Der Mensch im Tier

Wenn ein Mensch in die Rolle eines Tiers schlüpft, dann wird die Lage recht unübersichtlich. Als Kampfschnecke vernichtet er mir nichts, Dir nichts einen Kopf Salat. Mit Zwiebeln. Wehe, es ist ein T-Bone-Steak in der Nähe!

Wenn aber ein Tier in die Rolle des Menschen schlüpft, wird die Situation eher komisch. Die Kampfschnecke im Salat müht sich mit dessen Vernichtung ab und benötigt dafür Wochen. Sie flüchtet vor Zwiebeln, und der Fleischbrocken lässt sie kalt. Wir fürchten dieses fürchterliche Tier so sehr, dass wir es mit Gift bekämpfen. Dabei mag die Schnecke den Kopfsalat genauso gerne wie wir Menschen – mehr ist nicht!

Nicht viel anders gehen wir mit den Tauben um. Als Kampfratten bezeichnet werden sie so richtig griffig für den Versuch eines Genozids, nicht wahr? Und was wir nicht sehen, ist dies:

Antisemitismus

Der „Spiegel“ berichtet, dass jeder 4. Deutsche antisemitisch denke. Ich habe umgehend zu rechnen begonnen und nach genau 34 Minuten lag das Ergebnis vor mir: Das wären – gerundet auf der 3. Stelle hinter den Komma – 25 %.

Nun ist das Thema Antisemitismus keines, das sich zum Scherzen eignet. Und mit obiger Feststellung sollte die Quantifizierung des Problems abgeschlossen sein. Aber nicht so für den Spiegel. Ich habe mich geweigert, weitere Zahlen zur Kenntnis zu nehmen.

Meine Sachkompetenz zum Judentum ist nicht vorzeigbar, soll heissen „dünn“. Immerhin reicht sie aus, um eine Meinung zu bilden. Und die geht so:

Das Judentum hat zwei Ausprägungen. Zum einen ist es eine Religion, und es hat denselben Schutz zu beanspruchen wie andere Religionen auch. Zum anderen ist es die Bezeichnung für ein Volk ohne Land, das seine Heimat im Mai 1948 in Israel gefunden hat.
Dieser, der zweite Aspekt ist auch heute noch politisch äusserst wichtig.

Nun kommt ein ungebildeter Mensch und redet von den Juden, wenn er Israel kritisieren möchte. Umgehend gesellt sich ein deutscher, ideologisch verschwiemelter Jude aus dem Zentralrat dazu und redet von Antisemitismus. Schliesslich trete ich hinzu, höre mir den Zank an und denke: Heute ist wieder mal ein Tag für Blödmänner!
Ich behaupte also, ein wesentlicher Teil der eingangs genannten 25% kommen aus dem Lager der Halb- und Ungebildeten.

Besagter Jude trifft sich mit seinen Kollegen aus dem Zentralrat der Juden und berichtet. Man beschliesst wieder einmal, bei der Bundesregierung zu intervenieren, tut dies, und BILD berichtet. Dann betrete ich als BILDungshungriger die Szene und teile allen Beteiligten erbost mit, dass ich den Rüssel gestrichen voll habe von Diskriminierungen durch Verbandsfunktionäre, die den Holocaust wie einen Orden am Revers tragen, um mich verantwortlich zu machen,
denn Sippenhaft wird auch in Zukunft das Verhältnis der Deutschen zu den Juden und zu Israel bestimmen.

Natürlich vergesse ich nicht, dass der Staat Israel gegründet wurde, indem man den Palästinensern Land weggenommen hat, eine britische und UN-Großtat, und dass israelische Politiker diesen Landraub auch heute noch praktizieren. Aber die gesamte jüdische Welt gefällt sich in der Opferrolle aus deutschem Antisemitismus, sofern man die Annexionen Israels im Westjordanland kritisiert.
Wenn also Deutsche die israelische Praxis des Landraubs kritisieren, so meinen sie die israelischen Ultras, und nicht Israel, und schon garnicht das Volk der Juden.

Somit darf man einen weiteren Teil der vorne genannten 25 % subtrahieren. Übrig bleiben geschätzt 10 bis 15% echte Täter, das ist dann unser wahres Nazi-Gesindel. Es gibt diese Sorte, wir werden sie nicht los, und unser miserables Bildungssystem gebärt mit jeder Generation neues Übel.

Merke: Die Kippa und das Kruzifix machen noch keine guten Menschen. Und: Wer im Glashaus sitzt, sollte die Steine liegen lassen.

Kaiser sein in 2019

quelle: standart.at

Naruhito hat gelernt, selber zu denken

Zudem durfte Naruhito als erster Kronprinz im Ausland studieren. Die zwei Jahre an der britischen Universität Oxford beschrieb er später als die glücklichste Zeit seines Lebens. Zum ersten und letzten Mal in seinem Leben konnte er dort frei durch eine Stadt mit dem Fahrrad fahren und selbst einkaufen. Und so trat 1985 nach seiner Heimkehr ein sichtbar selbstbewussterer Kronprinz seine Brautsuche an.

«Ich habe in Oxford gelernt, dass ich selbst denken, entscheiden und Dinge in die Tat umsetzen kann»,

sagte er auf einer Pressekonferenz. Dies wolle er nach Möglichkeit beibehalten. Auch seine ideale Partnerin solle ihre eigene Meinung vertreten können und Fremdsprachen beherrschen, da man viel Kontakt mit Ausländern haben werde, so der Prinz.

In einer Zeit, in der japanische Frauen meist in der Küche wirkten, wählte er sich unter den jungen Frauen aus besten Familien, die ihm vorgestellt wurden, eine globalisierte Karrierefrau zur Gemahlin: Masako Owada. Diese war als Diplomatentochter schon während ihrer Kindheit weit in der Welt herumgekommen und sprach Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Zudem hatte sie an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard und der japanischen Tokio-Universität studiert und im Anschluss die schwierige Prüfung für eine Diplomatenkarriere bestanden.
Ein Kaiser mit Durchsetzungskraft

1993 heirateten die beiden. 2003 tauchte Masako auf einmal ab. Das Kaiserliche Hofamt gab erst eine Gürtelrose, später eine Anpassungsstörung in Bezug auf das Leben am Hof als Gründe an. Die Medien vermuteten aber einen anderen Grund: den unglaublichen Druck auf der Prinzessin, nach der Tochter Aiko endlich einen männlichen Thronfolger zu gebären. Denn in Japan können nur Männer den Thron besteigen.
Naruhito, damals noch Prinz, heiratet im Juni 1993 die Diplomatin Masako Owada.
Naruhito stellte sich schützend vor seine Frau. Masako, die ausgebildete Diplomatin, habe sich als Kronprinzessin für die internationalen Beziehungen engagieren wollen, sagte er. «Doch Auslandsbesuche wurden ihr nicht erlaubt. Darunter hat sie sehr gelitten.» Es sei wahr, dass es Bestrebungen gegeben habe, Masakos Karriere und Persönlichkeit zu leugnen, fügte Naruhito an und legte einen veritablen Familienstreit offen. Sein Bruder Fumihito und sein Vater zeigten sich öffentlich überrascht über Naruhitos Vorgehen.

Jahrelang trat die Kronprinzessin kaum in Erscheinung, während Naruhito seinen alternden Vater immer stärker allein entlastete. Doch seit der Amtsübernahme am 1. Mai sehen die Japaner, wie sich Masako als Kaiserin an der Seite von Naruhito entfaltet.

Es sei zwar noch zu früh, über den neuen Kaiser zu urteilen, meint der emeritierte Wirtschaftsprofessor Haruo Shimada, der unter anderem das frühere Kaiserpaar einmal beraten hat. «Aber die Menschen hegen positive Gefühle für den Kaiser und besonders für die Kaiserin.» Sie sei schwach gewesen, wirke nun aber stark und selbstbewusst, selbst im Kontakt mit Staatsoberhäuptern vom Kaliber eines Donald Trump oder Emmanuel Macron.

Wie schon sein Vater zeige auch der neue Kaiser, dass er seine Frau liebe, sagt Shimada. Für ihn ist das Paar damit auch gesellschaftlich ein Symbol für das Zusammenleben von Mann und Frau. Und vielleicht nimmt der Kaiser damit auch eine mögliche Reform des japanischen Kaisertums vorweg. Aus Mangel an männlichen Erben muss Japan die Diskussionen über eine weibliche Erbfolge irgendwann wieder aufnehmen.

aus der NZZ, von Martin Kölling, Tokio am 22.10.2019

Das Heute – eine gute Zeit?

„Es ist so bequem, unmündig zu sein.“, klagte Immanuel Kant. Und er forderte seine Mitmenschen auf, mutig zu sein und den eigenen Verstand zu benutzen, statt andere wie z. B. die Obrigkeit  für sie denken zu lassen.

Das ist nun ca. 250 Jahre her, seit Kant das Zeitalter der Aufklärung einläutete. Nun schauen wir in die Gegenwart und auf die Menschen des 21. Jahrhunderts, und wir registrieren, dass der Weg zur Aufklärung etwa bis zur Hälfte zurückgelegt ist. Die Rattenfänger unserer Zeit agieren immer noch erfolgreich. Sie flöten ihr Liedchen, und Millionen folgen ihnen in grössere oder kleinere Katastrophen.

Und so stellt sich die Frage, was falsch läuft. Was treibt den Menschen in ein geistiges Parasitentum? Da ist die Dummheit. Wer naturgemäss nicht denken kann, lässt denken. Und da ist die Trägheit. Denkprodukte von Führungspersönlichkeiten sind für sie Convenience food.  Da ist der unselige Hang zur Massenpsychose, eine wahrhaft ansteckende geistige Erkrankung. Und da ist das Defizit mit dem Namen Opportunität, die einen Mangel an Mut zum Risiko offenbart.

So ist der Mensch beschaffen. Seine Schwächen sind teils genetisch angelegt, teils durch Lebenserfahrung bedingt. Was also ist notwendig, um die hier aufgezeigte Schwachstellen zu beseitigen? Ist es nicht vermessen, ein solches Ziel zu formulieren?

Geben wir Kant noch ein wenig Zeit. Vielleicht reicht ja ein halbes, desaströses Jahrtausend, um einen brauchbaren Fortschritt zu erzielen …..

Im Mikrokosmos

Wiesengrün betört,

schenkt viele kleine Träume.

Ein Käfer erwacht.

Über Kreativität

Man sollte eine stabile Definition finden, bevor man sich – wie hier angesagt – mit einer unbekannten Materie beschäftigt. Schenkt man sich die Mühe der Recherche, so verliert man sich im täglichen Sprachgebrauch. Man sieht die Kreativen in der Kunst, in der Werbung und im Geschäft der Designer, mögen sie nun ein Haus kreieren oder eine Männerunterhose.

