohnmächtig zu Boden.

Der Senator ist aus härterem Holz. Merkwürdig, denkt er. Die Gestalt sieht aus wie die bei Albrecht Dürer: Der Ritter, der Tod und der Teufel. Genau, es ist der Teufel! Was will die Type hier?

Die unsichtbare Succi verliert jetzt ihererseits die Fassung.

Der Senator hält noch immer die Weihrauchschale in der Hand und vergisst, sie abzustellen. Lässt sich in einen Sessel fallen und staunt: Wer hat je im Leben einen kotzenden Teufel gesehen?

Succi ist mittlerweile unter Krämpfen zurückgewichen. Die gesamte Szenerie scheint ihr unwirklich. Kämpft sich zu inni vor und schaltet ihn auf invisibel.

Der Senator ist noch immer bei Dürer; seine Berufung zum Kultursenator beginnt Früchte zu tragen. Endlich stellt er die rauchende Schale zur Seite, um sich einen Bildband aus dem Bücherbord zu greifen.

Dumm, denn er schiebt den Mückentod den beiden Teufeln direkt unter die Nase.

Inni ist einer Ohnmacht näher als allem andern, und Succi beginnt zu reihern. Sie weichen zurück, und Succi will den Kampf wieder aufnehmen. Sie rappelt sich auf und stürzt auf den Senator zu, der sich mit einem schweren Bildband in der Hand umwendet – er trifft Succi versehentlich direkt auf die Schnauze, und sie weicht jaulend zurück.
Teufel weinen nicht, auch wenn ihnen danach zumute ist. Succi setzt sich verzweifelt auf den Teppichboden. Unter ihr bildet sich eine Pfütze, was den Senator nun doch ziemlich verwundert. Pfützen aus dem Nichts sind auch in Hamburg äusserst selten.

Während er sich fragt, wo das üble Vieh abgeblieben sein mag, und wer es ihm geschickt haben könnte, und was der ganze Mummenschanz eigentlich soll, kommt für Succubus und Incubus die Abberufung. Ihre sechs Stunden sind verstrichen, der Teufel hat den Senator nicht gekriegt.

An seiner Stelle bekommt er zwei kotzende Unterteufel. Sie werden seinen Zorn zu spüren bekommen, sobald es ihnen wieder besser geht. So lange wird er mit seiner Rache warten. Zur Strafe wird er die beiden in Hamburg installieren – in menschlicher Gestalt selbstverständlich. Sie sollen wie Herr X politische Ämter bekleiden.
Sie sollen wie Herr X unredlich handeln, verflucht werden, und er wird ihnen Unterteufel schicken, sie jagen lassen, sie vor seine Füsse werfen lassen und ihnen alles nehmen, was sie je besassen. Er wird sie in seiner Hölle schmoren lassen. Bis dahin, Ihr Höllenhunde, kotzt Euch ruhig aus, und erleidet einen ersten Schmerz! Ich, Luzifer, der Sohn des Lichts und der Herr der Hölle habe alle Zeit der Welt, und die Ewigkeit dazu!

Gut gebrüllt, Löwe! Nur hat die Pleite ein Nachspiel. Wenige Momente nach Fertigstellung der Strafpläne für seine beiden Versager wird er, Luzifer, zum Herrn gerufen. Wo bleibt mein Senator, mein Sohn? So lautete seine einzige Frage. Zwei Erzengel mit Flammenschwertern setzten bedrohliche Mienen auf. Wo bleibt mein Senator, der meine Kirche um einen sechstelligen Betrag betrog?

Ein Cherubim, Engel der Weisheit: Er hat ihn nicht!

Ein Seraphim, Engel der Liebe: Er hat ihn laufen lassen!

Beide (im Chor): Er ist ein Versager!

Die Cherubime mit ihren Flammenschwertern: Wir wollen ihm das Fell versengen!

Alle zusammen: Herr befiehl? Was sollen wir mit ihm machen?

Und der Herr sprach: Es ist Luzifer, einer Eurer Brüder, und mein Sohn! Habt Erbarmen. Schickt ihn in Menschengestalt auf die Erde und lasst ihn ein gesamtes Menschenleben erfahren. Er soll im Leid baden und Demut lernen!

Die Engel gehorchten, unverzüglich und ohne Widerrede.

Und so wurde Donald Trump geboren.

