Die Kunst zu leben

Es ist kaum zu glauben, aber es scheint, als würde der Mensch bereits unmittelbar nach seiner Geburt einem Prozess ausgesetzt, der mittels Restriktionen die Entfaltung der Kunst zu leben verhindert. Die Wirkung der Beschränkung setzt mit dem Beginn selbständigen Denkens ein und vertieft sich kontinuierlich bis zu einem Zustand der Reife.

Was soll man nun unter der Kunst zu leben verstehen? Hier ein Versuch zu definieren:

wache Sinne
Selbstvertrauen
Denken in Mikro- u n d in Makro-Ebenen
Fähigkeit zu geniessen
Toleranz
Fähigkeit zu lieben, zur Empathie
lebenslanges Lernen
Flexibilität im Denken
und anderes.

Unversehens haben wir uns dem Menschenideal genähert. Das ist fast peinlich. In der Realität leisten weder die Schulen noch die Eltern das Erforderliche zu einem guten Weg. Der erwachsene Mensch erarbeitet sich mühsam durch Erfahrung seine Ideale – oder auch nicht. Dann bleibt übrig, was wir zur Genüge kennen: Leben.

Leben 29

Ein schlecht bezahlter Museumswärter aus Washington mit einem falschen Deutschlandbild und einem Tick für die Berliner Mauer hat mich neulich ziemlich alt aussehen lassen.

Dieser Mann, ein eingewanderter Afrikaner gönnte sich eine Reise nach Berlin. Hier hat man ihm einen Begleiter an die Seite gestellt, und dieser hat ihm die Stadt gezeigt. Ein Kamerateam hat das Wesentliche dokumentiert. Natürlich war das Ganze inszeniert, wie man das vom Fernsehn kennt. Dennoch:

Die Doku ist so gut gelungen, dass ich die Stadt mit seinen Augen sah – nicht mit meinen, und dies, obewohl ich viele Wochen in dieser Stadt gearbeitet habe.

Ich gestehe: Die Sichtweise dieses amerikanischen Museumswärters ist um Klassen besser als meine eigene. Ich sah Berlin stets emotionslos und eher negativ. Der kleine Afrikaner sah die Stadt dagegen wie ein Kind, also nicht belastet, neugierig, in positiver Grundstimmung und mit weit geöffneten Sinnen.

Wie gesagt, ich erlebte einige Stückchen Berlin mit den Augen eines anderen, und plötzlich begriff ich, wie grossartig diese Stadt ist. Sie kennenzulernen erfordert ein wenig von der Einstellung jenes Museumwärters, und etliche Wochen Zeit oder mehrere Besuche, denn die Vielfalt des Gebotenen ist einfach grandios. Berlin ist es wert, dass man es im Wortsinne e r l e b t .

Nun kann man unschwer daraus ableiten, dass das hier Gesagte für jedes Reiseziel Gültigkeit besitzt.

Haiku: Süsses

Quelle: Journalistenwatch.com

Diesem Honigdachs
klebt ums Maul viel Bienenwachs.
„Süss“ ist ungesund.

Herbst

Die letzten Sommertage sind längst gelebt.
Mein Baum erinnert sich an vergangene Jahre
und versucht mit Sorgfalt,
sein Sommerkleid abzulegen.
Und der Wind beginnt mit seinem Blätterspiel.
Ich öffne Türen und Fenster.
Kühle Luft durchstreift das Haus
und flüstert „Winter, Winter!“.
Es greift tief, greift in mein Inneres
und trägt meine Gedanken fort
nach Süden, nach Süden ……….

Leben 28

„Nenne es geschmacklos, nenne es rücksichtslos, oder nenne es einfach böse – ich nenne es nützlich, gelegentlich ein Tabu zu missachten, wie jenes zum Sterben.“

Dies ist der Beginn für einen Beitrag, an dem ich gescheitert bin. Warum gescheitert? Ich wollte locker unf flockig über den Tod schwadronieren, zum Beispiel den Tod an dem Geruch eines Stücks Kuh festmachen, der aus meinem Schmortopf entsteigt, elegant überleiten zum Leichenschmaus, jener Veranstaltung für Hinterbliebene und Freunde, mit der man das eigene Überleben feiert, um schliesslich beim Erbschaftsstreit zu enden, bei dem die Kuh aus dem Spiel ist, und wo dennoch Blut fliessen kann, wenns um die Sammeltassen geht.

