M. Walsers „Meßmer“

„Keiner sieht von außen das Netz von Rissen, das Meßmers Leben durchzieht wie ein Nervensystem. Es sind aber Risse. Man wundert sich, dass alles noch zusammenhängend aussieht und immer noch zusammenhält. Aber es hält ja längst nicht mehr zusammen. Er hält es zusammen.“

aus: Martin Walser. Meßmers Gedanken (1992)

Dieses Zitat las ich soeben im Blog von Gedankenbunt, und fühlte mich sofort vorgeführt. Ich bin Messmer. Ich weiss das, und ich akzeptiere das. Warum? Jeder ist MESSMER. Das Leben selbst fügt sich diese Risse zu.

Ursache sind einerseits Prozesse wie zum Beispiel das Altern, und andererseits die Sensibilität, also das Ausmass der natürlichen Verletzbarkeit einer Seele. Damit entwickelt sich eine Dramatik, die in einer Katastrophe enden kann.

Die Zerrissenheit einer menschlichen Persönlichkeit bleibt zunächst unbemerkt und wird erst mit dem Beginn schmerzhafter Reaktionen pathologisch. Dann muss man von einer Katastrophe reden.

2 Antworten auf “M. Walsers „Meßmer“”

  1. Sehr interessanter Beitrag, der mich zum Nachdenken bringt, Roland. Keiner sieht die Risse die im Leben entstehen, weil sie nicht nach außen getragen werden!? Oder will sie keiner sehen, weil jeder nur noch auf sich selbst bedacht ist!? Oder weil die Menschen immer gleichgültiger werde!?
    Gäbe so viele Überlegungen dazu und las auch immer wieder mal ähnliche Themen in interessanten Blogs, die zu denken geben und teils auch bissl Angst machen.
    Liebe Grüße von Hanne

    Gefällt 1 Person

    1. Ich denke ein wenig extremer. Die Risse in unserem Leben bemerken wir selbst nicht, bzw. wir spüren sie, nennen sie aber anders. Ein Beispiel aus der Praxis. Gestern rief meine Tochter an: Auto kaputt, Kuplungsschaden, kostet 750.
      Ich habe die Schnauze voll von Hyundai und wechsle zurück zu Toyota! Der Riss heisst: Ich vertraue Hyundai nicht mehr.
      Nun haben wir hier einen Einzelfall. Aber über ein langes Leben geschehen viele Einzelfälle, also viele Risse. Sie sind Gift in einem Giftdepot, und die Summe macht irgendwann krank. Wie bei Messmer hält das Ganze irgendwann nicht mehr und droht zu zerbrechen. Man bemerkt das plötzlich, ist evtl. depressiv und deshalb bemüht, das nunmehr entdeckte Risse-System mit Kraftreserven zusammenzuhalten. Soweit M. Walser in seinem Alter ego, dem Herrn Messmer.
      Fragte man mich, was man dagegen zun müsse, so komme ich ins Trudeln. Mir fällt ein:
      1. Den hier geshilderten Prozess kennen und verstehen.
      2. Die Erkenntnis ist kein Angstmacher, sondern hilfreich.
      3. Jedes einzelne Ereignis sauber, also ehrlich aufarbeiten. Ich nenne das Entgiften.
      4. Erinnern, das der Depotinhalt Vergangenheit ist ud die Schäden längst weggelebt sind. Und
      5. Mit dem Positiven ähnlich sorgfältig umgehen wie mit dem Negativen.

      Und nun, liebe Hanne, koche ich mir etwas für meinen Futternapf.
      Herzlich grüßt
      Roland.

      Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.