Die blaue Kugel

Es sind nur wenige Schritte zum Piazza del Campo, eines der architektonischen Wunder Sienas. Der Campo wurde in Muschelform angelegt, senkt sich zur Basis hin und muss deshalb autofrei bleiben – geradezu eine Einladung, sich irgendwo auf dem Platze wie in einem Amphittheater niederzulassen, die Sonne und seine Kulisse zu geniessen. Am unteren Ende des Platzes, wo das Rathaus und der Torre die Piazza abschliessen, ist es geschehen.
Eines Tages, in den frühen Morgenstunden, machte sich ein junger Mann auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Später erzählte er, es müsse so um 4 Uhr gewesen sein, als er den Campo von Westen her betrat; er sei Bäcker, und Bäcker hätten bekanntlich recht absonderliche Arbeitszeiten, wenn die Kunden um 7 Uhr am Morgen frisches Brot kaufen möchten.
Nun, besagter Bäcker betrat also den Campo. Es begann gerade zu dämmern, als er die leuchtend blaue Kugel wahrnahm, die gleich einer Perle an der tiefsten Stelle des Platzes abgelegt war. So jedenfalls hatte er bei der Befragung durch einen übermüdeten Polizeibeamten seine Beobachtungen formuliert. Jener Beamte hatte zu so früher Stunde keinen Nerv für durchgeknallte Bürger, und er empfahl dem Bäcker, jener möge sich einen Tag frei nehmen und seinen Rausch ausschlafen – mit dem Brotbacken könne es heute nichts mehr werden.
Unser Bäcker strich beleidigt die Segel und machte sich wieder auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, betrat erneut den Campo von Westen her und nahm verwundert wahr, dass die blaue Kugel noch vorhanden, und weitere Passanten eingetroffen waren. Ein Blick zur Uhr verriet ihm, er könne maximal fünf Minuten verweilen, dann müsste er sich in seine Backstube verfügen. Langsam trat er zu den anderen. Keiner der Anwesenden wagte es, in normaler Lautstärke zu reden. Alle Anwesenden hielten einen respektvollen Abstand zu dem Ding. Der Wachmann einer Bank, seine Nachtschicht war beendet, und er trug noch immer seine Uniform, im übrigen aber unbewaffnet, dieser Wachmann also glaubte, es seinem Status schuldig zu sein, das Wort zu ergreifen und sich an die übrigen Leute zu wenden: Alle herhören! Das ist eine blaue Kugel! Gestern abend war sie noch nicht da. Also muss sie heute nacht hierher gebracht worden sein. Keiner rührt die Kugel an, ist das klar? Mindestens 4 Meter im Durchmesser! Das ist Kunst! Hat einer etwas darüber in der Zeitung gelesen?
Unser Bäcker dachte: Kunst! Naja! Dafür ist Geld da. Und wann kriegen wir endlich unseren Kindergarten renoviert? Drehte sich um und ging. Ging gerade noch rechtzeitig, um den Moment zu verpassen, wo die blaue Kugel zu blinken begann. Wie man später feststellte, pulste sie mit akkurat 60 Schlägen pro Minute, glühte dabei auf, wurde dunkler, glühte auf – unheimlich, meinte eine ältere Signora, und trat zur Vorsicht so um 20 Meter zurück – die übrigen Zuschauer folgten sofort.
Kunst!, knurrte der Wachmann und zog sich grollend zurück. Andere gingen gleichfalls ihrer Wege – Kunst hin, Kunst her, man hat schliesslich seine Arbeit zu tun, und spätestens die Abendzeitung wird diese Angelegenheit erklären, und alles wird seine Ordnung haben, schliesslich ist Italien ein Markenzeichen für wohlorganisiertes Chaos, und man hat einen Ruf zu verteidigen.
Andere Passanten liessen sich in sicherer Entfernung vom Objekt auf dem Campo nieder und warteten. Hätte man sie gefragt, worauf, so wäre ihnen wohl keine sinnvolle Antwort eingefallen. Die Stadtverwaltung hat noch nie ihren Bürgern erklärt, was sie warum tut, und was es kostet. Man wartet einfach, hat Zeit, und es könnte sich ja etwas Neues ereignen. Wohl dem, der nicht alleine gekommen ist. Einer beobachtet, der andere läuft rasch zum nächsten Bäcker und kauft ein Frühstück zusammen, zur Not tun es trockene Panini und eine Tüte kalte Milch!
