Leben 13

Ich weiss: Ich bin nicht besser. Ich bin statistischer Durchschnitt. Es besteht kein Grund, stolz zu sein, oder gar überheblich.

Ich habe ein Haus gebaut, Kinder gezeugt und Bäume gepflanzt. Mehr kann die Gesellschaft nicht verlangen. Oder etwa doch?

Wenn ich, wie im Moment,  mit mir allein bin, denke ich, und das würde ich nie aussprechen, ich denke also, dass meine Weltsicht doch sehr in Schieflage geraten ist. Ich erkläre das nun mit der  Maslowschen Bedürfnispyramide:

Der Mensch strebt nach oben. Wenn er erfolgreich war, also die nächste Stufe der Pyramide erreicht hat, vergisst er die unteren Stufen.

Haben reicht ihm nicht, er lebt im Wollen, also im Mehrwollen. Sein Ego suggeriert ihm, Bescheidenheit sei eine Schwäche. Wenn er auf einer Stufe hängen bleibt, so hat er ein Riesenproblem, denn das Erreichte hat scheinbar seinen Wert verloren.

Ich bin mir nicht sicher, aber das hier skizzierte Verhalten ist womöglich die Begründung für meine eingangs genannte Schieflage. Neben dem Marsch durch Maslows Pyramide und den wahrgenommenen Schwächen und Katastrophen unserer Gesellschaft existiert viel Positiva. Wir erleben die Wunder der Natur, wir erleben altruistisches Handeln, wir erleben unsere Kultur, unsere Familie usw.

Und wir erleben die Positiva in unserem selbstgebauten Weltbild nicht als Werte, sondern als alltägliche Selbstverständlichkeit. Diese verdammte Kinderbalkenwaage ist auf der rechten Seite mit dem Bösen besetzt, und auf der linken Seite fehlt das Gegengewicht, das Gute. So in Schieflage  eilen wir in unsere Kneipe und nehmen am Stammtisch Platz.

Leben 12

Zitat:

„Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit, auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen.Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wirin der Öffentlichkeit nie darüber reden. (…) Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – „Das jüdische Volk wird ausgerottet“, sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen eines Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen.“

Auszug aus der berüchtigten Rede Heinrich Himmlers vor hohen SS-Führern in Posen am 4. Oktober 1943 zum Narrativ des gesunden Volkskörpers.

Dieses Zitat ist für Verspielte gedacht, die es mögen, an die Stelle des Jüdischen andere Begriffe zu setzen, etwa Afro-Amerikaner, oder  Migranten, und die statt Ausrottung das Wort Abschiebung verwenden möchten.

Leben 11

Apokalypse

Es geschah an einem sonnigen Vormittag. Die Sonne schien, und die Menschen gingen ihrer gewohnten Arbeit nach. Die dunkle Wolkenwalze war schnell, bedeckte den Himmel lückenlos, und färbte ihn schwarz. Die Reaktion der Menschen auf dieses Phänomen reichte von besorgt bis zu Angst. Und die Hälfte der Hamburger Bürger wusste um die Ursache. Sie erklärten ungewohnt lautstark, es sei Vulkanasche unterwegs, und sicherlich sei nun auf Island die Hölle los. Man eilte nach Hause und suchte nach Informationen bei einem der vielen Fernsehsender, im Radio, im Wetterbericht der BILD, durchsuchte das Internet zumThema Jetstream und so weiter, und so fort. So verging der Rest des Tages, und die folgende Nacht war wie immer, also auch beruhigend.