Für meine Auffassung zur Kreativität benötige ich weder meine Lexika noch WIKI, denn ich weiss, dass jeder Mensch kreativ veranlagt ist. Diese Eigenschaft spielt er nahezu täglich aus. Sie bestimmt sein Denken und Handeln. Sie tritt dann zu Tage, wenn er etwas anders macht als gewohnt. Wenn er probiert. Wenn er beim Nachdenken zu für ihn neuen Erkenntnissen gelangt – ja, auch wenn er das Rad neu erfindet. Kreativität ist einfach alltäglich.

Das ist natürlich zu einfach gedacht. Man muss die Qualität der kreativen Leistungen bedenken. Masstab dazu ist stets der Nutzen. Dessen Fragwürdigkeit zeigt sich bei dem vergleichenden Beispiel zwischen Büroklammer und der  molekularen Küche.

Zeit für einen Blick in den Spiegel! Bin ich ein Kreativer? Ich sage eindeutig: Ja, bin ich. Begründung: Heute habe ich zu Mittag Pellkartoffeln in ihrer Schale mit Flocken von französischer, gesalzener Butter gegessen und ein dänisches Bier dazu getrunken – ein Fall von Alltagskreativität.

Sonst noch etwas? Ach ja, die Bloggerei …. sage ich kreativ, so nennt man mich arrogant, und sage ich nicht kreativ, so unterstellt man mir Koketterie! Ich bleibe bei der Wahrheit: Ich weiss nicht, ob ich mehr als Alltag abliefere, und es ist mir auch nicht wichtig.

Wetterbericht

Vor wenigen Minuten bin ich nach Hause gekommen, war mit dem Auto unterwegs – heute ein gefährliches Unterfangen. Braune Kerle randalierten, tobten über die Strasse, um schliesslich mit offener Klappe irgenwo liegenzubleiben – keine Migranten, sondern Mülltonnen.

Regen gab es satt, ein banniger Sturm bewegte die Kübel durch die Landschaft und durch die Gemüter der Passanten; erst gestern konnte man noch bei reichlich Sonne und angenehmer Wärme an den kalendermässigen goldenen Oktober glauben, und heute befindet man sich in erstklassig organisiertem Sauwetter, das nach Lage der Dinge für die nächsten fünf bis sechs Monate anhalten könnte. Eine Übertreibung? Dies unterstellt nur, wer nicht an der Elbe wohnt. Der Eingeborene bestreitet zwar vehement, aber doch nur pro forma die endlose Wetter-Misère – wenn auch anders als der Rest der Welt. Er wird ausführen, es sei im Prinzip ja wahr, dass sich Hamburg und Dauerregen seit Jahrzehnten und auf ewig verbündet hätten, aber nicht so, wie die Zugezogenen es immer darstellen, es sei dann doch alles ganz anders, da wäre zum Beispiel der März 1956 gewesen, sonntags hätte man auf der Terrasse von Sagebiel´s Fährhaus sage und schreibe vier Paare beim Nachmittagskaffee beobachtet! Und es waren dieselben Leute, die dann ihre gummistiefel-bewehrten Füsse verschämt unter dem Tisch versteckten, und die nie zugeben würden, dass sie mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt gekommen sind.

Tröstlich, dass anderswo noch soviel Sonne scheint, damit ein vernünftiger Rotwein erzeugt werden kann, welchselbiger schliesslich im nassen und dunklen Teil der Republik als Seelentröster so dringend benötigt wird.

In aller Kürze erzählt

Ich will nichts.
Oder ich will alles.
Aber das will ich.
Habe das da nicht gewollt.

Gut, gut.
Ich will nur Glück.
Ein wenig davon.
Aber ein wenig viel.

Zufrieden?
Zu albern.
Zuschauen?
Eine Zumutung.

Was tun?
Täter werden?
Tatenlos zuschauen.
Habe nichts getan!

Man macht.
Macher sind gut!
Machen die nichts?
Die an der Macht!

Macht?
Danke!
Sauber bleiben.
Bleibe ein kleines Licht.

Armselig.
Leutselig.
Unselig.
Selig sind die Dummen.

Macht macht.
Kriegt Krieg.
Finger fingern
mit List und Hinterlist.

Alles für Dich.
Für Euch das Beste.
Kann nichts dafür.
Eher nichts für alle.

Das Beste ansagen,
das Gute nicht sehen.
Alles normal –
schlecht gelaufen.

Hinschauen –
wegsehen.
Heisse Luft
wärmt nur für den Moment.

Ich bin.
Kleine Welt,
meine Welt.
Für Euch: Kein Platz.

Ehrlich gesagt:
Ergötzlich,
und nützlich,
der Götz.

Guter Gedanke
macht froh.
Ihn leben
macht frei.

Sus scrofa – ein Leben in Freiheit

Wildschweine sind eurasischen Ursprungs und hören auf den lateinischen Namen „Sus scrofa“. Wie Eurasier zu lateinischen Namen gekommen sind, weiss ich leider auch nicht.
 
Ich stelle Dir hier eine typische Wildschwein-Familie vor:
 
Da ist der Boss. Er heisst KEILER und ist von Beruf Vater, Mutterverehrer und Kinderschreck.
 
Nun folgt seine Chefin. Ihr Name lautet BACHE.  Auf Bäurisch nennt man sie auch eine Muttersau.
 
Meist hat sie 8 bis 12 Kinder. Zur Zeit sind es 10. Förster reden immer von FRISCHLINGEN. Ich sage dazu Rischlinge, aber das hat private Gründe.
 
Das ist unsere Wildschweinfamilie, immerhin 12 Mitglieder stark, eine richtige Grossfamilie. Es ist wohl am einfachsten, von VaterS, MutterS und KleineS zu erzählen. Du kannst es Dir denken: S steht immer für „Schwein“!
 
Die FamilieS wohnt im Wald und frisst, was immer ihr vor die Schnauzen kommt. Besonders emsig sind dabei die Rischlinge, weil sie noch klein sind und wachsen müssen.  WildeS lieben Beeren, Pflanzen und Pilze. Läuft ihnen ein kleines Tierchen vors Maul, ein Frosch, 12 Schnecken oder 144 Käfer, so sind sie für den Leckerbissen stets dankbar.  Stossen sie etwa auf eine eingegrabene Leiche, dann wird ein richtiges Festmahl veranstaltet. Unsere WildS sind Allesfresser. Gebildete Menschen nennen diese Gattung auch Omniphage. Sie ernähren sich nach dem Grundsatz: Hauptsache viel, es macht dick und man kann grosse Haufen knöten! Auf diese Weise lassen es sich die Wildschweine im Wald gut gehen, und einmal im Jahr werden neue KleineS 6-12 gemacht.
 
Kommt dann der Winter mit Schnee und Frost, so werden die Zeiten ziemlich hart für unsere Familie. Sogar VaterS hat nun seine Predigten vergessen. Den ganzen Sommer über hat er die Familie genervt mit seinem Spruch: „Bleibt weg vom dunklen Dorf.  Dort wohnen die wilden Menschen! Sie braten Euch in Sahne und Wacholderbeeren und fressen Euch!“
 
Wenn VaterS aber hungert, dann zieht es auch ihn in die Gärten des Dorfs. Es ist halt Grünkohlzeit; zwar ist der Geist willig, aber das Fleisch so schwach.
 
Mit lautem Grunzen fordert er MutterS auf, die KleinenS vor sich herzutreiben. So werden des Nachts die dunklen Menschengärten besucht. VaterS verwendet jetzt eine andere Predigt: Der liebe Gott lässt für alle wachsen!
 
Also ist alles Fressbare nicht mehr sicher. VaterS wird nun richtig waghalsig, obwohl ihm bekannt ist, dass er auf der Abschussliste des örtlichen Jagdvereins ganz oben steht.
 
MutterS hat 6 Seiten des Magazins „Jagd und Hege“ gefressen und weiss darum ganz genau, dass sie nicht erschossen werden darf, wenn sie KleineS bei sich hat. Und diese sind eh geschützt, solange sie sich nicht das Normgewicht angefressen haben.
 
In einer hellen Vollmondnacht ist FamilieS nun in den Küchengarten von Hans Heinrich Lüders, einem Kartoffelbauern, eingebrochen. Vierhundert Quadratmeter Grünkohl luden zur ausgiebigen Grünfutter-Mahlzeit ein. Das hatte Lüders auch geglaubt. Deshalb wachte er argwöhnisch über seinem Lieblingsgemüse – Pech fuer VaterS, wie sich gleich zeigte.
 
So geschah es, dass Hans Heinrich durch allzu laute Fressgeräusche erwachte, nach draussen schlich und seinen Hund von der Kette losmachte. „Los, Sauhund!“ kommandierte er, genauso, wie er  mit Kalle, seinem Erntehelfer immer umspringt.
 
Hasso, der Jagdhund, tat zunächst so, als verstünde er garnichts, legte sich auf die Seite und mimte den Asthmatiker. Das brachte ihm gemäss der allgemeinen Lüders´schen Lebensregeln – Kalle kennt sie schon – einen Tritt ein. Hasso erhob sich und ging erst mal rasch auf Distanz.
 
Schliesslich kam aus Lüders Kreativabteilung das Kommando „Fass!“ . Hasso erschrak. Es war also Krieg, und er sollte eine Schlacht schlagen! Schon kam sein General näher und hob zu einem weiteren Tritt an, aber Hasso war jetzt auf der Hut. Derart angespornt, legte er sich  erst mal in den Grünkohl und wartet ab.
 
VaterS bekam bei Hassos Anblick eine Krise. Er hat in seinem ganzen Leben noch nie einen Hund verstan-den. Hündisch ist Fremdsprache. Hasso wedelte nun mit dem Schwanz. VaterS glaubte daraus zuableiten zu müssen, dass eine Attacke kurz bevorstand. Also würde er sofort angreifen, und  damit die Familie schützen. Angriff sei nun mal die beste Verteidigung. Nur: Reden ist eine Sache, Tun eine andere. Schliesslich hatte er in jungen Jahren einen Zeitungsartikel über die Energie-Masse-Relation gefressen und kannte deshalb dieEinstein-Gleichung  E=mc hoch2 , die er, so oft sich eine Gelegenheit bot, anzuwenden versuchte, obgleich er Wissen als Belastung empfand, triebhemmend, und damit als gefährliche Dummheit. So war das stets, und auch in dieser Nacht. Dennoch war jetzt Action erforderlich.
 
VaterS setzte gemessen seine 330 Kilo in Bewegung,  musste auf Tempo kommen. Das braucht 2 – 3 Umrundungen von irgendwas. Das Irgendwas hiess zur Zeit Hasso. Der lag schon wieder wie hingegossen, nun im Grünkohl, für Lüders unsichtbar geworden, und freute sich. Jou, jou!, dachte er, spielen ist schön, besser als Krieg! Und dann noch mit einem so grossen Hund! Bedächtig ueberlegte er, auf welche Weise er in das Spiel eingreifen könne.
 
