Leben 9

Dieser, der erste August in 2019 ist ein Tag von jener Art, die ich nicht mag. Und genau dies ist der Grund, weshalb ich ihn in meinem Bild meines Lebens besonders hervorhebe. Dieser Tag ist ein Musterbeispiel. Ein Paradigma, wie man es bildungssprachlich bezeichnet (igitt!), also ein Beispiel für eine Phase Leben, in welcher man viel getan, aber nichts geschaffen hat. Ich verbessere: Gefühlt nichts geschaffen hat. Es sind doch immer wieder die kleinen, täglichen Pflichten, die das Bild verderben und das Gefühl vermitteln, man habe an diesem Tag umsonst gelebt.

Diese Formulierung ist natürlich eine Übertreibung. Ich habe durchaus Ergebnisse erzielt. Nur sind sie nicht ansehnlich. Sie kommen daher in Mimikry – grau in grau, motivieren nicht, repräsentieren den 1. August nicht, kurz: sie sehen aus, als hätte es sie nie gegeben, oder positiver gesagt, sie haben wenigstens keinen Schaden angerichtet.

Nun könnte man mir vorhalten, ich hätte keinen Grund zum Meckern, nur weil ich mal einen halben Tag mit Belanglosem verbracht habe.

Ich würde allerdings mit eindringlicher Schärfe entgegenhalten: Ja, das ist richtig. Dann sagt mir das Gegenüber: Und morgen ist auch noch ein Tag, und den kannst Du doch nach Gusto gestalten! Und ich antworte: Auch das ist richtig. Aber morgen ist nicht der 1., sondern der 2. August, und ob ich morgen in der Frühe wieder aufwache, ist auch noch nicht sicher, und ich habe gelernt, ich sollte in meinem fortgeschrittenen Alter jeden Tag so leben, als wäre es der letzte!

Ich triumphiere. Der sagt nun nichts mehr, sondern starrt mich nur noch an. Ich starre zurück und erschrecke. Habe garnicht bemerkt, dass ich vor meinem grossen Spiegel stehe. Ich grinse, und der Kerl gegenüber grinst zurück – mit Recht. Der weiss genau, was für heute abend angesagt ist. ich schildere das nun mit Vergnügen: Ich schiebe zwei Brötchen in den Backofen und serviere sie mir mit ein wenig Krabbensalat, einigen Shrimps in Knobi-Öl und einem Stück Meraner Weinkäse, und dazu trinke ich einen gut gekühlten Rosé. Endlich, gegen 8 Uhr kommt mein Fernseher zum Einsatz. Ich werde das Bildungsprogramm des ZDF mit Genuss wegschalten, einen Krimi im Ersten anschauen wegen guter Kritik, auf diese Weise auf Panorama warten und dann Daphne de Luxe geniessen, ein bissiger, aber dennoch freundlicher Kubikmeter der Comedie-Branche. Dann, wenn nichts mehr geht, und ich habe noch einen Schluck Rosé in der Flasche, werde ich meine aufgestaute Aggression abbauen, indem ich meinen Konto-Auszug des Monats Juli nach Fehlbuchungen durchsuche. Danach bin ich mit der Welt im Reinen und werde friedliche 4 Stunden in den 2. August hineinschlafen. Dann bin ich in der Lage, die Folgen meiner Prokrastination zu beseitigen. So hoffe ich. Ich hab da so ein paar Leichen im Keller, über die ich nicht reden mag. Schreiben schon garnicht.