Die Sorge setzte sich fort nach dem Erwachen, denn es wollte einfach nicht Tag werden. Der Himmel blieb schwarz, und – das war nun neu – alle draussen geparkten Autos waren einheitlich grau. Ebenso grau hatten sich die Fliesen eines Balkons eingefärbt. Der Besitzer strich mit dem Finger darüber und registrierte: Vulkanasche. Sahara ist eher rostfarben. Rasch zog er sich zurück in seine Wohnung, denn draussen war es kalt geworden. Sein Thermometer meldete ihm 9° C im Hochsommer. Plötzlich hatte er gegen eine Panik anzukämpfen. Er wusste, irgendwo ist irgendetwas Fürchterliches geschehen. Bei der ersten Tasse Kaffee suchte er die ihm bekannten kritischen Orte zusammen und schrieb sie auf einen alten Briefumschlag. Da ist Tschechien, also die Gegend um Karlsbad. Liegt im Osten, aber die Wolke kam aus West. Dann müsste sie 1 x um den Globus gewandert sein, und wir hätten längst davon erfahren. Also weiter. Die Vulkan-Eifel? Er rief einen Freund aus Adenau an. Der legte sofort los: Habt Ihr auch die Sauerei mit der Asche und einen schwarzen Himmel? Zur selben Zeit berichtete der Bayrische Rundfunk über den Zustand Bayerns, der dem Hamburgs bis aufs Haar gleicht. Die Bayern vermuten des Übels Wurzel allerdings in Italien; den Neapolitanern seien wohl die Phlegräischen Felder um die Ohren geflogen! Der Hamburger lächelte müde. Wäre es so, dann hätten die Alpen vermieden, dass Bayern grau gepudert würde. Nun kümmerte er sich um Island, indem er sein Radio auf NDR II ausrichtete. Von dort erwartete er zurückhaltende, hanseatisch gediegene Informationen – die ihm umgehend geliefert wurden. Island klagt über fehlendes Tageslicht und allzu viel Vulkanasche. Und Island bringt den Yellowstone-Nationalpark mit seinem Hotspot von 60 x 35 km  Ausdehnung mit einer oberflächen-nahen Magmablase von 46.000 Kubik-Kilometern ins Spiel. Der NDR reichte die isländischen Informationen übersetzt weiter an seine Hörer. Die erfuhren nun, dass man über viele Jahre den Ausbruch eines Supervulkans fürchtete, nachdem man feststellte, dass sich in der Yellowstone-Caldera der Boden unentwegt hebt und senkt.Ein solcher Vulkanausbruch würde ziemlich präzise jenes Bild erzeugen, das man nun in Europa als Realität hinnehmen muss.

Strittig bleibt, wie lange die Vulkannacht über Hamburg bestehen bleibt, und ob es in der Zwischenzeit zu einer kleinen Eiszeit kommen wird. Unbestritten ist jedoch die Tatsachen, dass Europa auf solche Katastrophen nicht vorbereitet ist. Und sollte uns die Sonne zwei Jahre lang nicht zur Verfügung stehen, so wird die Versorgung mit Nahrungsmitteln für  Mensch und Tier kritisch, wenn nicht gar unmöglich.

Über Idaho und die USA mag man nicht nachdenken. Die Details bleiben uns jedoch nicht erspart, und wir werden auch diese Kröte noch schlucken müssen.

Licht und Schatten

Ich bin so dumm wie Bohnenstroh
So sehn wir mich schon immer.
Und dennoch gut gelaunt und froh.
Wieso? Hab keinen Schimmer!

Mal tue ich dies, mal tue ich das!
Ganz wie der Zufall will.
Ich fühl mich wie ein leeres Fass
und mein Verstand steht still.

Nur ab und an geht es mir schlecht,
die Tage werden licht!
Ich rede, habe immer recht –
und mein Verstand erbricht.

Stürmisch

Draussen tobt ein Sturm.
Drinnen Grabesruh.
Am Berg hoch oben steht der Turm
unten im Tal steht eine Kuh.

Der Sturm dreht auf, und es gelingt:
er brüllt, der Turm fällt um.
Die Kuh steht fest, ihr Euter schwingt.
Aber sie leidet stumm.

Dann geht der Sturm, es kommt der Knecht
die Milch war wieder mal sein Ziel.
Nun stellt er sich die Kuh zurecht,
erwartet von ihr viel zu viel.

Die Kuh verweigert jetzt das Futter.
Nur Buttermilch tropft aus dem Maul.
Im Euter hat es leider Butter.
sie hustet wie ein kranker Gaul.

Zu retten ist da garnichts mehr.
sie ist nun auf dem Weg zur Suppe.
Das Butter-Euter ist jetzt leer –
dem Bauern ist der Rest nun schnuppe.

Babel

Pieter Breughel der Ältere

Wer so vermessen ist, den Weg nach oben, the stairway to heaven zu nehmen,
wird nicht zu seinem Gott gelangen, sondern zu sich selbst. Ein erster Versuch dieser Art war der Versuch Babylons, gegen Gottes Gebot einen Turm zu bauen,um den Zerfall ihres Gemeinwesens zu verhindern und ihrem Gott nahe zu sein.
Ihr Gott allerdings war wenig erbaut und strafte Babylon mit Sprachverwirrung.
Kommunikation war nur in den Gruppen gleicher Sprache möglich.
Gruppen trennten sich von Babylon und liessen sich anderswo nieder.
So entstand die Völkervielfalt auf dem Planeten Erde.