Der Bauer war entsetzt. Zwölf Wildschweine im Grünkohl, und der Hund hat sich verpisst!
 
VaterS hatte endlich sein Angriffstempo erreicht. Er schob seine Hauer nach draussen und versuchte, gefährlich auszusehen. MutterS sah´s und kriegte eine Gänsehaut.
 
Hasso verstärkte sein Schwanzwedeln. VaterS sah´s und plante seine erste Attacke. Zur Sicherheit dreht er noch 2 Runden und erhöhte so das Tempo.
 
Dem Bauern Lüders fiel die Pyjamahose über die Knie. Damit war er für den Moment kampfunfähig.
 
Hasso traf eine Entscheidung, nahm Tempo auf und schob sich vor VaterS in den Kreis. Gemeinsam liefen sie einige Runden durch den Grünkohl. Macht Spass!, dachte Hasso! Bei VaterS lösten sich erste Flatulenzen, denn Kohl bläht (ja, auch der!).
 
Bauer Lüders bemerkte dies, als die wilde Jagd endlich dicht bei ihm vorbeikam.  Er verstand nichts mehr, verlor die Fassung  und damit auch sein äusseres Gleichgewicht. Ruecklings landet er in der Petersilie, konnte aber nicht lachen.
 
Mittlerweile hatte Hasso sich daran erinnert, dass er ein Jagdhund ist. Er beschleunigte, und hatte nach 3 weiteren Runden VaterS nicht mehr hinter, sondern vor sich. Genauer, er hatte nun den Hintern von VaterS vor sich. Verhinderte schliesslich mit Mühe eine Überrundung, das hätte VaterS möglicherweise demotiviert.
 
Nach kurzer Zeit liess er sich wieder zurückfallen, bemerkte: Oh Gott! Der grosse Hund hat Grünkohl gefressen! So kann man doch nicht spielen! Hasso mimte nun den Frischluft-Fanatiker und schob sich an die rechte Seite von VaterS.
 
Der hatte urplötzlich genug von dem Blödsinn. Versuchte, aus dem Kreis auszubrechen, erwischt aber den falschen Moment. Aus dem Kreis wurde eine Gerade. Sie führte darum „geradewegs“ auf Nachbars Gartenzaun zu. VaterS wusste, das war keine Hürde. Augen zu, und 330 kg gingen durch den Lattenzaun wie ein Messer durch die Butter. Eine Vollbremsung verursachte drüben eine Bremsspur von etwa 17 Metern. VaterS registrierte Feldsalat, drehte sich um und guckte, ganz Triumph.
 
MutterS war stolz. Strammer Bursche, mein Keiler!, dachte sie.
 
Bauer Lüders sass immer noch in der Petersilie. Von unten wurde es ihm arg kalt. Hasso wollte wieder spielen, darf aber nicht hinüber in Nachbars Garten. Bei ihm machte sich Frust breit.
 
Die KleinenS standen herum und pupten inzwischen auch. Alle zwölf. Helle Töne erfüllten die Nacht.
 
Nun entspannte der Bauer und dachte, er sei im Kino. Psychedelische Kreise vermittelten ihm Erfahrungen, wie man sie sonst nur beim Exstasy-Schlucken gewinnt.
 
VaterS kommandierte: Alles mir nach! Nahm wieder Tempo auf und machte noch ein Loch in Nachbars Zaun. Wollte Hasso nicht mehr begegnen.
 
MutterS zählte rasch ihre Kinder durch – alle da. Also los, Vatern nach!
 
Hasso dachte nun an die Flatulenzen und liess sich wieder umfallen. Der Bauer wollte auch nicht hinterher.
 
In leichtem Galopp verschwand die FamilieS im Wald. War doch noch eine interessante Nacht geworden! MutterS überlegte, dass frisches Gemüse so gesund, sei, und gut für die Kleinen, wegen der Vitamine.
 
Auch Hasso hatte diese Nacht genossen. Toll Jagd gespielt, trotz allem! Hoffentlich kommen die mal wieder! Mit Herrchen geht das lange nicht so gut! Und der riecht schliesslich auch nicht besser …..
 
Hans Heinrich Lüders war nun wieder von dieser Welt. Erhob sich aus der Petersilie und zupfte seinen Pyjama zurecht. So was aber auch. Der ganze Grünkohl ist hin, halb gefressen, halb zertreten und halb geerntet. Für ihn sind auch drei Halbe etwas Ganzes.
 
Die krause Petersilie sieht auch nicht mehr frisch aus. Der Zaun!  Muss Bretter kaufen. Der Nachbar ist ja so pingelig. Wo ist Hasso? Komm her, Burschi! Toll, wie Du die Sau gejagt hast! Gut gemacht! Was man mit einem Tritt alles bewirken kann!
 
Hasso sah sich sein Herrchen an und erinnerte sich sofort an einen Knochen, den er in der Frühe  vergraben hatte. Das wäre jetzt das Richtige. Geht buddeln.
 
Und für den kommenden Tag nahm er sich vor, mit der Nase am Boden unserer Familie in den Wald zu folgen, sollte er von der Kette loskommen. Wärmende Gedanken erfüllten sein Hundehirn: Klasse Typ, der Grosse. Vielleicht kann man da mal Urlaub machen.
 
Überall kehrte nun Ruhe ein. Bauer Lüders hörte während seiner Schadensaufnahme seine Frau schnarchen.
 
FamilieS erreichte bei flotter Gangart rasch ihren Schlaf- und Ruheplatz. VaterS sinnierte noch. Hatte er nun den Feldsalat bei Lüders oder bei seinem Nachbarn gerochen? Wie war das denn bloss noch mal? Mal nachschauen, morgen Nacht. Die KleinenS müssen wieder mitkommen; haben noch viel zu lernen! Kleinigkeit, der morsche Bretterzaun. Wo ich herkomme, stehen richtige, gesunde Bäume!
 
Klasse Nachwuchs. Nicht aus der Ruhe zu bringen. Nie Angst gezeigt. Versager, dieser Hund. Morgen trete ich ihn in die Scholle. Aber Schwanzwedeln hat er drauf, das muss man ihm lassen. Wenn ich sowas mache, bin ich nur wieder  ….  besser, den Tag zu verschlafen!

Höllisches Treiben

(1) Hamburg-Blankenese, Bahnhofstrasse. Der Mann geht Richtung S-Bahn. Er mag guter Laune sein, und sein Schritt ist beschwingt – er scheint buchstäblich über den Bürgersteig zu tanzen. Sein Gesicht strahlt jene Zufriedenheit aus, die ausgeglichenen Naturen an einem sonnigen Tag zu eigen ist. Ja, es ist ein sonniger Vormittag – Bilderbuchwetter, wie man zu sagen pflegt. In den Vorgärten blühen die ersten Blumen um die Wette, blau und gelb überwiegen zur Zeit – es ist gerade Frühling geworden, und alle Welt versprüht gute Laune, ist geschäftig, und die Arbeit macht offensichtlich allenthalben Spass. Es ist die Zeit, in der die Menschen aus dem mentalen Winterschlaf erwachen, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und genussvoll gute Laune zu verströmen. Ja, es werden sogar fröhliche Grüsse gewechselt, und selbst der Autoverkehr hält sich merkwürdig zurück, so, als ob die Menschen ihre stinkenden Fahrzeuge lieber zu Hause stehen liessen, um zu Fuss ihre Einkäufe zu erledigen oder einfach einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wohl wissend, dass diese Aufbruchstimmung nicht lange anhalten wird und unweigerlich in die gewohnte Lethargie der Getriebenen mündet.

Der gut gekleidete Mann passiert den Bahnhofsvo-platz und will eben eine Nebenstrasse überqueren, als ihm der Kopf wegfliegt.

Er hatte den linken Fuss für den nächsten Schritt gehoben, als ihm der Kopf abhanden kommt, er seine Balance verliert und auf dem Bürgersteig landet.

Da liegt er nun, und es scheint, als würden statt der üblich 6 bis 7 Liter wohl eher 26 oder 27 Liter Blut aus seinem Körper herausfliessen.

Passanten legen die erwartete Aufgeregtheit an den Tag, Frauen schreien los, ein alter Mann brummt etwas von einer Riesensauerei, ein zweiter reklamiert Sicherheit für die Bürger. Angestellte aus dem Sportgeschäft gegenüber haben mittlerweile Polizei und Notarzt alarmiert, und es fliesst Blut. Noch immer. Ein junger Mann fragt unentwegt, warum keiner hilft – als könne man die Wunde, die beim Totalverlust des Hauptes entsteht, mit blossen Händen und einigen Erfolgsaussichten versorgen, Erste Hilfe leisten, dem Betroffenen, oder sagt man besser Getroffenen gut zureden, so als hätte er seine Ohren an einem anderen Platz und wäre noch auf Empfang geschaltet – Närrisches mischt sich mit Entsetzen, Neugierde und Mitleid.

Endlich taucht ein Notarztwagen auf – es ist nicht sehr weit bis zum Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Rissen. Die Besatzung des Rettungswagens springt aus ihrem Fahrzeug, der Arzt schaut sich die Unfallstelle an und stellt fachkundig fest: Der Kopf ist ab. Der Mann ist tot. Die Sanitäter werfen rasch eine Decke über den Leichnam und ziehen sich in ihren Wagen zurück. Man wartet auf die Polizei; schliesslich ist auch Michel 17 eingetroffen, besetzt mit zwei Polizeiobermeistern.

Die beiden Grünen nähern sich behutsam dem Toten. Einer lüftet sacht die graue Wolldecke, und lässt den Zipfel wieder los. Bedächtig ziehen sie sich zurück; ihre Gesichter verraten, dass sie mit Kopflosen keinerlei Erfahrung haben, sich in Schwierigekeiten befinden, nicht genau wissen, was nun zu tun sei – und schliesslich doch noch eine rettende Idee entwickeln können. Nach kurzer Beratung geht einer zum Peterwagen und alarmiert die Mordkommission.

Endlich beginnen sie damit, die Menschenan-sammlung um gute drei Meter zurückzudrängen, ein unsinniges Unterfangen, denn die Leute behaupten ihre Plätze in einer Weise, als hätten sie dafür Erste-Rang-Preise bezahlt, drängen sich also wieder nach vorne, nachdem die Ploizeikräfte sich mit den Nachbarn zu beschäftigen. Und es dauert, bis die Polizisten einmal die Runde hinter sich gebracht haben, um zu erkennen, dass sie wieder von vorne beginnen dürfen, dies auch schliesslich tun. Zweiter Versuch.

