Pamphlet über Selbstfindung

Wenn ich nichts zu sagen habe, halte ich die Klappe dicht. Irgendwer hat mir das beigebracht. Mag sein, meine Mutter, oder das Leben – egal. Wenn ich dann einen Kommentar lese wie „Oh wie schön!“, so braucht es eine Extraportion Toleranz aus dem Fass in der Ecke, um nicht pöbelig zu werden. Und just die gleiche Situation ergab sich vorhin, als ich in einem Blog lese, man biete die Kommentarfunktion nicht an, weil manche Leser glauben, kommentieren zu müssen. Einen sehr gelungener Beitrag über Religion und Selbstfindung hätte ich gerne mit „Oh wie gut!“ kommentiert!

Selbstfindung als Ziel bei hohem Aufwand an buddhistischer Meditation oder christlichem Pilgern etwa auf dem Jakobsweg ist recht nebulös formuliert. Anscheinend möchte man sich in sich selbst so weit vertiefen, dass man Vermisstes findet und an die Oberfläche befördert, wo es hingehört. Und hat man etwas Positives gefunden und ist sich dessen bewusst geworden, dann freut man sich wie Bolle. Was aber, wenn man Negatives findet? Helmut Qualtinger: “Der Mensch ist eine Sau!“ Solche Dinge lassen wir dann dort, wo wir sie entdeckt haben? Geht das überhaupt? (Zugegeben, das ist nun ein wenig polemisch.)

Nun, ich meine, eine gelungene Selbstfindung ist ein gelungener Selbstbetrug.

Wer sich ehrlich bemüht, kann in der Tat neue Seiten an sich kennenlernen. Er kann sich besser kennenlernen, aber niemals gut. Wie das? Sich selbst wahrzunehmen ist ein bewusster Prozess. Nun existiert unbestritten eine andere Kraft, das Unterbewusstsein. Wenn Bewusstsein und Unterbewusstsein addiert werden, und wir unterstellen hilfsweise Volumina von 100%, so entfallen auf das Bewusstsein maximal 10%.

Der klägliche Rest von 90% ist Unterbewusstsein. Und genau dort spielt die Musik. Und wir haben keinen Zugriff!

Die hier angedeutete Regelung schützt uns vor Überforderung. Wir haben jene Menge im Zugriff, die wir ertragen können. Bewusstseinserweiterung mit Hilfe von Drogen, Alkohol und anderen Zeug führen direkt in die Katastrophe. Siehe Ohr ab Van Gogh, Toulouse-Lautrec und andere, wie die Absinth-Trinker.

Und nun sage ich meine Meinung dazu in populärer Art und Weise:

90% meiner Persönlichkeit entziehen sich meinem Einfluss, und ich bastle an den lausigen 10% Bewusstsein herum.

Das ist scheinbar lächerlich, bezogen auf die Zielsetzung.

Nun kommt der Esotheriker ins Spiel. Er führt aus, man könne mit bestimmten Methoden wie der Meditation das Unterbewusstsein erschliessen und Nützliches nach oben ans Tageslicht befördern. Ich gestehe, dann hat man mich erwischt. Ich weiss darüber nichts. Aber ich weiss, dass es einen Datenverkehr zwischen beiden Bewusstseinsebenen geben muss. Schliesslich reden wir von Erinnern und Vergessen. Wir alle kennen das: Wir haben etwas Wichtiges vergessen. Dann poppt ein Stichwort auf, wir erinnern, und es kommt aus dem Keller gleich der gesamte Kontext mit hoch. So weit gehe ich mit. Aber ich lehne die Vorstellung ab, dass man mittels Meditation das Unterbewusstsein auflösen kann, um es zu bearbeiten, es praktisch auszumisten. Wem das je gelingt, der landet binnen 4 Wochen in der Geschlossenen. Oder er läuft ohne Ohren durchs Land.

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