Nun bleibt dem Bäcker die Genugtuung versagt, jenen Polizisten zu observieren, der ihn des morgentlichen Suffs bezichtigt hatte. Müde und ausser Dienst, fühlte er sich doch verpflichtet, die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Brüllte los: Alles zurück! Dass mit keiner die Kugel anfasst! Das ist Kunst! Das hat die Stadtverwaltung installieren lassen! Aber nicht, damit Ihr es von allen Seiten anfingert! So etwas kostet Geld! Milliarden Lira! Alles zurück! Ein Passant räsoniert: Euro! Und Milliarden sowieso nicht! Der Polizist: sagen Sie das nochmal! Ich dulde keinen Widerspruch! Sie wissen garnichts! Sprachs, blickte aus seine Uhr, und rief per Funk seinen Vorgesetzten an: Sagen Sie mal, Herr Hauptmann, was ist eigentlich auf dem Campo los, und warum wissen wir nichts von dieser Sache?
Manchmal ist es unklug, sowas zu tun. Gehe nie zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen würst! Der Hauptmann explodiert in seinem Bett. Man hört am Funk, wie die Daunen gegen die Wände klatschen. Dem Polizisten blieb unklar, ob er eine gepredigte Verfluchung oder eine mit Flüchen angereicherte Predigt zu hören bekam. Es war ihm auch gleichgültig. Er sagte irgendwann: Roger! und schaltete ab. Resumierte kurz: Der Chef glaubt, ich sei besoffen. Man habe ihn wegen eines Juxes aus dem Schlaf gerissen. Es gäbe ein Nachspiel. Und es drohe eine Versetzung zur Müllabfuhr. Solle er doch erst mal seinen faulen Arsch hierher in Bewegung setzen, dann reden wir weiter, und jetzt ab nach Hause. Der Mensch braucht seinen Schlaf.
Die riesige blaue Kugel pulste. Inzwischen hatte die Morgensonne das Regiment übernommen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass das azurblaue Leuchten nun zu verblassen beginnt. Nichts dergleichen. Das Ding intensivierte von innen proportional zur Zunahme des Lichts von aussen. An diesem Morgen hatte man diesen Umstand noch nicht wahrgenommen. Wohl aber füllte sich der Campo mit Zuschauern. Nur die Obrigkeit liess sich nicht blicken, als hätte man in der Verwaltung ein schlechtes Gewissen, was aber nicht richtig war: Im Rathaus beginnt die „Arbeit“ selten vor halb zehn.
Die blaue Kugel pulste vor sich hin, und die Zuschauer wurden mutiger, traten hinzu, fassten erst vorsichtig, dann beherzt zu, stellten eine glatte Oberfläche und kühle Temperatur fest, weniger als 36,9 Grad, aber mehr als 20, es gibt keine Öffnung, man kann nicht hineinsehen, und die Kugel kann nicht von der Stelle bewegt werden.
Soweit die Highlights. Sie machten rasch die Runde, und das Objekt keinesfalls interessanter. Langeweile breitete sich wie ein Schnupfenvirus in der Menge aus, und die Abwanderung setzte ein. Der Herdentrieb begann seine Wirkung zu entfalten, und irgendwann wieder zu beenden. Zurückgeblieben war eine gute Handvoll Leute, Kritiker der Kunst oder der Verwaltung, oder ein, zwei Aestheten, die sich am Azur der Kugel, und an ihrer vollendeten Rundheit nicht sattsehen konnten. So verging die Zeit bis gegen 9:20 Uhr, als der Leiter des Ordnungsamts vor dem Rathaus auftauchte. Tragisch für den Mann, dass keiner ihn erkannte. Da stand er nun, beäugte irritiert die blaue Kugel – wusste einfach nicht weiter – dafür kannte er keine Vorschrift. Ein Passant half weiter: Eine blaue Kugel! Der Beamte nickte bestätigend. Wendete sich ab und verschwand im Rathaus.
Hier zeigte sich, er war hellwach. Rasch erledigte er sieben Anrufe, bevor ihm klar wurde, dass keiner der Leitenden Beamten seine Hand im Spiel hatte. Gegen 10:00 waren alle Beschäftigten befragt, gegen 11:30 auch die Urlauber, Kranken und Blaumacher verhört.
Ziemlich genau um 12 Uhr fasste der Ordungschef das Resultat des Vormittags zusammen: Null. Unmöglich, aber es gab keine Info´s. Man begab sich voller Verzweiflung zur Fensterreihe des Grosen Sitzungssaals und starrte hinaus. Dort unten lag die Kugel, blau pulsierend. Niemand mag es aussprechen: Wer war das? Wer hat uns das angetan? Wie stehen wir jetzt da?