Dem Entsetzen der ersten fünf Minuten ist längst das gefolgt, was in solchen Fällen die Zuschauerszene beherrscht: Neugier, Vermutung und Wichtigtuerei. Es rüsten sich die Zeugen für die bevorstehende polizeiliche Vernehmung. Tatsachen werden mit Phantasien verflochten, Vermutungen untergemischt, mit anderen Zuschauern ausgetauscht und abge-glichen, schliesslich modifiziert und dann als geplante Aussage paratgelegt.
Mittlerweile ist der Tote leer. Er blutet nicht mehr aus dem Hals, die Pfütze beginnt eine dunklere Färbung anzunehmen.

Endlich erscheint die Mordkommisssion, nimmt kurze Eindrücke auf und ordert die Spurensicherung. Man zieht sich in seinen PKW zurück, nicht ohne die Anweisung an die Uniformierten zu hinterlassen, die Leute fernzuhalten. Der Notarzt möchte gehen und seine Sanitäter mitnehmen, und die Kripo stimmt nach kurzer Beratung zu. Abgang.

Ein uniformierter Polizist bemerkt endlich, dass Zuschauer die Fahrbahn belagern. Der Verkehr staut sich nun bis Nienstedten zurück. Das neueste Stauopfer geniesst den Blick über die Elbe und zum Anleger Teufelsbrück. In Blankenese räumt derweil ein Polizist endlich die Strasse, und der Verkehr setzt sich in Bewegung. Der Tote liegt unter seiner Decke, ist unschuldig am Chaos. Und die Spurensicherung erscheint, nimmt ihre Arbeit auf. Ein Polizei-Arzt ist mitgekommen, und stellt den Tod fest. Und dass der Kopf fehlt. Nun fehlt er endlich amtlich.

Die Spurensicherung beginnt mit der aussichtlosen Suche nach dem Kopf. Sie endet mit der Vermutung, dass wahrscheinlich ein grosser Hund vor allen anderen am Tatort aufgetaucht war und mit einem Souvenir verduftet sei, welches er in einem instinktiven Handlungstrieb als Wintervorrat in irgendeinem Garten vergraben habe. Es sei eine Rasterfahndung nach allen Hunden einzuleiten, für die eine Schulterhöhe von mehr als 50 mm angenommen werden müsse. Nicht gefragt wurde nach der Anwesenheit von Kindern.

Die Vernehmung der Zeugen – es gab sie tatsächlich – bringt die aus Film und Fernsehn hinlänglich bekannten Ergebnisse. Es gab einen Täter, und es gab keinen. Der Täter ist von weisser, schwarzer, gelber und roter Hautfarbe, blond und schwarz, alt und jung, mit und ohne Flinte, mit Machete und Taschen-messer, mit Schweizer Offiziersmesser, Kettensäge
und tragbarer Guillotine, das Opfer wurde zerbissen, gesprengt, zerfahren und auf vielerlei andere Weisen dahingemetztelt. Nein, einen Eskimo habe man nicht wahrgenommen. Krokodile seien in Hamburg auch eine ausgesprochene Rarität. Merkwürdig sei die über-einstimmende Aussage, der Tote habe einen Hut getragen. Der Hut ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich werde der Hut noch auf dem Kopf sitzen, und sei vom Hund mitbeerdigt worden, oder so ähnlich.

Die Kripo ist noch etwas unschlüssig um die Frage, wie es nun weiterzugehen hätte, und endlich wird die Identität des Toten festgestellt. Diesbezügliche Erkenntnisse sind ernüchternd: Es hat einen Niemand erwischt, einen Rentner ohne Familie – wenigstens wird es nicht erforderlich werden, andere Menschen mit einer schlimmen Nachricht unglücklich zu machen.

Einer der Kripo-Beamten murmelt in sich hinein, das Glück sei mit die Dummen. Laut ausgesprochen schadet ein solcher Standpunkt der Karriere, man sitzt wochenlang vor der alten Adler-Schreibmaschine, bei der ausgerechnet das A streikt, und tippt nzeigen, Bed rfsmeldungen für Klop pier und ähnliches.

Am Tatort scheint die Situation einzufrieren. Die Dynamik der ersten halben Stunde ist verflogen, und es scheint die Anwesenden Melancholie zu befallen.

Sensible Zuschauer haben diese Entwicklung rechtzeitig gespürt und sich auf den Weg gemacht. Wohin auch immer. Für andere ist es nun zu spät. Schwermut legt sich wie ein Leichentuch über die Szene, hält die Anwesenden gefangen, vermittelt ihnen das Gefühl, als seien sie Staffage, unentbehrlich und darum mit dem Fluch der Unbeweglichkeit belegt, zudem schweigend, denn alles war gesagt, selbst das Ungehörige ausgesprochen (Haben Sie gesehen, der hat sich in die Hose geschissen!). Immerhin bleibt der Autoverkehr von dieser Lähmung unbehelligt, bildet einen bewegten Rahmen um den Unglücksort, kontrastiert diesen und gibt ihm damit einen eigenen, seltsamen Status, so, als hätte man ihn mit einer gläsernen, schalldichten Wand umstellt.

(2) Anderer Ort, selbe Zeit. Noch hatte der Mann in Hamburg Blankenese den Kopf nicht verloren. Luzifer ist wieder einmal ausser sich. Die Probleme mit der Disziplin seiner Truppe häufen sich und sind kaum in den Griff zu bekommen. Am tollsten trieben es wie stets Succubus und Incubus, jene Unterteufel, die sich auf den Diebstahl der menschlichen Fortpflanzungs-fähigkeit spezialisiert haben. Succubus, dieses Teufelsweib, kauert nun vor Luzifer und erwartet sein Donnerwetter. Nein, es ist gewiss keine Angst im Spiel. Man kennt seinen Boss, bellende Hunde beissen nicht, wenn er sich ausgekotzt hat, kann man zur Sache kommen und vernünftige Entscheidungen treffen. Also lautet zunächst die Parole: Sei devot und warte ab.

Luzifer beginnt seine Ansprache wie üblich. Dabei hebt er seine Stimme um eine Oktave an und keift in Altweiber-Manier: Ich bin Luzifer, der Sohn des Lichts und der Göttin Aurora, gefürchtet und verehrt als SATAN, Engel des Bösen! Alles hier hört auf mein Kommando! Dies sollte niemals in Zweifel gezogen werden! Und von Dir, Succubus, will ich nun wissen, wo Incubus sich wieder herumtreibt. Ihr beide habt von mir einen Auftrag erhalten. Was läuft hier bloss wieder ab? Antworte, Weib!

Succubus unterdrückt eine gelangweilte, und setzt eine ängstliche Miene auf. Der Alte mag das, eine Marotte, und es kostet nicht einmal eine Anstrengung, ihm den Gefallen zu erweisen. Jetzt noch die Stimme auf Zittern eingestellt, und leise antworten: Herr, ich weiss es nicht. Vermutlich ist er wieder mal voraus-geeilt. Du kennst ihn, manchmal reitet ihn der Gott!

Luzifer kreischt: Nicht schon wieder! Ich habe die Schnauze voll von ihm und seinen Eskapaden. Nun ist der Kerl 70.000 Jahre alt und kann es immer noch nicht lassen, Unfug zu stiften! Mach´ sofort hinterher und sieh nach, was der Kerl treibt! Bericht in einer halben Stunde!

Succubus die Teufelin streicht sich anmutig über ihr Schnäuzchen – der Alte liebte diese kleine Geste über alles, seine Schwanzspitze beginnt zu glühen – und erhebt sich. Ja, Chef, ich habe verstanden und mache mich umgehend auf den Weg. Keine Sorge, wir haben das immer hingekriegt. Dem Incubus werde ich den Himmel heissmachen und ihm so die Leviten lesen, dass ihm sein Huf drei Tage lang dort juckt, wo er sich nicht kratzen kann! Verlass Dich ganz auf mich! Sprichts, und entfernt sich rückwärts wieselnd aus Luzifers Audienzzimmer.

Natürlich weiss die Teufelin, wohin es ihren Partner Incubus getrieben hat. Ohne Zweifel hat er erneut ein Süppchen angerührt, das sie mit auslöffeln muss. Doch zunächst zieht sie sich in ihre Zelle zurück, um sich reisefertig zu machen; sie bürstet sich den Pelz, schaltet auf Unsichtbar und zurück, findet alles roger und macht sich schliesslich auf den Weg. Zwei Sekunden später kommt sie in Hamburg-Blankenese an, auf Unsichtbar geschaltet, was sie invisibel zu nennen pflegt, und hält Ausschau nach ihrem Partner Incubus.

Fünfzehntausend Jahre Zusammenarbeit mit einem Teufel namens Incubus schärfen die Sinne. Darum entdeckt die Teufelin ihren Partner linkerhand auf der Kante eines dreistöckigen Wohnhauses; er hat es sich auf der Dachrinne bequem gemacht – unsichtbar geschaltet, ganz nach Vorschrift. Sitzt da oben und drückt ein gelangweiltes Gesicht hin.

Offenkundig hat er das Interesse an der Szene unten verloren, wartet auf irgendetwas. Sieht die Succubus und beginnt zu grinsen. Succi, altes Mädchen! Hat aber gedauert, bis Du endlich nachkommst. Hast Dich wohl zu lange gebürstet? Siehst aber wirklich gut aus, mein Zuckerschnäuzchen! Succi hat den Rest ihres mageren Humors verloren – das hätte er bedenken sollen, bevor er sein vorlautes Maul aufreisst. So denkt jedenfalls Succi, und legt sich ins Zeug. Schwingt sich rauf auf die Dachkante und baut sich links vom Incubus-Schätzchen auf.

Sie senkt ihre Stimme um eine Oktave, legt ein Schäufelchen Raucherhusten bei, und spricht – nein, sie röhrt, als habe sie ein schweizerisches Alphorn samt Senn verschluckt, gemessen, aber bedrohlich, einer Zeitbombe gleich, deren Zünder auf 60 Sekunden steht:

Inni, Du dreifach gewendetes Arschloch! (Inni´s Blick wechselt von träge auf wachsam).
Der Alte hat mich gerade erst niedergemacht, und mich dann dringlich hierherbeordert! (Inni´s Blick wird wieder träge).
Nun habe ich wieder einmal an Deiner Stelle die Brühe über den Kopf gekriegt! (Inni´s Blick wird wieder angespannt!)
Der Alte sagt, ich solle Dir so in die Eier treten, dass Du in Pension gehen kannst! (Inni kneift seine Stelzen zusammen, versucht damit einen Knoten zu falten, weil, wenn sie will, macht sie das, er kennt sie!).
Ich aber sage Dir, das kannst Du vergessen. Ich bestimme immer noch selbst, wann ich Dir ins Gekröse trete. Und das passiert mit Sicherheit, wenn Du nicht sofort beginnst, die Scheisse da unten wegzuräumen! Ich hänge Dir Dein Kreuz aus, dass Du Deinen Arsch in einer Schlinge tragen musst! Und dazu habe ich jedes Recht!
Der Alte tritt mir in den Hintern, und ich Dir ins Gemächt – so hat alles wieder seine Ordnung, ist das klar? I s t d a s
k l a r , Du Sackgesicht?

