Kaiser sein in 2019

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Naruhito hat gelernt, selber zu denken

Zudem durfte Naruhito als erster Kronprinz im Ausland studieren. Die zwei Jahre an der britischen Universität Oxford beschrieb er später als die glücklichste Zeit seines Lebens. Zum ersten und letzten Mal in seinem Leben konnte er dort frei durch eine Stadt mit dem Fahrrad fahren und selbst einkaufen. Und so trat 1985 nach seiner Heimkehr ein sichtbar selbstbewussterer Kronprinz seine Brautsuche an.

«Ich habe in Oxford gelernt, dass ich selbst denken, entscheiden und Dinge in die Tat umsetzen kann»,

sagte er auf einer Pressekonferenz. Dies wolle er nach Möglichkeit beibehalten. Auch seine ideale Partnerin solle ihre eigene Meinung vertreten können und Fremdsprachen beherrschen, da man viel Kontakt mit Ausländern haben werde, so der Prinz.

In einer Zeit, in der japanische Frauen meist in der Küche wirkten, wählte er sich unter den jungen Frauen aus besten Familien, die ihm vorgestellt wurden, eine globalisierte Karrierefrau zur Gemahlin: Masako Owada. Diese war als Diplomatentochter schon während ihrer Kindheit weit in der Welt herumgekommen und sprach Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Zudem hatte sie an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard und der japanischen Tokio-Universität studiert und im Anschluss die schwierige Prüfung für eine Diplomatenkarriere bestanden.
Ein Kaiser mit Durchsetzungskraft

1993 heirateten die beiden. 2003 tauchte Masako auf einmal ab. Das Kaiserliche Hofamt gab erst eine Gürtelrose, später eine Anpassungsstörung in Bezug auf das Leben am Hof als Gründe an. Die Medien vermuteten aber einen anderen Grund: den unglaublichen Druck auf der Prinzessin, nach der Tochter Aiko endlich einen männlichen Thronfolger zu gebären. Denn in Japan können nur Männer den Thron besteigen.
Naruhito, damals noch Prinz, heiratet im Juni 1993 die Diplomatin Masako Owada.
Naruhito stellte sich schützend vor seine Frau. Masako, die ausgebildete Diplomatin, habe sich als Kronprinzessin für die internationalen Beziehungen engagieren wollen, sagte er. «Doch Auslandsbesuche wurden ihr nicht erlaubt. Darunter hat sie sehr gelitten.» Es sei wahr, dass es Bestrebungen gegeben habe, Masakos Karriere und Persönlichkeit zu leugnen, fügte Naruhito an und legte einen veritablen Familienstreit offen. Sein Bruder Fumihito und sein Vater zeigten sich öffentlich überrascht über Naruhitos Vorgehen.

Jahrelang trat die Kronprinzessin kaum in Erscheinung, während Naruhito seinen alternden Vater immer stärker allein entlastete. Doch seit der Amtsübernahme am 1. Mai sehen die Japaner, wie sich Masako als Kaiserin an der Seite von Naruhito entfaltet.

Es sei zwar noch zu früh, über den neuen Kaiser zu urteilen, meint der emeritierte Wirtschaftsprofessor Haruo Shimada, der unter anderem das frühere Kaiserpaar einmal beraten hat. «Aber die Menschen hegen positive Gefühle für den Kaiser und besonders für die Kaiserin.» Sie sei schwach gewesen, wirke nun aber stark und selbstbewusst, selbst im Kontakt mit Staatsoberhäuptern vom Kaliber eines Donald Trump oder Emmanuel Macron.

Wie schon sein Vater zeige auch der neue Kaiser, dass er seine Frau liebe, sagt Shimada. Für ihn ist das Paar damit auch gesellschaftlich ein Symbol für das Zusammenleben von Mann und Frau. Und vielleicht nimmt der Kaiser damit auch eine mögliche Reform des japanischen Kaisertums vorweg. Aus Mangel an männlichen Erben muss Japan die Diskussionen über eine weibliche Erbfolge irgendwann wieder aufnehmen.

aus der NZZ, von Martin Kölling, Tokio am 22.10.2019

3 Antworten auf “Kaiser sein in 2019”

      1. Habe ich auch gelesen. Sie hat in den USA studiert und ein unabhängiges Leben geführt…Sie muss Ihren Mann sehr lieben.
        Ich hoffe, er ist es wert.
        Es heißt, dass das Kaiserpaar sehr sympathisch und liberal ist.
        Umso mehr alles Gute für sie.

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