Der Blick in den Spiegel

Eigenliebe

Wenn ich vor einen Spiegel trete und hineinblicke, so weiss ich, was mich erwartet. In guter Stimmung sehe ich einen rüstigen Alten mit Silber auf dem Schädel, der ausschaut, als hätte er gestern noch mit Reinhold Messner das Matterhorn bestiegen. Ja, wir wissen es. Spiegel sind geschwätzig und zugleich verschwiegen; ich und das Matterhorn – im Rollstuhl etwa?

Bin ich dagegen nicht gut drauf, so wird der Spiegel an mich weitergeben, dass ich wieder einmal den lahm getretenen Dackel gebe, auch eine meiner Lieblingsrollen. Ich bade dann ein Minütchen in meinem Elend und krieche anschliessend in die Küche zum Kühlschrank. Ich habe gelernt, solche Situationen rufen …… nein, sie brüllen los, Kompensation fordernd.

Bis dahin ist alles noch irgendwie normal, gut zu verarbeiten, und meist konfliktfrei. Pass auf, jetzt kommts. Ich kann meinen Spiegel auch abhängen, und anderen Leuten hinhalten. Ich fordere von ihnen ….. nein ….. ich zwinge sie, sich selbst zu sehen. Und das ist nun garnicht beliebt.Was geht da ab?

Erst mal ist es unfein, so etwas zu tun.
Aber Spiegel lügen nicht.
Wenn mir ein Spiegel sagt, ich sei ein asoziales Arschloch, dann ist es auch so.
Wenn der Spiegel sagt, man sei dumm wie 100 m Landstrasse, dann ist es wohl wahr.
Vielleicht sagt der Siegel: Wache auf, Dumpfbacke!
Oder er spricht: Bleib dran, es ist wichtig!
Oder: Denke nach, Du hast ein Hirn im Kopf!
Entscheide Dich! Links oder rechts entlang!

Die aufgezwungene Spiegelschau ist stets unbequem. Der Spiegel fordert. Baut Druck auf. Erzwingt Stellung beziehen und Handeln.
Spiegel sind unbarmherzig. Brutal offen. Sie senden virtuell Signale direkt in die Hirne der Betrachter.

Man dreht im Haus auch die Spiegel um, wenn man einen Toten zu beklagen hat, damit der vorbei huschende Tod nicht glaubt, es wäre misslungen und er müsste noch eine zweite Seele abernten.

Ich meine, man sollte mit Spiegeln trotz aller Bedenken sorgsam umgehen. Sie sind zerbrechlich, wie wir selbst.