Inni weiss: Wenn sie Sackgesicht sagt, wird es ernst. Lahm entgegnet er noch, es sei doch alles nur ein Ulk gewesen, wir können das ja in Ordnung bringen (tja, Inni ist nicht der Schlaueste; mit dem Plural hat er schon wieder daneben gelangt, Succi dreht nun durch und will ihn treten, wovor ihn sein siebenter Sinn mit einem Sidestep bewahrt, und er verlässt rasch seinen Logenplatz und hängt sich rechterhand ans Fallrohr.

Succi dagegen tritt zu, ins Leere, verliert die Balance und segelt hinunter auf den Bürgersteig, haarscharf an einer alten Dame vorbei, die sofort ein Schaudern packt, und eine Ahnung vom nahen Tod, was Succi sofort spürt, bedauert und zur Sühne den Rheumaschmerz in der rechten Schulter von Frau Lüders lindert – auch Teufel können das!

Währenddessen hängt Inni am Fallrohr und brummelt etwas von Gefühlsduselei. Succi macht sich auf den Weg nach oben, entlang des besagten Regenrohrs. Inni weicht zurück, vielmehr nach oben aus, schwingt sich über die Dachrinne und nimmt Deckung hinter dem Schornstein. Succi kauert davor, röhrt ihn an.

Und jetzt, Inni-Schätzchen, verschwindest Du vom Dach.
Du eierst nach unten, und räumst auf. Und vergiss nicht: Ich bin Luzifers Henker. Ich reisse Dir raus, was Dir lieb und wert ist, und verfüttere es an die Engel!
Du hast jetzt 37 Minuten, dann herrscht da unten wieder Ordnung, Alltag, Friede, Freude und Eier-kuchen. Ist das klar?
Und wenn Du dort fertig bist, werde ich weisungsgemäss dem Alten berichten. Ich werde ihm sagen, es sei hier nichts gewesen. Und dann machen wir uns an unseren Auftrag. Hast Du alles kapiert, oder muss ich nochmal wiederholen?
Inni kleinlaut: Alles retour?
Succi: Mach los, Du Sohn einer …..
Inni ist schon weg.

(3) Rückabwicklung ist angesagt. Dabei spielt die Zeit eine gewichtige Rolle. Seit Inni´s Eingreifen in die Strassenszene am S-Bahnhof Blankenese sind inzwischen 46 Minuten vergangen. Inni betritt die Szene, für jedermann unsichtbar, ausgenommen für Succi, die es sich auf der Dachrinne bequem gemacht hat und mit Falkenaugen den Prozess überwacht. Was hat der blöde Hund nur wieder angerichtet. Wäre ich der Boss, denkt sie, der Typ würde nicht mehr aus der Hölle rauskommen. Innendienst bis zum Abwinken, für mindestens weitere 50.000 Jahre. Aber der Alte ist zu gutmütig. Manchmal kommt einfach der Engel bei ihm durch!

Inni rechnet. 46 Minuten zurück, plus zwei Minuten Vorbereitung macht neunundvierzig – und los. Erst ein Stillstand der Zeit, dann alles retour, just so, wie man einen Film rückwärts laufen lässt. Inni überwacht angestrengt den Prozess, und Succi überwacht ebenso aufmerksam ihren Inni, bemerkt eine Minute Zeitdifferenz, alles läuft weiter zurück, wenn nur dieses hundeschnäuzige Arschbackengesicht von einem Unterteufel mal etwas richtig machen würde! Und genauso röhrt sie ihm das hinunter; er sieht danach wirklich betroffen aus. Nach knapp 49 Minuten rollt in Pinneberg ein Ford Mondeo rückwärts in seine Garage, der Fahrer steigt aus, trottelt rückwärts gehend in sein Haus, hängt seine Jacke an die Garderobe, retiriert in die Toilette und setzt sich auf den Topf, endlich ….. nun, das lässt man aus. Verletzt die Menschenwürde.

Endlich ist die Reorganisation abgeschlossen. Die Zeit stoppt, und bewegt sich wieder in die korrekte Rich-tung. Der Typ in Pinneberg kommt vom Topf hoch, fühlt sich gut und macht sich wieder auf den Weg Richtung Blankenese. Nichts ist passiert. Nur einige empfindsame Menschen erleben die überflüssige Minute als ausgedehntes Déjavu.

Inni entert die Dachrinne und setzt sich neben Succi. Sie ist aber noch nicht mit ihm fertig. Du kommst jetzt mit zum Alten, Sackgesicht! Ich muss Bericht erstatten. Und Du wartest vor seiner Tür. Ich möchte heute nicht nochmal erleben, wie Du Mist baust. Ist das klar?

Sekunden später steht Succubus vor Luzifer und berichtet: Ehrwürdiger Satan, ich habe Incubus in Hamburg angetroffen. Er hat dort auf mich gewartet. Es war nichts passiert. Ich vermute, er hat grossen Respekt vor Dir und Deiner Allmacht. Kann sein, er beginnt zu verstehen. (Sie fährt sich mit der Pfote zart über ihr Schnäuzchen, und Luzifer bemerkt´s mit Entzücken). Es gibt also keinen Grund sich zu sorgen.
Luzifer fragt nach, was sie eine Stunde lang getrieben hätten, wenn nichts zu reparieren gewesen sei. Succi: Nun, ein wenig lüstern war der Incubus schon. Du kennst ihn. Wenn er sein Engelsgesicht aufsetzt und damit beginnt, Rosenkränze zu beten, dann steht er kurz vor einer Eruption, und man muss einige Mühe darauf verwenden, ihn wieder so weit herunter-zukühlen, dass man ihn allein lassen kann. Aber sei versichert: Wir arbeiten dran. Keine Sorge. Succi hat alles im Griff!

Luzifer verliert das Interesse an Inni, und sein Interesse an Succi wächst. Sie bemerkt dies, bedauert, dass eines der grossen Welträtsel ungelöst bleibt: Engel sind geschlechtslos. Und das bleiben sie auch als gefallene. Wie kann es angehen, dass der Boss sich wie ein geiler Bock aufführt, seine Energie derart verschwendet, sich aufplustert wie ein Gockel, um dann einem aufgeschlitzten Heissluftballon gleich abzu- schlaffen, ohne auch nur im geringsten einen Nutzen aus dem Gehabe zu ziehen? Kerle!

Succi zieht sich zurück, bevor die Situation richtig unangenehm wird; der Alte mag sich in sein Schwefel-bad verziehen und de-eskalieren. Sie hat schliesslich einen Auftrag zu erledigen, und zudem die Dumpf-backe Inni am Halse.

Succubus und Incubus machen sich auf den Weg, um ihre Arbeit zu erledigen. Der temporär Geköpfte sitzt nun in seiner Stammkneipe und hat bereits das zweite Bierchen vor sich stehen. Es ist offenkundig: Er hat auch die für das Eingiessen von Pils erforderliche Körperöffnung ordnungsgemäss zurückerhalten; seine Mine verrät, dass Schäden an Körper, Geist und Seele nicht eingetreten sind.

(4) Succi memoriert laut (damit Inni mitkriegt, was nun zu tun ist):

· Auftrag
· Durchführen: Incubus / Succubus
· Termin: innerhalb von 6 Stunden
· Zielperson: x, Senator der Freien und Hanse-stadt Hamburg, Bezirk Mitteleuropa, Planet Erde
· Massnahme: holen (tot oder lebendig), und sofort vorführen
· Begründung: Senator X wurde durch Pastor Y verflucht; Y murmelte den Fluch: Da sitzt er. Den soll der Teufel holen! noch während seines Gottesdienstes. Damit wird der Fluch wirksam.
· Die Massnahme des Pastors steht im Zusammenhang mit einer erwarteten, aber nicht eingetretenen Spende für die Nordelbische Kirche und dem damit einhergehenden Verlust von 25 Prozent des Spendenbetrags für die Gemeindekasse des Pastors. Senator X hatte einen 6stelligen Betrag zugesagt und einen 3stelligen zur Verfügung gestellt.
· Besonderheit: Das Verhalten des Senators X deutet an, dass er der Hölle nähersteht als dem Himmel. Das ist jedoch irrelevant. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derlei Erwägungen die Durchführerung des Auftrags nicht beeinträchtigen dürfen.

Senator X wohnt am Süllberg; er ist Eigentümer einer Penthouse-Wohnung mit Elbblick. Verheiratet, aber kinderlos geblieben, hat er sich für eine Legislaturperiode vom Handel abgewandt und sich der Lokalpolitik verschrieben. Als gelernter Kauf-mann hat er folgerichtig das Ressort Kultur übernommen.
Sein Unernehmen beschäftigt in der Regel 130 Mitarbeiter und wird derzeit von einem Geschäfts-führer geleitet. Das Unternehmen handelt mit allem, was der ferne und der mittlere Osten zu bieten haben: Teppiche, Tee, Gewürze, Elektronik, um die wichtigsten Posten zu nennen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, Senator X sei ein hansea-tischer Pfeffersack im Original.

Das ist nun jener Mann, den die Teufel holen sollen, weil ein Pastor es wünscht. Welch eine Ironie!

(5) Teufel reisen nicht. Sie scheinen immer genau dort zu sein, wohin sie wollten. Ein Kurztrip von München nach Hamburg dauert den Bruchteil eines Wimpern-schlags. Sofern Inni sich dabei um eine Sekunde verspätet, dann hat er gewiss einen Abstecher nach Australien unternommen, und bekommt deswegen richtigen Zoff mit Succi.

Natürlich ist Senator X nicht zu Hause. Die Teufel wissen nicht, wo er sich aufhält, aber sie kennen seinen nächsten Schritt. Also rasch bei der Industrie- und Handelkammer vorbeigeschaut, nicht da. Nächste Station ist die Staatsoper, Büro des Intendanten (vorzüglicher Cognac!), dann weiter ins Rathaus, hier das Restaurant (X hat Boeuf à la mode gegessen), sodann das Büro des Bürgermeisters aufgesucht, und ist anschliessend in den Freihafen gefahren, wo er einen Schuppen, den 10er gemietet hat.

