Leben 16

Man hört immer wieder einmal das Gleichnis mit dem halbvollen Glas Wasser. Damit verbindet man eine Sichtweise. Schliesslich kann das Glas Wasser auch halbleer gesehen werden. Nun kommt der schlaue Rhetoriker und stellt die beliebte Frage: Ist es halbvoll oder halbleer?

Der schlaue Pragmatiker weiss die einzig richtige Antwort: Beides. Basta. Die Attacke des Rhetorikers endet im Nichts. Warum ist diese Denke so schlicht? Es liegt auf der Hand: Das Streitobjekt ist messbar.

Ein anderer Fall. Ich stelle mich vor einen grossen Spiegel und betrachte mich emotionslos.
Schliesslich frage ich den Menschen, der mich kritisch anschaut:
Was meinst Du? Bin ich stark mit einigen Schwächen,
oder bin ich schwach mit einigen Stärken?

Der Mensch im Spiegel stellt zunächst fest, dass hier nichts gemessen werden kann.
Das ist garnicht gut. Aber ich will es auf die Spitze treiben und verlange eine Entscheidung.
Also wende ich mich von dem Spiegel ab, gehe in meine Küche und bestimme: Ich bin stark, mit ein wenig Schwäche.
Man ist ja Mensch, also nicht perfekt.

Danach stellt sich ein bisschen Unwohlsein ein. Das eben war wohl ein Akt der Selbstüberschätzung!
Eigentlich müsste ich zur Absicherung einen oder zwei Nachbarn abfragen.
Allein der Gedanke erschreckt mich. Ich fürchte ihre Antworten.

Jetzt trete ich wieder vor den Spiegel.
Und der Mensch im Spiegel stellt in gebotener Sachlickeit fest:
Hättest Du die Nachbarn befragt, so würde ich Dich stark nennen.
Wenn Du das geschafft hast, kannst Du wieder kommen und in den Spiegel schauen. Und jetzt verzisch‘ Dich!

Was ist nun der Nutzen aus dieser Betrachtung?
Nun, Rhetorik ist bekanntlich die Kunst der Rede.
Und nicht jeder ist als Künstler geboren worden.
Rhetorische Redewendungen müssen gut plaziert werden.
Wenn Du das nicht kannst – Finger weg von den verbalen Tricks!
Falsch verwendet können sie kleine Katastrophen auslösen.
Stelle Dich öfter vor einen grossen Spiegel.
Diese kalten Dinger sagen oft die Wahrheit über Dich.
Und noch eines:
Hüte Dein Selbstwertgefühl wie Deine Augäpfel!

Ach ja! Da fehlt noch eine Antwort zur Frage von Stärken und Schwächen.
Hier ist sie: Beides. Basta.

5 Antworten auf “Leben 16”

  1. Manche Redewendungen habens wirklich in sich und ich denke, dass viele davon zumindest für sich selbst ganz individuell umgesetzt werden können, auch sollten.
    Dein Beitrag dazu ist sehr interessant und brachte mich auch bissl zum schmunzeln.🙂
    Liebe Grüße von Hanne

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    1. Liebe Hanne, ist das ein Tadel? Wenn ja, bitte ich um Nachsicht, aber so rede ich mit mir nun mal, besonders wenn ich selbstironisch gesinnt bin. Und schliesslich möchte ich unterhalten! Wenn jemand über meinen Texten einschlafen soll, dann bin ich das, der das darf. Ich schreibe sowas fix runter, und mache dann die „Jus primae noctis“ für mich geltend, indem ich hinweg dämmere und erst danach die Tippfehler suchen gehe.
      Herzlichen Gruß! Roland

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  2. Lieber Roland, genau das Gegenteil sollte eigentlich rüber kommen!
    Deine Texte gefallen mir immer sehr gut und bei diesem hier musste ich auch schmunzeln, weil eine sehr schöne feine Ironie darin zu lesen ist.🙂
    Die Tippfehler in meinen Beiträgen darf auch jeder behalten wer sucht und sie findet und alles ein Kann aber nichts ist ein Muss bei WP, gelle.
    Herzliche Grüße auch an dich 🌻

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