Inzwischen hatte sich die Presse eingefunden, verlangte nach Informationen zum Event; die nennen das so. Der Pressesprecher lud zur Konferenz, und informierte. Keiner der Anwesenden glaubte ihm auch nur ein Wort, obwohl er nur drei Worte gesagt hat: Wir wissen nichts. Man trennte sich unter Tumult und Zanke. Die Zeitungsleute waren sauer.
Draussen hatte man wieder das Prädikat „Kunst“ in Umlauf gebracht. Das nährte bei der Presse den Verdacht von Verschwendung für Objekte eines partei-befreundeten Kugelbildners. Erste Berichte mit solcher Einfärbung wurden in Handies diktiert und landeten direkt im Satz. Die ersten Blätter gifteten. Im Rathaus machte sich Verzweiflung breit – man hatte nichts mehr im Griff. Das geschah häufiger, und niemand hatte sich bisher darüber erregt. Diese neue Situation jedoch … man hatte nicht einmal geschlampt! Man hatte es mit einem unbekannten Gegner zu tun. Man hatte ihnen ein Windei ins Nest gelegt, und keiner hats bemerkt.
Endlich hat einer eine Idee. Der Leiter der Poststelle: Wir müssen so tun, als wüssten wir Bescheid über die Aktion, und als sei alles eine Überraschung für die Stadt, Teil eines Happening-Konzepts, Deckname blue bubbles agency, weltweit tätige Kunstgalerie usw. , das verschaffe erst mal Luft zum Atmen – und der Bürgermeister tritt auf den Plan und erklärt, das wäre Unfug, ginge nicht, und man soll sich endlich an die Arbeit machen. Der Postmann erntete giftige Blicke, weil Intelligenz im Amt als Vergehen gilt. Er trollte sich in seinen Keller und schmiss frustriert ca. 17 kg ungeöffnete Post in den Reisswolf. Interessiert eh keinen, denkt er. Hätte ohnehin keiner gelesen.
Der Pressesprecher lud erneut zur Konferenz, und verkündete des Postmanns Weisheiten als die des Rathauses. Die Folge waren Flüche, Aufstöhnen, Titulierungen wie Vollidioten, führende Nullen, Affentheater, und was wird mit der Kugel? Sie bleibt zunächst am Platze, und der Kulturdezernent habe die Projektleitung übernommen, befinde sich aber auf dem direkten Weg ins Ausland, usw. usf. Völlig eigenständig beantwortete der Pressemann die Frage nach dem Material: Neuer Werkstoff, der Hersteller wird sich dazu noch äussern. Solcherart entwickelte Phantasie verdiente lobende Erwähnung; die Nachfrage, was ein Werkstoff sei, konnte gleichfalls zufriedenstellend beantwortet werden: Das ist das Zeugs, aus dem das Ding gemacht ist! Zum Beispiel Blech! Ja, aber die Kugel ist nicht aus Blech! Korrekt, aber Blech ist ein Werkstoff! Nicht Stahl? Doch der auch. Und Stein! Und das Holz, aus dem Dein Kopf gedrechselt ist …. gemurmelte Erschöpfung. Da draussen das Ding – und keiner hier drinnen weiss, was es will ….
Achtzehn Stunden später. Bei der blauen Kugel gibt es plötzlich neue Gesichter. Sie tauchen wie Gespenster auf. BBC, AFN, AP, NBC, RAI, TASS – Heuschrecken plagen den Campo und seine Anlieger, begierig nach Neuigkeiten für die Seite drei irgendwelcher Blätter, die Dritten Programme, die viertklassige Regenbogenpresse, Informationen kosten Geld, und sie bringen welches, her damit! Wer ist blue bubbles, verdammt nochmal? Raus damit, Ihr Provinzdeppen! Man wurschtelte sich durch, klopfte die Fama fest, gewinnt Zeit – Tage, nicht Stunden!
In der darauffolgenden Nacht – man glaubte sich vor Augenzeugen sicher, versuchte man, die Kugel zu bewegen, sie wennmöglich sogar zu entfernen, sie in einem nahen Steinbruch zwischenzulagern, zu tarnen und zu beobachten. Nichts wars. Das Ding rührte sich nicht von der Stelle. Schweres Ladegerät versagte, Stahlseile rissen, Zahnräder wurden zu Metallspänen zermahlen, Getriebe ruiniert – und kein Millimeter gewonnen. Noch bevor der Bäcker wieder nachsehen kam, hatte man den Spuk beendet.