Hier wird’s für Succi und Inni überaus ungemütlich. Nicht dass hier Weihwasser gelagert wäre – das nein. Aber Teufel fürchten Gewürze ebenso. Sie sind mög-licherweise traumatisiert durch intensiven Kontakt mit Weihrauch, wovon die Katholiken in Kirchen wie im Freien reichliche Mengen verbrennen. Die Ursprünge des Weihrauch im christlichen Gottesdienst liegen im römisch-byzantinischen Hofzeremoniell. Dabei wurde Weihrauch als Amtsinsignie hoher Beamten über-nommen. Schon damals haben sich Bischöfe hinter Schwaden von Weihrauch versteckt und zugleich ihren Gläubigen die Sinne vernebelt. Inni ist frustriert:

· Succi, weißt Du noch, damals inByzanz, als ….
· Höre mir mit den alten Geschichten auf!
· Aber Succi, riechst Du ihn nicht? Das ist kein Sandelholz!
· Inni, Du bist ein feiger Teufel! Und Du hast Glück, dass uns jegliches Schamgefühl abgeht! Los, weiter!
· Succi! Ich mag keine Gewürze! Sie machen mich nervös! Man weiss nie, was kommt! Unser Mann ist ein Pfeffersack! Gewürzhändler!
· Inni, noch einen Ton, und ich tue, was der Boss mir aufgetragen hat! Hier ist keine Kirche, hier wird kein Weihrauch abgefackelt! Das hier ist nicht der Kölner Dom, sondern Schuppen 10 im Hamburger Freihafen. Vergiss endlich Byzanz, Du Lusche!

Schliesslich haben die beiden ihren Mann auf Boden 3 geortet. Ausgerechnet dort. Er palavert mit einem der Gangführer, sitzt dabei auf Paketen – Weihrauch.
Boswellia carteri Prov. Somalia. Steht so da, riecht so, ist auch drin.

Succi ist sprachlos. Was tun? Invisibel bleiben, selbstverständlich. Warten. Natürlich. Zuhören. Was sonst? Aber die Zeit!

· …. sicher, dass die bestellte Qualität drin ist?
· Da müssen wir eine Stichprobe nehmen! Ich hole mal schnell eine leere Dose …
· Aber keine Fischdose ….
· Gewiss Herr Senator. Ich weiss Bescheid – sonst glauben wir noch, dass der Weirauch nach Hering riecht, mit Senfsosse …. hahahaha …
· Machen Sie zu, Sandner, soviel Zeit habe ich nicht!
· Sekunde, da ist sie schon. Die haben wir letztes Mal auch benutzt! Wir wollen doch den Herrn Bischof in Paderborn nicht verärgern!
· Nu man los, Sandner!

Inni: Jetzt hau ich ab. Es wird ungemütlich!
Succi: Feiger Hund!
Sandner: Dor hebbt wi den Krom. Mit´n beten Holzkohle ward dat gein.
Der Senator: Machense man zu!
Sandner: Brennt´n beten!
Inni: ich verzisch mich.
Succi: Ich komme mit.

Und bald riecht der Boden 3 des Schuppens 10 am Tschechenhafen wie der Dom zu Bamberg am höchsten katholischen Feiertag.
Sandner: Brennt gut, qualmt gut, riecht wie immer. Kann ich jetzt lüften?
Der Senator: Machense man zu. Ich nehme mir eine Probe mit. Meine Frau schwört auf H15. Soll gegen alles helfen. Und so ganz unrecht hat sie nicht. Wurden Sie jemals in einer katholischen Kirche von Mücken geplagt? Nein, meinte Sandner, das wäre man schlecht möglich, weil er Atheist sei, lauerten ihm die Mücken in seiner Schlafkoje auf. Stecken Sie sich doch auch eine Probe von dem Zeug ein, für zu Hause, sagte der Senator im Weggehen, und verströmte dabei einen Duft wie eine Tonne Mottenkugeln. Den Teufel werde ich tun, brummte Sandner. So, wie ich rieche, kann ich nicht nach Hause kommen. Meine Alte schmeisst mich sofort wieder raus. Da kann ich denn man gleich in die Kneipe. Sprachs und zog los. Den Schuppen hatte er dann doch noch abge- schlossen und die Alarmanlage scharfgeschaltet.
(6) Senator X duftete still vor sich hin, setzte sich in seine Luxuskarosse und machte sich auf den Heimweg. Succi und Inni hatten ihm aufgelauert, sich aber nicht an ihn herangewagt. Succi memorierte erneut:

· Erstens haben wir nur noch eine und eine halbe Stunde Zeit, um den Auftrag zu erledigen.
· Zweitens kommt der Senator X ungeschoren davon, wenn wir´s in der restlichen Zeit nicht schaffen.
· Drittens fehlt uns die Zeit, die wir mit Inni´s Blödsinn in Blankenese vertrödelt haben.
· Viertens möchte ich nicht in unserer Haut stecken, wenn der Alte erfährt, dass er den Senator nicht kriegen kann.
· Daraus ergibt sich fünftens, dass wir ab sofort agressiv vorgehen müssen. Vergessen wir den Weihrauch, sonst gibt’s Zunder!

Inni hält dagegen: Mach Du´s. Ich fass den Typen nicht an. Beim letzten Mal habe ich gereihert bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Eine Kunst, sage ich Dir. Nicht essen, nicht trinken, aber reihern, das krieg Du erst mal hin.

Succi: Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich Dich gebührend bedauern. Nun aber holen wir uns den Senator! Schlappschwanz!

Und einen Wimpernschlag später kauern sie in des Senators Salon, unsichtbar wie immer, und beobachten Frau X beim Arrangieren eines gewaltigen Blumenbuketts. Des guten Wetters wegen hat die Hausfrau die Schiebetür zur Dachterrasse geöffnet. In der Sonne tanzen die ersten Mückenschwärme, sehr zum Missfallen von Frau X, die nicht ahnt, dass diese frühen Insekten noch nicht zum Blutsaugen konditio-niert sind. Angeber allesamt.

Um es kurz zu machen: Zunächst erscheint Senator X auf der Bildfläche. Duftet nach Weihrauch, als wäre er stundenlang in einer Fronleichnamsprozession mitgelaufen.

Inni kriegt das Würgen.

Frau X erinnert sich: Hast Du ein wenig Weihrauch mitgebracht? Schau Dir die Mücken an. Schwärme davon schon im Frühjahr, unglaublich! Ja? Her damit.

Rasch hat sie eine vorbereitete Schale herbeigeholt, und der Senator bestückt und befeuert diese.

Inni beginnt zu reihern.

Succi will sich dem Senator nähern.

Inni verliert die Kontrolle und schaltet aus Versehen auf Sichtbar.

Frau X schreit wie am Spiess, und sinkt ohnmächtig zu Boden.

Der Senator ist aus härterem Holz. Merkwürdig, denkt er. Die Gestalt sieht aus wie die bei Albrecht Dürer: Der Ritter, der Tod und der Teufel. Genau, es ist der Teufel! Was will die Type hier?

Die unsichtbare Succi verliert jetzt ihererseits die Fassung.

Der Senator hält noch immer die Weihrauchschale in der Hand und vergisst, sie abzustellen. Lässt sich in einen Sessel fallen und staunt: Wer hat je im Leben einen kotzenden Teufel gesehen?

Succi ist mittlerweile unter Krämpfen zurückgewichen. Die gesamte Szenerie scheint ihr unwirklich. Kämpft sich zu inni vor und schaltet ihn auf invisibel.

Der Senator ist noch immer bei Dürer; seine Berufung zum Kultursenator beginnt Früchte zu tragen. Endlich stellt er die rauchende Schale zur Seite, um sich einen Bildband aus dem Bücherbord zu greifen.

Dumm, denn er schiebt den Mückentod den beiden Teufeln direkt unter die Nase.

Inni ist einer Ohnmacht näher als allem andern, und Succi beginnt zu reihern. Sie weichen zurück, und Succi will den Kampf wieder aufnehmen. Sie rappelt sich auf und stürzt auf den Senator zu, der sich mit einem schweren Bildband in der Hand umwendet – er trifft Succi versehentlich direkt auf die Schnauze, und sie weicht jaulend zurück.
Teufel weinen nicht, auch wenn ihnen danach zumute ist. Succi setzt sich verzweifelt auf den Teppichboden. Unter ihr bildet sich eine Pfütze, was den Senator nun doch ziemlich verwundert. Pfützen aus dem Nichts sind auch in Hamburg äusserst selten.

Während er sich fragt, wo das üble Vieh abgeblieben sein mag, und wer es ihm geschickt haben könnte, und was der ganze Mummenschanz eigentlich soll, kommt für Succubus und Incubus die Abberufung. Ihre sechs Stunden sind verstrichen, der Teufel hat den Senator nicht gekriegt.

An seiner Stelle bekommt er zwei kotzende Unterteufel. Sie werden seinen Zorn zu spüren bekommen, sobald es ihnen wieder besser geht. So lange wird er mit seiner Rache warten. Zur Strafe wird er die beiden in Hamburg installieren – in menschlicher Gestalt selbstverständlich. Sie sollen wie Herr X politische Ämter bekleiden.
Sie sollen wie Herr X unredlich handeln, verflucht werden, und er wird ihnen Unterteufel schicken, sie jagen lassen, sie vor seine Füsse werfen lassen und ihnen alles nehmen, was sie je besassen. Er wird sie in seiner Hölle schmoren lassen. Bis dahin, Ihr Höllenhunde, kotzt Euch ruhig aus, und erleidet einen ersten Schmerz! Ich, Luzifer, der Sohn des Lichts und der Herr der Hölle habe alle Zeit der Welt, und die Ewigkeit dazu!

Gut gebrüllt, Löwe! Nur hat die Pleite ein Nachspiel. Wenige Momente nach Fertigstellung der Strafpläne für seine beiden Versager wird er, Luzifer, zum Herrn gerufen. Wo bleibt mein Senator, mein Sohn? So lautete seine einzige Frage. Zwei Erzengel mit Flammenschwertern setzten bedrohliche Mienen auf. Wo bleibt mein Senator, der meine Kirche um einen sechstelligen Betrag betrog?

Ein Cherubim, Engel der Weisheit: Er hat ihn nicht!

Ein Seraphim, Engel der Liebe: Er hat ihn laufen lassen!

Beide (im Chor): Er ist ein Versager!

Die Cherubime mit ihren Flammenschwertern: Wir wollen ihm das Fell versengen!

Alle zusammen: Herr befiehl? Was sollen wir mit ihm machen?

Und der Herr sprach: Es ist Luzifer, einer Eurer Brüder, und mein Sohn! Habt Erbarmen. Schickt ihn in Menschengestalt auf die Erde und lasst ihn ein gesamtes Menschenleben erfahren. Er soll im Leid baden und Demut lernen!

Die Engel gehorchten, unverzüglich und ohne Widerrede.

Und so wurde Donald Trump geboren.

