Zustandsbericht

Lang ist’s her, seit man mir eingeredet hat, ich sollte einen Brief nicht mit „Ich“ beginnen. Diese Regel sitzt wie in Beton gegossen. Hier sitze ich, ich kann nicht anders. Was bleibt mir übrig, als mir unter linguistischem Schmerz Formulierungen abzuringen, die gefühlt von einem anderen Stern zu kommen scheinen. So, das wäre erledigt. Nun werde ich wieder ich selbst.

Wie wir alle wissen, gibt es ein Innen, ein Drinnen und ein Draussen. Ich erzä ….. nun habe ich mit „ich“ begonnen! Also ich erz ….. das Also liebe ich, es hilft einem alten Gaul über die Hürde! Also ich erzähle mal, wie es heute morgen in diesen 3 genannten Ecken bei mir aussieht. Aber ich warne: Wenn Du eine reisserische Reportage erwartest – klick weg, und gut ist’s.

Zum Innen:
Es ist ein Gefühl der inneren Leere vorherrschend. Ursache ist, dass ich wohl etwas Schlechtes gegessen hatte und deshalb die halbe Nacht im Badezimmer verleben musste. Die Folge: Ich bin beim Tippen am PC für gute 2 Stunden eingeschlafen, nach Altmänner-Art mit Kinn auf der Brust und einem Speichelfaden an der Unterlippe. Es ist das Bild eines Mannes, der in seinem Feierabendbier ertrunken ist. Nun, vor Wochen war es schlimmer. Ich wurde wach, wollte mir eine Mittagsmahlzeit gönnen, und die Uhr sagte, ich solle mir eine Leberwurststulle schmieren und die Tagesschau gucken. Die um 20 Uhr. Nun könnte es passieren, dass ich erst im März 2024 erwache und 252 „Tatorte“ verpasst habe, und die Welt der Katholiken hat einen neuen Papst, diesmal aus den USA und dem Umfeld von Kaiser Donald dem Ersten, Imperator rex americanum. Genau dann hört der Spass auf. Den Dollar selig sprechen wollen …. Sankt Dollar, der Geölte …. Märtyrer von Persien und Katar ….

Zum Drinnen:
Es ist unfair, dass man mich täglich zum Küchendienst einteilt, und das nur, weil ich Single bin. Ich nenne das diskriminierend. Man – wer ist das wohl? Ich kenne ihn nicht, habe ihn nie gesehen. Der arbeitet offenbar im Untergrund. Er hat auch meine Klo-Spülung auf Dauerbetrieb geschaltet. Es läuft und läuft. Also muss ich ständig am schwergängigen Eckventil drehen. Trinkwasser ist nun mal ein kostbares Gut. Ein Ersatzteil habe ich geordert. Mit etwas Glück das richtige. Scheitern wird die Reparatur an mir. Ich bin technisch so begabt wie ein Pflasterstein aus Graubasalt. Ein weiteres Problem: Meine Mutter hatte bereits vor 75 Jahren damit begonnen, mir Ordnung beizubringen. Das Trauma wirkt noch heute, also ist meine Bude sauber und aufgeräumt. Nur meine Garage nicht. Sie gehört mir nur noch auf dem Papier. Zählt eh zum Draussen.

Zum Draussen:
Wie anderswo erzählt hat die Familie beschlossen, naturnah zu gärtnern. Das bedeutet, dass die Grosspflanzen wegen der Vogelbrut nicht beschnitten werden. Die Rasenfläche ist nur zum Teil gemäht. Ca. 75% sind Wildnis. Aber dort wächst Blühendes in Blau, Gelb und Lila.
Dort fliegen Insekten aller Art, also endlich auch wieder Hummeln. Falter sind noch dünn gesät, aber ein Anfang ist da. Tja, und meine schönste Distel misst mittlerweile knapp 180 cm (Höhe, nicht Breite). Zu allem Glück war heute ein Spatz zu Besuch. Der erste seit 14 Monaten.
In meinem Garten sieht es aus wie – um eine Metapher zu benutzen – wie bei Luis Trenker im Rucksack. Unter der Last seiner Blüten ist auch noch ein Rosenstrauch zusammengebrochen.
Um der Frage zuvor zu kommen: Nein. Eine Rotte Wildschweine wurde hier noch nicht gesichtet. Wenn es sie im Alten Land je gab, so haben die Obstbauern den Bestand längst weggefressen.
Ich lebe hier seit 37 Jahren. In dieser Zeitspanne sind verschwunden:
Rehe und Bussarde, Eulen und Käuze, Hermelin und Igel, Mäuse, diverse Vogelarten, diverse Schmetterlingsarten, Wildbienen und Wespen, und allerlei Insekten, Libellen, Fledermäuse und unser Hund.
Geblieben sind Ratten, Kröten, der Bisam und die Braune Wegeameise.
So sieht’s aus.