Beim Versuch, das zu beschreiben, habe ich unversehens die heitere Seite aus dem Blick verloren, und der Text wurde angemessen ernst.
Gott bewahre, so nicht! Wo ist nochmal die DELETE-Taste?

Ich bekenne: Ich habs nicht hingekriegt. Ist mir noch nie passiert ….

Aphorismus 17

Nicht das Haben und Tun macht glücklich, sondern die Wertschätzung des Denkens, des Tuns und des Besitzes.

Aphorismus 16

Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.

Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), deutscher Physiker und Meister des Aphorismus

(Zitat aus dem Handbuch der Bundesregierung für Polit-Anfänger, Kapitel 7 – Transparenz)

Leben 27

Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als daß gute Menschen gar nichts tun.

Edmund Burke, (1729-1797)

Früher war alles besser? Dass ich nicht lache! Wenn ich dieses Zitat auseinander nehme, so bleibe ich an einem neuralgischen Punkt hängen. Es ist die Frage, warum gute Mneschen nichts tun.

Darf man einen Menschen „gut“ nennen, der nichts für die Gemeinschaft tut? Oder der Unmengen Bier trinkt, um die Arbeitsplätze einer Brauerei zu sichern? Blödsinn!

Ich korrigiere Mr. Burke. Richtig ist

Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als dass Menschen gar nichts tun.

Nun geht’s von vorne los. Warum tun Menschen garnichts? Steckt dahinter eine krankhafte Entwicklung? Etwa der moralische Zerfall einer Gesellschaft? Ich lege mich fest mit meiner Antwort: Ja. So isses. Wenn die Toleranzgrenze überschritten ist, und man sich in seiner Wohnung nur noch elend fühlt, packt man seine Sachen und zieht aus. Man entkoppelt sich, sucht einen neuen Platz zum Weiterleben ohne Schmerz. Und wer Glück hat, findet seinen neuen Liegeplatz in sich selbst.

Von aussen betrachtet: Es sieht aus, als sei man in krassen Egoismus abgeglitten. Tatsächlich waren Verzweiflung und Notwehr die Triebfeder für einen Rückzug auf eine geschützte Position.

Um konkreter zu werden: Man steht da in seinem kurzen Hemd, und soll Kreuze auf Wahlzettel malen für jene, deren Handeln oder Nichthandeln die Ursache des Exodus ist. Und im Hinterkopf rotiert der Spruch von den dummen Kälbern, die ihren Schlachter selbst wählen. Doch nicht genug. Man erwartet von mir, dass ich unsere Demokratie achte, eine Staatsform, die alles andere als demokratisch ist, ein Marionettentheater, das den Bürgern Demokratie vorgaukelt, während das Grosskapital die Richtlinien der Politik bestimmt.

Es fehlt mir nur noch, dass ich von politisch Ungebildeten mit „Kommunist“ beleidigt werde. Ich bin seit 60 Jahren bekennender, waschechter Sozialdemokrat, dem man seine Partei gestohlen hat.
So sieht’s aus!

Nach dem Regen

Regen? Das war vorhin.
Die Sonne hat sich den Himmel zurück geholt.
Die dunkle Wolke ist weitergezogen.
Sie hinterlässt der Sonne nasse Spuren,
einen flüchtigen Mikrokosmos,
der eigenen Regeln folgt.

An einem Zweig hängen zwei Regentropfen.
Ein Sonnenstrahl umschmeichelt sie
und hat doch nichts Gutes im Sinn.
Warme Erde duftet.
In den Tropfen bricht sich das Sonnenlicht,
sie funkeln verführerisch gleich Diamanten.

Unverhofft trifft ein Besucher ein.
Ein Vogel lässt sich nieder,
und der Zweig neigt sich, zeigt nach unten.
Bewegung bestimmt nun die Szene.
Beide Tropfen rinnen die Schräge hinab
und treffen sich vereint an einer Knospe.

Zwei Regentropfen sind verschwunden.
Ein grosser Wassertropfen kämpft und verliert.
Fällt zu Boden,
und befeuchtet den Sand gierig Korn für Korn.
So haben die Regentropfen erneut ihre Gestalt verändert
sind in viele kleinste Tropfen zerfallen.

Ein Beobachter erkennt:
Man bedenke seine Schwächen.
Beim Aufstieg, dem Grösserwerden halte Mass,
denn je grösser man wird,
desto höher ist das Risiko zu fallen,
und der Sand unter den Füssen ist kein Freund.