Unsere dunkle Seite

Man nennt den Prozess der Eingliederung eines Menschen in die Gemeinschaft Sozialisation. Ziel ist seine Unterordnung.

Bei der Individuation verläuft der Prozess in umgekehrter Richtung. Der Mensch erkennt sich selbst und damit seine Verschiedenheit zu anderen. Ziel ist seine Befreiung.

Die beiden Prozesse verlaufen parallel, und in gegensätzliche Richtungen. Der eine schliesst den anderen nicht aus, denn jeder bewegt sich auf seiner eigenen Linie.

Allerdings beeinflussen sie sich gegenseitig, funktionieren wie kommunizierende Röhren. Gemeinsames Ziel ist Ausgewogenheit.
Aber wie verhält es sich nun mit der dunklen Seite des Menschen? Für ihre Entwicklung ist ein dritter Prozess verantwortlich, der die beiden erstgenannten wiederum nicht auschliesst, sondern ergänzt und der dazu in Wechselwirkung steht.

Die dunkle Seite des Menschen ist Teil seiner Natur. Sie ist seine einzige wirklich starke, natürliche, charakterprägende Veranlagung. Man kann sie als Egoismus in seiner reinsten Form verstehen.

Sozialisation und Individuation bewirken eine Modifizierung dieser dunklen Seite. Die Interaktion dieser drei Linien ziehen Interferenzen nach sich, konkrete Konflikte.

Ob ein Mensch „gut oder böse“ wird, entscheiden  jene Kräfte, die von aussen auf die Entwicklungsprozesse einwirken.
Die Verdrängung des Bösen im Menschen gelingt niemals vollkommen. Und sie scheint flüchtig. Ihre dauerhafte Wirkung ist abhängig von der Dauerwirkung der Gegenkräfte.
So entsteht ein individuelles, fragiles Konstrukt.

Andere exogene Einflüsse lassen es gelegentlich schwanken, oder bringen es gar zum Einsturz. Dann wird die „Bestie Mensch“ geweckt.
Besser: Die Bestie wird freigesetzt.
 
Tre figlie e una madre,  quattro diavoli per un padre! (Toskanisches Sprichwort)
Drei Töchter und eine Mutter sind vier Teufel für einen Vater! (Soviel zur Abrundung dieser unerquicklichen Betrachtung).