Über menschliche Eigenschaften

Man kann einen Baum knorrig nennen, wenn er krumm gewachsen ist und knotiges Geäst trägt. Und wir nennen Menschen knorrig, wenn zwar das Geäst fehlt, die übrigen Attribute aber auf die Gestalt zutreffen. So kennt man also den knorrigen Alten – von einer knorrigen Alten habe ich allerdings noch nie gehört. Das sagt man nicht! Das ist uncharmant! Aber unter uns bemerkt: Ich kannte mal eine knorrige Alte. Sie war meine Vermieterin und wollte mich in ihr Bett kriegen. Damals war ich nur jung. Heute bin ich nur noch knorrig.

Im Netz findet sich eine Liste mit rund 1.300 menschlichen Attributen. Ich meine, man könnte damit ein hübsches Chaos erzeugen. Nenne zum Beispiel einen Schwergewichts-Europameister aus dem Boxsport eine zartblätterige Duftnelke – der Tag ist für Dich gelaufen. Und die wahre zartblättrige Duftnelke würde ungehalten reagieren, wenn ich behaupte, sie hätte das Format eines Boxweltmeisters im Halbschwergewicht. Habe ich beide vor mir sitzen, und ich bearbeite sie mit derartigen Attributen f a l s c h , so werden sich Nelkenduft und Blutgeruch vermischen und damit „Notfall und Arzt rufen!“ signalisieren.

Besagte Liste mit menschlichen Eigenschaften ist mit 1.300 Items nicht annähernd komplett. Zum Beispiel fehlen „dumm“ und „klug“. Aber diese Sammlung beweist uns, wie facettenreich unsere Sprache sein kann, sollten wir sie begriffen haben und lebendig benutzen können. Man könnte auch arrogant anmerken, dass lebendiges Sprechen nur gebildeten Menschen gelingen wird. Das ist natürlich Blödsinn. Man kann seine Gefühle auch durch Handeln ausdrücken; ein warmherziger Holzfäller braucht keine geschliffene Ausdrucksweise. Er könnte mir seine Zuneigung zeigen, indem er mir 3 Festmeter Kaminholz zurecht haut.

Nun haben diese Eigenschaftswörter auch eine wertende Funktion. Hier wäre anzumerken, dass stets die Gefahr falscher, also unangebrachter Verwendung besteht. Das geschieht häufger, als uns lieb ist. Man spricht dann davon, man habe sich im Ton vergriffen,
oder – im einfachsten Fall – der warmherzige Holzfäller hat diesmal kein Kaminholz zurecht gehauen, sondern stumm und hochwirksam auf andere, auf seine spezielle Weise seine Ordnung wiederhergestellt.

Mit solchen Gedanken im Hintergrund wäre noch auf die Besonderheiten der in Deutschland gesprochenen Dialekte hinzuweisen. Hie wird das Thema wahrlich diabolisch. Das Problem: Was hier geht, geht dort schon mal garnicht. Wer in unserem babylonischen Sprachgewirr nicht zu Hause ist, sollte mit wertenden Begriffen besonders sorgfältig umgehen, und womöglich per Kontext erklären, wie es gemeint war. Ich habe dazu Erfahrungen kassieren müssen. In München war ein Missverständnis zum Stadtfussball zwischen Bayern und 1860er Löwen so weit eskaliert, dass mich ein Teilnehmer schliesslich fragte: „Mechst raffa, ha?“ Für Unkundige übersetze ich mit „Möchtest Du raufen, ha?“ Oder ins Hannover’sche: “Du möchtest gewiss keine Prügelei mit mir beginnen, oder?“

Was ergibt sich nun aus dieser Betrachtung?

Es ist gut bis hervorragend, dass wir
von diesen mehr als 1.300 Attributen im täglichen Sprachgebrauch vielleicht nur 20 Stück parat haben.
Der Rest liegt ungenutzt im Langzeitspeicher.
Und wenn wir diese 20 sorgsam auf ihre Konfliktwirkung untersucht
und als Blindgänger erkannt haben, müssen wir uns nicht sorgen,
gröbere Schäden anzurichten.
Was dann noch an Zores übrig bleibt,
lässt sich in einem Glas Rotwein ertränken.