Revision

In 9 ½ Monaten 643 Beiträge geschrieben
geschätzt 10% mit Zitaten, also fremden Gedanken
Themen willkürlich verarbeitet, ohne System
dennoch Kategorien zuzuordnen
Qualität: ausreichend
Stil: verdorben durch den Job; besser wäre,
Bedienungsanleitungen für IKEA zu schreiben
Zweck: erfüllt
Resonanz: erfrischend kalte Dusche (mehr Performance
= mehr Arbeit – lehne ich ab)
Spassig: Angler-Effekt. Website wird nur besucht,
wenn ich anfüttere (mit neuem Text)
Motivation: nachlassend bis zu „normal“
Tot: 643 Texte, Makulatur auf teurem Speicherplatz bei WP
gesichert als WORD file: alles, ohne pics
Weitermachen: Warum nicht? Aber mit mehr Sorgfalt.

Soweit meine Bilanz nach einem Dreivierteljahr.

Über menschliche Eigenschaften

Man kann einen Baum knorrig nennen, wenn er krumm gewachsen ist und knotiges Geäst trägt. Und wir nennen Menschen knorrig, wenn zwar das Geäst fehlt, die übrigen Attribute aber auf die Gestalt zutreffen. So kennt man also den knorrigen Alten – von einer knorrigen Alten habe ich allerdings noch nie gehört. Das sagt man nicht! Das ist uncharmant! Aber unter uns bemerkt: Ich kannte mal eine knorrige Alte. Sie war meine Vermieterin und wollte mich in ihr Bett kriegen. Damals war ich nur jung. Heute bin ich nur noch knorrig.

Im Netz findet sich eine Liste mit rund 1.300 menschlichen Attributen. Ich meine, man könnte damit ein hübsches Chaos erzeugen. Nenne zum Beispiel einen Schwergewichts-Europameister aus dem Boxsport eine zartblätterige Duftnelke – der Tag ist für Dich gelaufen. Und die wahre zartblättrige Duftnelke würde ungehalten reagieren, wenn ich behaupte, sie hätte das Format eines Boxweltmeisters im Halbschwergewicht. Habe ich beide vor mir sitzen, und ich bearbeite sie mit derartigen Attributen f a l s c h , so werden sich Nelkenduft und Blutgeruch vermischen und damit „Notfall und Arzt rufen!“ signalisieren.

Besagte Liste mit menschlichen Eigenschaften ist mit 1.300 Items nicht annähernd komplett. Zum Beispiel fehlen „dumm“ und „klug“. Aber diese Sammlung beweist uns, wie facettenreich unsere Sprache sein kann, sollten wir sie begriffen haben und lebendig benutzen können. Man könnte auch arrogant anmerken, dass lebendiges Sprechen nur gebildeten Menschen gelingen wird. Das ist natürlich Blödsinn. Man kann seine Gefühle auch durch Handeln ausdrücken; ein warmherziger Holzfäller braucht keine geschliffene Ausdrucksweise. Er könnte mir seine Zuneigung zeigen, indem er mir 3 Festmeter Kaminholz zurecht haut.

Nun haben diese Eigenschaftswörter auch eine wertende Funktion. Hier wäre anzumerken, dass stets die Gefahr falscher, also unangebrachter Verwendung besteht. Das geschieht häufger, als uns lieb ist. Man spricht dann davon, man habe sich im Ton vergriffen,
oder – im einfachsten Fall – der warmherzige Holzfäller hat diesmal kein Kaminholz zurecht gehauen, sondern stumm und hochwirksam auf andere, auf seine spezielle Weise seine Ordnung wiederhergestellt.

Mit solchen Gedanken im Hintergrund wäre noch auf die Besonderheiten der in Deutschland gesprochenen Dialekte hinzuweisen. Hie wird das Thema wahrlich diabolisch. Das Problem: Was hier geht, geht dort schon mal garnicht. Wer in unserem babylonischen Sprachgewirr nicht zu Hause ist, sollte mit wertenden Begriffen besonders sorgfältig umgehen, und womöglich per Kontext erklären, wie es gemeint war. Ich habe dazu Erfahrungen kassieren müssen. In München war ein Missverständnis zum Stadtfussball zwischen Bayern und 1860er Löwen so weit eskaliert, dass mich ein Teilnehmer schliesslich fragte: „Mechst raffa, ha?“ Für Unkundige übersetze ich mit „Möchtest Du raufen, ha?“ Oder ins Hannover’sche: “Du möchtest gewiss keine Prügelei mit mir beginnen, oder?“

Was ergibt sich nun aus dieser Betrachtung?

Es ist gut bis hervorragend, dass wir
von diesen mehr als 1.300 Attributen im täglichen Sprachgebrauch vielleicht nur 20 Stück parat haben.
Der Rest liegt ungenutzt im Langzeitspeicher.
Und wenn wir diese 20 sorgsam auf ihre Konfliktwirkung untersucht
und als Blindgänger erkannt haben, müssen wir uns nicht sorgen,
gröbere Schäden anzurichten.
Was dann noch an Zores übrig bleibt,
lässt sich in einem Glas Rotwein ertränken.

R. Risch, MdB – eine Fiktion

Aber ja doch! Natürlich gefällt mir der Gedanke, als Abgeordneter des Deutschen Bundestags die vielfäligen Privilegien zu geniessen und am Ende eine traumhafte Zusatzrente zu kassieren, für die ich keine Beiträge zahlen musste! Und gewiss wäre ich das faulste Stück in der Sammlung, denn der Job selbst ist nicht mein Ding. Ich sehe mich nicht in der Leitung eines Arbeitskreises zur Vorbereitung einer Gesetzesvorlage für den Arbeitsschutz der Langbesenbenutzer. Wie bereits anderswo erwähnt würde ich das „Tarnen, täuschen und verpissen“ kultivieren, um 3 Legislaturperioden ohne seelische Schäden zu überstehen – für besagte Zusatzrente von mehr als 2000 monatlich.

Dem deutschen Volk dienen – herbes Gelächter!
Man ist Opportunist, dient den Mächtigen!
Und die sitzen nicht im Bundestag, und nicht auf der Regierungsbank.
Man dient einem ausbeuterischen System!
Die Privilegien muss man sich auf diese Weise verdienen!
So mutiert man zum Callboy oder zur Edelhure.
Sexuelle Beanspruchung – das wäre einfach und zu ertragen.
Aber ohne Sex, und das Gewissen plagt von morgens bis abends –
das wäre hart.
Und so findet man Mittel und Wege, das eigene Gewissen abzuschalten.
Man begibt sich in die Masse der Prostituierten aus mehreren Jahrzehnten
und erfindet mit deren Hilfe neue Wahrheiten, an die man irgendwann auch glaubt.
Dann gehts schon.
Und die Rechtfertigung im Beichtstuhl?
Sie fällt sehr einfach aus:
„Hier sitze ich, ich kann nicht anders.“
Und das ist – objektiv gesehen – absolut richtig.
Wer das System zur Basis seiner Existenz macht, ist ihm ausgeliefert.
Wer sich nicht konform verhält, wird geshreddert.

Schreibe ich hier polemisch? Ich lese – und finde die Tippfehler! Sehe die Polemik nicht, obwohl sie da sein m u s s !
Warum sehe ich sie nicht?
Vermutlich weil ich glaube, was ich geschrieben habe.
Ich habe mal wieder ein Puzzle zusammengebaut – gibt kein schöneres Bild her.
Wie? Die Idealisten? Gewiss, die gibt es dort auch. Sorry, Leute!

Über „Hater“

Thomas Carlyle, Schotte (1795 bis 1881, Essayist und Historiker

Über die vergangenen Wochen hinweg verfolgt mich über die Medien ein neuer Terminus und nervt mich zusehens. Es ist der von Politikern und journalistischen Vogelscheuchen so gerne benutzte „Hater“. Gemeint sind jene Menschen, die im Netz teils anonym ihren Frust unter Verwendung von übelstem Vokabular von der Seele schreiben. Verstand und Vernunft, Wahrheit und Werte – kurz: alles Positive bleiben weggeschaltet. Es herrscht Emotion pur von jener Art, die in allen Menschen schlummert und mehr oder weniger effizient unterdrückt bleibt.

Ich weiss, wovon ich hier rede. Auch ich darf mich der Hater-Commune zurechnen, denn ich weiss aus eigenem Empfinden, dass die meisten Mitglieder dieser Kaste nicht hassen, sondern verachten. Hass und Verachtung sind  schwer zu trennen. Ich denke, dass der Hass auf blindem Empfinden beruht, während die Verachtung ein Produkt des Verstands ist, also eine intellektuelle Leistung. Qualitätsansprüche sind hier nicht relevant.

Wer meinen Überlegungen bis hierhin zustimmend gefolgt ist, sollte nun eine Tatsache erkennen. Hass und Verachtung sind dem Menschen zu eigen. Sie haben zu allen Zeiten ihre Rolle gespielt, und damit Unheil über die Menschen gebracht.

Das Internet ist nichts weiter als ein modernes Sprachrohr, und man kann sich hier ungefährdet austoben. Anders:

Das Übel ist der Mensch mit seiner Gefühlswelt, nicht das Netz. Selbiges fördert das Negative nur an das Tageslicht.

Verständlich, dass Politiker hier einen Riegel vorschieben möchten – sie werden öffentlich vorgeführt, agieren sie doch immer noch nach der alten Soldatenregel „Tarnen, täuschen und verpissen!“

Ich nehme nun besser eine Abkürzung und behaupte:

Beide Parteien, die Hater und die Netz-Zensoren sind nichts weiter als aus spezielle Weise strunzdumm.

Wenn mir einer meine Verachtung für das System und seine Protagonisten aus dem Gesicht wischen möchte, dann bin ich das selbst, und niemals ein Bundesinnenminister mit seinen Hofschranzen. Sie sind moderne Quacksalber, die Symptome behandeln, nicht die Krankheit.

Die Mauer 2

Ein verkrampftes Gehirn konstruiert geschwollenes Gerede.
Ich weiss das wohl.
Manchmal, und viel zu oft leide ich unter solcherart relevanten Krämpfen.
Ich sondere dann Sprechblasen mit Geblubber ab,
muss die Luft rauslassen
und so lange umbauen, bis ich glaube, es seien nun brauchbar.

Zur Sache:

Ich weiss es, weil ich es spüre.
Auch ich lief mit einem dicken Brett vor dem Kopf herum.
Das war immer so.
Und ich habe es nie bemerkt. Bis unlängst.
Gefühlt ist das Brett weg.
Ich weiss, dass das nichts bedeutet.
Aber gefühlt ist das so.
Es herrscht zur Zeit das Prinzip „Hoffnung“.

Wie kam ich auf diese Idee?
Ich sehe plötzlich mehr.
Ich sehe anders.
Ich sehe schöne Kleinigkeiten:

Da war in einem TV-Krimi ein Hocker mit dickem grünem Polster, von einem kleinen Spotlight angestrahlt, eine Requisite ohne jeden Bezug zur Handlung, aber in der Szene fremdartig schön. Ich habe ihn gesehen!

