Begegnung

Nein, es war keine regennasse, kalte und tiefdunkle Nacht, in der ich eine neue Seite des Daseins kennenlernte. Es war ein sonniger, warmer Frühsommertag, und das Schicksal erwischte mich eiskalt, und unspektakulär. Ein Mann schlief ein, schlug mit dem Schädel auf das leder-gewandete Lenkrad, der rechte Fuss verlor den Kontakt mit dem Gaspedal, und ein dunkelblauer Daimler rollte langsam aus und blieb schliesslich stehen.

Ich selbst beobachtete die Szene im Rückspiegel meines eigenen dunkelblauen Daimlers, nahm den Fuss vom Gas und stand irgendwann so um 50 m weiter vorne. Besorgt verliess ich mein Fahrzeug und ging rasch nach hinten, um nach dem anderen
Fahrer zu sehen. Ich stellte zweierlei fest. Dieser Autofahrer war tot.
Kein Puls, kein Atem, nichts. Und dieser Autofahrer – das war ich selbst. Bei der Kontrolle seiner Person hielt ich meine eigene Brieftasche in der Hand. Ich holte meine hervor und verglich. Sie waren bis ins letzte Detail identisch.

Während ich nun über meine mysteriöse Situation nachdachte, bewegte der Tote seinen Kopf zur Seite, sah mich durchdringend an, und starb endgültig. Mit seinem Leben verlor ich meine Brieftasche, und der vorne geparkte Daimler löste sich in dunkelblaue Aerosole auf. Ich hatte also meinen Tod erlebt und stand nun bei meiner eigenen Leiche.

Er, also ich, vielmehr wir beide warteten nun auf Hilfe. Endlich kam der Erwartete, jener allseits beliebte und unbekannte tapfere Bauer auf seinem Fendt-Trecker vorbei, beäugte das Malheur und forderte über den CB-Funk Hilfe an. Ich habe dann den Bauern und die nun herbeigeeilten anderen Figuren aufmerksam beobachtet. All haben sich voll auf ihn, also auf mich im Daimler konzentriert. Ich, der lebende Tote wurde nicht registriert. Es war, als hätte man mich überhaupt nicht gesehen.

Es traf hart. Man existiert, und wird ignoriert. Und da war tatsächlich, für einen kurzen Moment, ein Anflug von Emotion spürbar, bis sich geforderte Gelassenheit über mir ausbreitete wie eine wärmende Felldecke im Winter. Ich verstand, dass der da, mein erstes Ich, mein Wirt nun in die Erde oder ins Feuer muss, während ich selbst, der Zweite, endlich, endlich auf unbestimmte Zeit frei bin. Nichts von dem, was ein Menschenleben so schwierig macht, kann mich noch treffen. Und alles, was ein Menschenleben so lebenswert macht, wird mir nicht mehr …..