Leben 10

Melancholie

In Stein erstarrte Traurigkeit umgibt mich.
Ich gehe über leere Strassen durch Häuserschluchten,
Regen und Wind sind meine Begleiter.
Diese Nacht lenkt meine Schritte hin zum Ufer.

Mein Freund, der Fluss scheint unbeirrt.
Nur die Schwärze seines Wassers
will mich zu mahnen:
Sei bedacht, mein Freund! Leben ist kostbar!

Ich schaue zurück in die Strassen.
Laternen senden Licht ins Nichts.
Die Stadt wird nicht hell,
und auch nicht mein Gemüt.

Doch unversehens wischt Dämmerung
das Dunkel vom Tisch der Zeit,
und ein Vogel ruft nach der Sonne.
Sie wird auch mir mit Zuversicht begegnen.

Hoffnung bestimmt die nächsten Stunden.
Die Stadt erwacht, und Graues wird bunt.
Die Finsternis der Nacht weicht der Hoffnung.
Doch bleibt ein Zweifel, denn neue Nächte folgen.

Leben 9

Dieser, der erste August in 2019 ist ein Tag von jener Art, die ich nicht mag. Und genau dies ist der Grund, weshalb ich ihn in meinem Bild meines Lebens besonders hervorhebe. Dieser Tag ist ein Musterbeispiel. Ein Paradigma, wie man es bildungssprachlich bezeichnet (igitt!), also ein Beispiel für eine Phase Leben, in welcher man viel getan, aber nichts geschaffen hat. Ich verbessere: Gefühlt nichts geschaffen hat. Es sind doch immer wieder die kleinen, täglichen Pflichten, die das Bild verderben und das Gefühl vermitteln, man habe an diesem Tag umsonst gelebt.

Diese Formulierung ist natürlich eine Übertreibung. Ich habe durchaus Ergebnisse erzielt. Nur sind sie nicht ansehnlich. Sie kommen daher in Mimikry – grau in grau, motivieren nicht, repräsentieren den 1. August nicht, kurz: sie sehen aus, als hätte es sie nie gegeben, oder positiver gesagt, sie haben wenigstens keinen Schaden angerichtet.

Nun könnte man mir vorhalten, ich hätte keinen Grund zum Meckern, nur weil ich mal einen halben Tag mit Belanglosem verbracht habe.

Ich würde allerdings mit eindringlicher Schärfe entgegenhalten: Ja, das ist richtig. Dann sagt mir das Gegenüber: Und morgen ist auch noch ein Tag, und den kannst Du doch nach Gusto gestalten! Und ich antworte: Auch das ist richtig. Aber morgen ist nicht der 1., sondern der 2. August, und ob ich morgen in der Frühe wieder aufwache, ist auch noch nicht sicher, und ich habe gelernt, ich sollte in meinem fortgeschrittenen Alter jeden Tag so leben, als wäre es der letzte!

Ich triumphiere. Der sagt nun nichts mehr, sondern starrt mich nur noch an. Ich starre zurück und erschrecke. Habe garnicht bemerkt, dass ich vor meinem grossen Spiegel stehe. Ich grinse, und der Kerl gegenüber grinst zurück – mit Recht. Der weiss genau, was für heute abend angesagt ist. ich schildere das nun mit Vergnügen: Ich schiebe zwei Brötchen in den Backofen und serviere sie mir mit ein wenig Krabbensalat, einigen Shrimps in Knobi-Öl und einem Stück Meraner Weinkäse, und dazu trinke ich einen gut gekühlten Rosé. Endlich, gegen 8 Uhr kommt mein Fernseher zum Einsatz. Ich werde das Bildungsprogramm des ZDF mit Genuss wegschalten, einen Krimi im Ersten anschauen wegen guter Kritik, auf diese Weise auf Panorama warten und dann Daphne de Luxe geniessen, ein bissiger, aber dennoch freundlicher Kubikmeter der Comedie-Branche. Dann, wenn nichts mehr geht, und ich habe noch einen Schluck Rosé in der Flasche, werde ich meine aufgestaute Aggression abbauen, indem ich meinen Konto-Auszug des Monats Juli nach Fehlbuchungen durchsuche. Danach bin ich mit der Welt im Reinen und werde friedliche 4 Stunden in den 2. August hineinschlafen. Dann bin ich in der Lage, die Folgen meiner Prokrastination zu beseitigen. So hoffe ich. Ich hab da so ein paar Leichen im Keller, über die ich nicht reden mag. Schreiben schon garnicht.