Da war die Spinne auf meinem Monitor, ein Tier mit sechs 4 cm langen Beinen, dünn wie ein halbes Haar, und einem Körper, der einem halben Stecknadelkopf ähnlich ist, und ich sitze fassungslos vor dem Viech und haben keine Ahnung, wie solch kleines Wesen leben kann.
Eine grazile, elegante Schönheit!

Ja, ich weiss es: Auch solche Kleinigkeiten werten einen Tag auf. Zumindest meinen Tag.

Es kann natürlich geschehen, dass sich die Mauer wieder schliesst. Dann muss ich einen Verlust beklagen.
Es kann auch geschehen, dass sich meine Mauer nicht schliesst, und ich sehe deutlich mehr Negatives.
Dann sitze ich da wie einer mit Brett vor dem Kopf auf der Suche nach Kompensation,
aber immerhin auf einem gehobenen Niveau.

So ist das.
Nobody is perfect.

Die Mauer 1

In der Persönlichleitsstruktur des Menschen findet sich ein Schaden, der an Alltäglichkeit kaum zu überbieten ist. Im Deutschen nennt man ihn Abgestumpftheit. Seine Banalität ist der Grund, weshalb dieses Defizit so wenig prominent scheint.

Man könnte diesen unerfreulichen Zustand auch eine Mauer nennen. Ihre Aufgabe ist es, die Wirkung von Ereignissen abzufangen.
Diese Mauer schützt die Psyche vor schädlichen Auswirkungen von aussen. Sie ist entstanden als Bollwerk gegen psychische und physische Gewalt während der Kindheit, und kann nur unter grosser Mühe abgebaut werden.

Fatal ist, dass diese Mauer auch externe positive Erlebnisse ebenso blockiert wie nach aussen drängende Gefühle wie Liebe, Empathie usw. Dennoch gerät der Mensch in Situationen, die diese Blockade kurzzeitig aufheben. Man kennt diese Momente, wenn Glück empfunden wird, oder Freude, Zufriedenheit und ähnliches. Die Mauer hat sich geöffnet, und schliesst sich wieder. Sie scheint fragil, und anscheinend gibt es eine Kraft, die sie brechen kann.

Um ehrlich zu sein: Ich habe bisher leider vergeblich nach der Kraftquelle gesucht. Und es widerstrebt mir, mich auf Spekulationen einzulassen. Ein Blick in das Grundsätzliche, wie positives oder negatives Denken als Konditionierung für oder gegen den Mauerbau mag hier wichtig sein – ich weiss es wirklich nicht.

Der Mensch ist wirklich ein wundersames Wesen.
Und zu allem Überfluss diese Trumps, Johnsons und Konsorten!
Diese verpfuschten Kinder von Mutter Natur!

Progress trotz immer noch

Schön, dass Du da bist!
Wir haben erneut gemeinsam einen Tag geschafft und unser Gestern um weitere 24 Stunden verlängert – toll, wie das flutscht. Aber es geht schon wieder los mit den Irritationen. Gestern hatte man mir versprochen, dass es heute regnen würde. Und heute muss ich feststellen, dass kein Wasser aus dem Himmel fliesst und statt dessen ohne weitere Ansage der Meteorologen die Sonne wieder einmal nervt. Die Klimakatastrophe hat wohl endlich einen Umfang angenommen, den man nicht geahnt hatte. Nicht dass mich das berühren würde. Ich lebe wie eine Kellerassel. Aber was machen die vielen Menschen, die nun mit Regenzeug unterwegs sind?

Ausserdem musste ich heute früh feststellen, dass jene Leute Recht haben, die mich einen Hornochsen nennen. Ich habe einen Test erfolgreich beendet, indem ich heute nacht nicht liegend, sondern halb sitzend geschlafen habe – keine Kreuzschmerzen! Wie dumm ist das denn, wenn einer den Test um Monate verspätet durchführt und dabei leidet wie ein Hund?

Risch, setzen! Sechs!

Dieser Spruch ist nun 70 Jahre alt, also fast antik, und doch brandaktuell
Shame on you, old man!

Was soll ich machen?
Vielleicht folge ich dem Gedanken, dass ich mit zunehmendem Alter nach dem Prinzip „Just in time“ leben sollte.
Rational statt emotional?
Eine Supply chain für das Leben?
Modern! Klingt aber nach „scheintot“.

Melancholie

picasso 1955

Heute, das ist ein Samstag im Oktober, habe ich wieder einmal Grund, unzufrieden zu sein. Das ist idiotisch. Immer wieder lasse ich mich beeindrucken von Banalitäten. Dazu zählt insbesondere, dass neben allen guten Seiten meines Lebens Schlechtes entsteht und beeinflusst.

Da fand ich gestern am Morgen in meinem Badezimmer eine tote Stubenfliege. Liegt das Tier auf dem Rücken und starrt mit toten Augen hinauf zur Klopapierrolle. Spontan entschied ich mich für „Tod durch Verhungern“. Und ebenso spontan und mit Urgewalt folgte noch vor dem Zähneputzen eine Bestellung von Lebensmitteln beim Lieferservice – ich konnte das nicht verhindern. Bedingter Reflex, panische Reaktion – weiss der Teufel, was mich so umtreibt. Jedenfalls hatte ich heute 2 Stunden Arbeit, um alles fachgerecht zu lagern, und keinen Appetit.

Nahrung bunkern ist für mich eine harte Arbeit, und ich brauche Arbeitspausen. So auch heute beim Nahrung bunkern. Ich sass arglos und schwer schnaufend an meinem Schreibtisch, da überfällt mich 2,5 Stunden nach dem Aufstehen ein Schlaf. Für 15 Minuten war ich wieder weggetreten. Ich wurde wach, und ohne menschliches Zutun fällt mir ein: ICD-Code G47 – Narkolepsie! Was sonst? Solcher Art Wegklappen habe ich nahezu täglich, weshalb ich nicht mehr Auto fahre. Wie auch immer: Hurra, ich hab wieder was Neues! Mein Doc wird sich freuen. War schon langweilig mit mir. Und von Neurologie hat er keine Ahnung. Mal schauen, wie lange er braucht zur Feststellung, dass man nix machen kann. Natürlich habe ich keine Narkolepsie, die geht anders. Aber ich habe eine Antwort parat, wenn er fragt, wie es mir geht: G47!

Und überhaupt: In einer Arbeitspause heute früh überfällt mich eine Erkenntnis der tragischen Art (womit ich wieder bei dem Negativen des Tagesablaufs bin). Was war? Na, das hier:

„Ich habe so viele Antworten, aber keiner fragt mich!“

Das ist jetzt sehr grundsätzlich, dennoch bin ich selbstkritisch genug zu fragen, ob da nicht ein kleiner Donald in mir steckt, der irgendwann raus will, um mit dem grossen Donald zusammen den Weltfrieden zu gefährden. Ok, der würde mich noch nicht mal in der Rolle des Sancho Panza akzeptieren, bestenfalls als dessen Esel, aber er ist auch kein Hidalgo, kein Don Quijote von der Mancha. Oder hat irgendwer Adliges an diesem Mann entdeckt? Vielleicht die Schuhe ? Und dessen Pferd Rozinante wäre vor Don ald geflohen bis nach Schneizlreuth! Mitsamt der Dame Dulcinea von Toboso!

Siehst Du es? Mein Dilemma? Ich beginne mit Frage und Antwort, und lande in der spanischen Weltliteratur. Frag mich wer ich bin – ich antworte mit „Keine Ahnung, aber ich habe eine Ähnlichkeit mit jenem rostigen Ritter des Miguel de Cervantes Saavedra aus dem 17. Jahrhundert. Nein, das ist Hochstapelei. Ich meine Ähnlichkeit mit dem rostigen Sancho Panza. Klein, dick, und kann mit Eseln umgehen, und vielleicht ein wenig, wie Franz Kafka ihn beschrieb in seiner Erzählung „Die Wahrheit über Sancho Pansa“.

Nebenbei bemerkt: „Don Quichote“ von Cervantes wurde in 2002 von 100 Schriftstellern zum besten Buch der Welt gewählt.
Vielleicht bin ich deshalb hier kleben geblieben …..

Erinnerung

Mondlicht
Schau hinauf in das Mondlicht
geh in das Land der Erinn’rung
auf der mondhellen Bahn
Und wenn du dort erfahren hast, was Glück wirklich ist
fängt ein neues Leben an.

Katzenphilosophie – poetisch verpackt und in eine ergreifend schöne Melodie gebettet – wie gemacht für Grizabella, den Star im Musical „Cats“. Der Mensch hört zu, schaut zu und ist für den Moment verzaubert und fühlt vielleicht Glücklichsein und angeregt, seine eigenen Erinnerungen nach Schönem zu durchsuchen in dem Glauben, er sei nun daran erinnert, positiv zu denken. Ein Irrtum. Grizabella, diese Sirene aus dem Tierreich hat ihn verführt, und die Wirkung verflüchigt sich wie der Duft einer Rose im Wind.

Die Rückkehr in die Realität kann schmerzhaft sein. Neben den positiven hat man schliesslich auch negative Erfahrungen zu verbuchen, also als Erinnerung aufzubewahren. Und nicht immer fügen wir das Adjektiv gut oder schlecht hinzu, oder wir kennzeichen gar falsch. Dabei wäre es sinnvoll, zwar zu wissen, dass jede Erinnerung einen Wert besitzt, aber auch, dass der Wert sich irgendwann verändern kann, sobald sich die Wirklichkeit verändert. Was „damals“gut war, kann heute schlecht sein.

Erinnerungen sind wahrscheinlich im riesigen „unbewussten“ Teil des Hirns abgelegt und werden durch Trigger aufgerufen. Wir alle kennen die damit verbundenen Probleme der Verschwindens, Verfälschens oder der mühsamen Suche danach. Aber wie lebt es sich, wenn die Fähigkeit der Speicherns von Erfahrenem fehlt? Wenn also zum Erinnern nichts vorhanden ist? Es ist ein Leben in der Gegenwart und mit einer unbestimmten Zukunft. Dieser Zustand ist als Folge traumatischer Ereignisse bekannt; man spricht dann von anterograder Amnesie.

Wie lebt man ohne Erinnerungen?
Ohne Gedächtnis?
Ohne eine Quelle von Erfahrungen?
Ohne dies alles, und kein Idiot zu sein?
Ich weiss es nicht.

Auch Grizabella sucht nach einem Weg:

Spür mich
komm zu mir und berühr mich
nimm von mir die Erinn’rung
lös mich aus ihrem Bann
Komm, berühr mich und du verstehst
was Glück wirklich ist
Schau, ein neuer Tag fängt an.