Inzwischen war das Thema Blaue Kugel zu Tode geritten worden, ein untragbarer Zustand. Der Auslandskorrespondent des ZDF streute deshalb das Gerücht, die Leuchtkraft der Kugel habe sich deutlich gesteigert. Natürlich war dem nicht so, aber es liess sich spekulieren – und die Meute der Medienvertreter war plötzlich auf dem Wege zur Wahrheit. Der Postmann des Rathauses war inzwischen wegen erwiesener Vergehen gegen die Pflicht zur Dummheit so weit gedemütigt worden, dass er dem Vertreter von RAI UNO einige Wahrheiten steckte. Damit war sein eigenes Potemkin´sches Dorf geliefert, die Rathausbesatzung der weltweiten Lächerlichkeit preisgegeben. Der Postmann shredderte erneut Eingangspost, so um drei Säcke voll. Anschliessend kündigte er seinen Job und richtete eine kleine Nachrichtenagentur ein, die mit Vorliebe frequentiert wurde. Post-Experten haben nun mal fundiertes Insider-Wissen, sind ergiebig, und finanziell nicht verwöhnt.
Wie auch immer: Die azurblaue, pulsierende Kugel war nun wieder interessant geworden. Herkunft unbekannt. Funktion unbekannt. Inneres und Äusseres unbekannt. Mit einem Wort – faszinierend. Objekt für abenteuerlichste Spekulationen. Hartnäckig hielt sich die Vermutung, es handele sich um ein UFO, und man begann Himmelsatlanten zu studieren, Beiträge über Kosmologie zu schreiben, Theorien zu Paralleluniversen aufzufrischen, ja, auch militärisches Material, etwa Radar-Aufzeichnungen zu analysieren. AWACS kreisten über Europa, Interpol searchte weltweit nach Parallelen, und die National Security Agency der USA versuchte, die Energiequelle der Kugel auszuspionieren – die Geheim-Fuzzies der Welt konzentrierten sich auf Siena, füllten die Hotels und frassen die Restaurants leer – big business war angesagt. Die coolen Typen der Stadt fanden das ok, und die Kugel wurde als Glücksfall bezeichnet, und hoffentlich bleibt sie noch eine Weile verfügbar.
Eines Morgens trat ein kleines Mädchen mit seinem Vater an die Kugel heran, fasste sie mit beiden Händen an und hob sie sachte hoch. Nur vier oder fünf Zentimeter, aber man hätte unten eine Wurststulle durchschieben können. Die kleine Anna setzte sie vorsichtig wieder ab und klärte ihren Vater darüber auf, dass diese blaue Kugel garnicht schwer sei. Sie strich sachte über die glatte Oberfläche. Ihr Vater lächelte. Anna fügte hinzu: Sie ist schön! Ich mag sie! Und der Vater lächelte, nickte. Ja, meinte er, sie sei wunderschön.
Die blaue Kugel begann ihre Farbe zu verändern. Sie leutete in Lila, dann in Rot, schliesslich in leuchtendem Gelb, dann in Weiss. Anna war hingerissen. Ich mag die Kugel, Papa, schau, sie versteht mich! Und so schien es in der Tat. Die weiss pulsierende Kugel wurde kleiner, kleiner und kleiner, schrumpfte zu einem Funken, der plötzlich mit einem Ffffft! himmelwärts sauste und verschwand. Anna war untröstlich. Ihr Papa erklärte, sie müsse schliesslich irgendwann wieder nach Hause reisen, was Anna auch wieder verstehen konnte. Auch sie wollte nun nach Hause, noch ein wenig trauern, und eine grosse blaue Kugel malen, zur Erinnerung.
Die Rathausleute glaubten an einen Traum und wagten nicht aufzuwachen. Sie träumen noch heute.
Der Postmann hatte gut verdient. Er geniesst seinen Vorruhestand; gelegentlich dringt schallendes Gelächter aus seiner Wohnung. Man hält ihn nun für durchgeknallt.
Fernsehen und Presse haben sich noch am selben Tag verzogen. Einen leeren Campo können sie nicht vermarkten. das ganze Thema war ohnehin tot, und das Erlebnis der kleinen Anna ist ihnen völlig entgangen. Aus, vorbei, Werbung!
Und die Kugel? Tja, nicht leicht zu erzählen. Sagen wir einfach, Anna hat unser aller Arsch gerettet. Die Sonde hat Liebe gespürt und ist zum Ergebnis gekommen, dass für die Bewohner dieses Planeten Hoffnung besteht, eine Vernichtung nicht angezeigt ist. So hat sie sich ihre Bombe geschnappt und ihren nächsten Auftrag in Angriff genommen. Dessen Ergebnis haben unsere Astronomen als Supernova registriert.
Es waren noch 17 Stunden bis zum Ende der Welt gewesen, als die kleine Anna mit ihrem Vati den Campo betrat …..

Dove son molti, son degli stolti.

(Toskanisches Sprichwort)


Wo viele sind, sind auch Dummköpfe.

Revision

In 9 ½ Monaten 643 Beiträge geschrieben
geschätzt 10% mit Zitaten, also fremden Gedanken
Themen willkürlich verarbeitet, ohne System
dennoch Kategorien zuzuordnen
Qualität: ausreichend
Stil: verdorben durch den Job; besser wäre,
Bedienungsanleitungen für IKEA zu schreiben
Zweck: erfüllt
Resonanz: erfrischend kalte Dusche (mehr Performance
= mehr Arbeit – lehne ich ab)
Spassig: Angler-Effekt. Website wird nur besucht,
wenn ich anfüttere (mit neuem Text)
Motivation: nachlassend bis zu „normal“
Tot: 643 Texte, Makulatur auf teurem Speicherplatz bei WP
gesichert als WORD file: alles, ohne pics
Weitermachen: Warum nicht? Aber mit mehr Sorgfalt.

Soweit meine Bilanz nach einem Dreivierteljahr.

Über menschliche Eigenschaften

Man kann einen Baum knorrig nennen, wenn er krumm gewachsen ist und knotiges Geäst trägt. Und wir nennen Menschen knorrig, wenn zwar das Geäst fehlt, die übrigen Attribute aber auf die Gestalt zutreffen. So kennt man also den knorrigen Alten – von einer knorrigen Alten habe ich allerdings noch nie gehört. Das sagt man nicht! Das ist uncharmant! Aber unter uns bemerkt: Ich kannte mal eine knorrige Alte. Sie war meine Vermieterin und wollte mich in ihr Bett kriegen. Damals war ich nur jung. Heute bin ich nur noch knorrig.

Im Netz findet sich eine Liste mit rund 1.300 menschlichen Attributen. Ich meine, man könnte damit ein hübsches Chaos erzeugen. Nenne zum Beispiel einen Schwergewichts-Europameister aus dem Boxsport eine zartblätterige Duftnelke – der Tag ist für Dich gelaufen. Und die wahre zartblättrige Duftnelke würde ungehalten reagieren, wenn ich behaupte, sie hätte das Format eines Boxweltmeisters im Halbschwergewicht. Habe ich beide vor mir sitzen, und ich bearbeite sie mit derartigen Attributen f a l s c h , so werden sich Nelkenduft und Blutgeruch vermischen und damit „Notfall und Arzt rufen!“ signalisieren.

Besagte Liste mit menschlichen Eigenschaften ist mit 1.300 Items nicht annähernd komplett. Zum Beispiel fehlen „dumm“ und „klug“. Aber diese Sammlung beweist uns, wie facettenreich unsere Sprache sein kann, sollten wir sie begriffen haben und lebendig benutzen können. Man könnte auch arrogant anmerken, dass lebendiges Sprechen nur gebildeten Menschen gelingen wird. Das ist natürlich Blödsinn. Man kann seine Gefühle auch durch Handeln ausdrücken; ein warmherziger Holzfäller braucht keine geschliffene Ausdrucksweise. Er könnte mir seine Zuneigung zeigen, indem er mir 3 Festmeter Kaminholz zurecht haut.

Nun haben diese Eigenschaftswörter auch eine wertende Funktion. Hier wäre anzumerken, dass stets die Gefahr falscher, also unangebrachter Verwendung besteht. Das geschieht häufger, als uns lieb ist. Man spricht dann davon, man habe sich im Ton vergriffen,
oder – im einfachsten Fall – der warmherzige Holzfäller hat diesmal kein Kaminholz zurecht gehauen, sondern stumm und hochwirksam auf andere, auf seine spezielle Weise seine Ordnung wiederhergestellt.

Mit solchen Gedanken im Hintergrund wäre noch auf die Besonderheiten der in Deutschland gesprochenen Dialekte hinzuweisen. Hie wird das Thema wahrlich diabolisch. Das Problem: Was hier geht, geht dort schon mal garnicht. Wer in unserem babylonischen Sprachgewirr nicht zu Hause ist, sollte mit wertenden Begriffen besonders sorgfältig umgehen, und womöglich per Kontext erklären, wie es gemeint war. Ich habe dazu Erfahrungen kassieren müssen. In München war ein Missverständnis zum Stadtfussball zwischen Bayern und 1860er Löwen so weit eskaliert, dass mich ein Teilnehmer schliesslich fragte: „Mechst raffa, ha?“ Für Unkundige übersetze ich mit „Möchtest Du raufen, ha?“ Oder ins Hannover’sche: “Du möchtest gewiss keine Prügelei mit mir beginnen, oder?“

Was ergibt sich nun aus dieser Betrachtung?

Es ist gut bis hervorragend, dass wir
von diesen mehr als 1.300 Attributen im täglichen Sprachgebrauch vielleicht nur 20 Stück parat haben.
Der Rest liegt ungenutzt im Langzeitspeicher.
Und wenn wir diese 20 sorgsam auf ihre Konfliktwirkung untersucht
und als Blindgänger erkannt haben, müssen wir uns nicht sorgen,
gröbere Schäden anzurichten.
Was dann noch an Zores übrig bleibt,
lässt sich in einem Glas Rotwein ertränken.

R. Risch, MdB – eine Fiktion

Aber ja doch! Natürlich gefällt mir der Gedanke, als Abgeordneter des Deutschen Bundestags die vielfäligen Privilegien zu geniessen und am Ende eine traumhafte Zusatzrente zu kassieren, für die ich keine Beiträge zahlen musste! Und gewiss wäre ich das faulste Stück in der Sammlung, denn der Job selbst ist nicht mein Ding. Ich sehe mich nicht in der Leitung eines Arbeitskreises zur Vorbereitung einer Gesetzesvorlage für den Arbeitsschutz der Langbesenbenutzer. Wie bereits anderswo erwähnt würde ich das „Tarnen, täuschen und verpissen“ kultivieren, um 3 Legislaturperioden ohne seelische Schäden zu überstehen – für besagte Zusatzrente von mehr als 2000 monatlich.

Dem deutschen Volk dienen – herbes Gelächter!
Man ist Opportunist, dient den Mächtigen!
Und die sitzen nicht im Bundestag, und nicht auf der Regierungsbank.
Man dient einem ausbeuterischen System!
Die Privilegien muss man sich auf diese Weise verdienen!
So mutiert man zum Callboy oder zur Edelhure.
Sexuelle Beanspruchung – das wäre einfach und zu ertragen.
Aber ohne Sex, und das Gewissen plagt von morgens bis abends –
das wäre hart.
Und so findet man Mittel und Wege, das eigene Gewissen abzuschalten.
Man begibt sich in die Masse der Prostituierten aus mehreren Jahrzehnten
und erfindet mit deren Hilfe neue Wahrheiten, an die man irgendwann auch glaubt.
Dann gehts schon.
Und die Rechtfertigung im Beichtstuhl?
Sie fällt sehr einfach aus:
„Hier sitze ich, ich kann nicht anders.“
Und das ist – objektiv gesehen – absolut richtig.
Wer das System zur Basis seiner Existenz macht, ist ihm ausgeliefert.
Wer sich nicht konform verhält, wird geshreddert.

Schreibe ich hier polemisch? Ich lese – und finde die Tippfehler! Sehe die Polemik nicht, obwohl sie da sein m u s s !
Warum sehe ich sie nicht?
Vermutlich weil ich glaube, was ich geschrieben habe.
Ich habe mal wieder ein Puzzle zusammengebaut – gibt kein schöneres Bild her.
Wie? Die Idealisten? Gewiss, die gibt es dort auch. Sorry, Leute!

Über „Hater“

Thomas Carlyle, Schotte (1795 bis 1881, Essayist und Historiker

Über die vergangenen Wochen hinweg verfolgt mich über die Medien ein neuer Terminus und nervt mich zusehens. Es ist der von Politikern und journalistischen Vogelscheuchen so gerne benutzte „Hater“. Gemeint sind jene Menschen, die im Netz teils anonym ihren Frust unter Verwendung von übelstem Vokabular von der Seele schreiben. Verstand und Vernunft, Wahrheit und Werte – kurz: alles Positive bleiben weggeschaltet. Es herrscht Emotion pur von jener Art, die in allen Menschen schlummert und mehr oder weniger effizient unterdrückt bleibt.

Ich weiss, wovon ich hier rede. Auch ich darf mich der Hater-Commune zurechnen, denn ich weiss aus eigenem Empfinden, dass die meisten Mitglieder dieser Kaste nicht hassen, sondern verachten. Hass und Verachtung sind  schwer zu trennen. Ich denke, dass der Hass auf blindem Empfinden beruht, während die Verachtung ein Produkt des Verstands ist, also eine intellektuelle Leistung. Qualitätsansprüche sind hier nicht relevant.

Wer meinen Überlegungen bis hierhin zustimmend gefolgt ist, sollte nun eine Tatsache erkennen. Hass und Verachtung sind dem Menschen zu eigen. Sie haben zu allen Zeiten ihre Rolle gespielt, und damit Unheil über die Menschen gebracht.

Das Internet ist nichts weiter als ein modernes Sprachrohr, und man kann sich hier ungefährdet austoben. Anders:

Das Übel ist der Mensch mit seiner Gefühlswelt, nicht das Netz. Selbiges fördert das Negative nur an das Tageslicht.

Verständlich, dass Politiker hier einen Riegel vorschieben möchten – sie werden öffentlich vorgeführt, agieren sie doch immer noch nach der alten Soldatenregel „Tarnen, täuschen und verpissen!“

Ich nehme nun besser eine Abkürzung und behaupte:

Beide Parteien, die Hater und die Netz-Zensoren sind nichts weiter als aus spezielle Weise strunzdumm.

Wenn mir einer meine Verachtung für das System und seine Protagonisten aus dem Gesicht wischen möchte, dann bin ich das selbst, und niemals ein Bundesinnenminister mit seinen Hofschranzen. Sie sind moderne Quacksalber, die Symptome behandeln, nicht die Krankheit.

Die Mauer 2

Ein verkrampftes Gehirn konstruiert geschwollenes Gerede.
Ich weiss das wohl.
Manchmal, und viel zu oft leide ich unter solcherart relevanten Krämpfen.
Ich sondere dann Sprechblasen mit Geblubber ab,
muss die Luft rauslassen
und so lange umbauen, bis ich glaube, es seien nun brauchbar.

Zur Sache:

Ich weiss es, weil ich es spüre.
Auch ich lief mit einem dicken Brett vor dem Kopf herum.
Das war immer so.
Und ich habe es nie bemerkt. Bis unlängst.
Gefühlt ist das Brett weg.
Ich weiss, dass das nichts bedeutet.
Aber gefühlt ist das so.
Es herrscht zur Zeit das Prinzip „Hoffnung“.

Wie kam ich auf diese Idee?
Ich sehe plötzlich mehr.
Ich sehe anders.
Ich sehe schöne Kleinigkeiten:

Da war in einem TV-Krimi ein Hocker mit dickem grünem Polster, von einem kleinen Spotlight angestrahlt, eine Requisite ohne jeden Bezug zur Handlung, aber in der Szene fremdartig schön. Ich habe ihn gesehen!

Da war die Spinne auf meinem Monitor, ein Tier mit sechs 4 cm langen Beinen, dünn wie ein halbes Haar, und einem Körper, der einem halben Stecknadelkopf ähnlich ist, und ich sitze fassungslos vor dem Viech und haben keine Ahnung, wie solch kleines Wesen leben kann.
Eine grazile, elegante Schönheit!

Ja, ich weiss es: Auch solche Kleinigkeiten werten einen Tag auf. Zumindest meinen Tag.

Es kann natürlich geschehen, dass sich die Mauer wieder schliesst. Dann muss ich einen Verlust beklagen.
Es kann auch geschehen, dass sich meine Mauer nicht schliesst, und ich sehe deutlich mehr Negatives.
Dann sitze ich da wie einer mit Brett vor dem Kopf auf der Suche nach Kompensation,
aber immerhin auf einem gehobenen Niveau.

So ist das.
Nobody is perfect.

Die Mauer 1

In der Persönlichleitsstruktur des Menschen findet sich ein Schaden, der an Alltäglichkeit kaum zu überbieten ist. Im Deutschen nennt man ihn Abgestumpftheit. Seine Banalität ist der Grund, weshalb dieses Defizit so wenig prominent scheint.

Man könnte diesen unerfreulichen Zustand auch eine Mauer nennen. Ihre Aufgabe ist es, die Wirkung von Ereignissen abzufangen.
Diese Mauer schützt die Psyche vor schädlichen Auswirkungen von aussen. Sie ist entstanden als Bollwerk gegen psychische und physische Gewalt während der Kindheit, und kann nur unter grosser Mühe abgebaut werden.

Fatal ist, dass diese Mauer auch externe positive Erlebnisse ebenso blockiert wie nach aussen drängende Gefühle wie Liebe, Empathie usw. Dennoch gerät der Mensch in Situationen, die diese Blockade kurzzeitig aufheben. Man kennt diese Momente, wenn Glück empfunden wird, oder Freude, Zufriedenheit und ähnliches. Die Mauer hat sich geöffnet, und schliesst sich wieder. Sie scheint fragil, und anscheinend gibt es eine Kraft, die sie brechen kann.

Um ehrlich zu sein: Ich habe bisher leider vergeblich nach der Kraftquelle gesucht. Und es widerstrebt mir, mich auf Spekulationen einzulassen. Ein Blick in das Grundsätzliche, wie positives oder negatives Denken als Konditionierung für oder gegen den Mauerbau mag hier wichtig sein – ich weiss es wirklich nicht.

Der Mensch ist wirklich ein wundersames Wesen.
Und zu allem Überfluss diese Trumps, Johnsons und Konsorten!
Diese verpfuschten Kinder von Mutter Natur!

Progress trotz immer noch

Schön, dass Du da bist!
Wir haben erneut gemeinsam einen Tag geschafft und unser Gestern um weitere 24 Stunden verlängert – toll, wie das flutscht. Aber es geht schon wieder los mit den Irritationen. Gestern hatte man mir versprochen, dass es heute regnen würde. Und heute muss ich feststellen, dass kein Wasser aus dem Himmel fliesst und statt dessen ohne weitere Ansage der Meteorologen die Sonne wieder einmal nervt. Die Klimakatastrophe hat wohl endlich einen Umfang angenommen, den man nicht geahnt hatte. Nicht dass mich das berühren würde. Ich lebe wie eine Kellerassel. Aber was machen die vielen Menschen, die nun mit Regenzeug unterwegs sind?

Ausserdem musste ich heute früh feststellen, dass jene Leute Recht haben, die mich einen Hornochsen nennen. Ich habe einen Test erfolgreich beendet, indem ich heute nacht nicht liegend, sondern halb sitzend geschlafen habe – keine Kreuzschmerzen! Wie dumm ist das denn, wenn einer den Test um Monate verspätet durchführt und dabei leidet wie ein Hund?

Risch, setzen! Sechs!

Dieser Spruch ist nun 70 Jahre alt, also fast antik, und doch brandaktuell
Shame on you, old man!

Was soll ich machen?
Vielleicht folge ich dem Gedanken, dass ich mit zunehmendem Alter nach dem Prinzip „Just in time“ leben sollte.
Rational statt emotional?
Eine Supply chain für das Leben?
Modern! Klingt aber nach „scheintot“.