Spiegelsichten

Ist Dir schon mal ein Spiegel zerbrochen? Ich glaube, man sagt, ein solches Ereignis bringe Unglück. Mag sein. Ich bin in der Welt des Aberglaubens nicht so recht zu Hause. Nicht  so recht? Das impliziert „ein wenig“ – vielleicht genauso viel, wie ich zu gestehen vermag. Es ist unvermeidbar, dass man den Aberglauben in sich selbst kennenlernt. Immerhin geschehen Ereignisse auf mehr als eigentümliche Weise – in der Wirklichkeit.

Dennoch: Ein zerbrochener Spiegel gehört nicht zu jenen Objekten, die mir dunkle Gedanken aufzuzwingen vermögen. Wohl aber eröffnet der Blick in einen zerbrochenen Spiegel, dessen Teile sich beim Fall auf den Fussboden in drei Dimensionen asymmetrisch angeordnet haben, sehr fremdartige Sichten – so fremdartig wie die neue Ordnung des Spiegels.

Zugegeben, es ist ein schwieriges Unterfangen, einen solchen Zustand eines grossen Spiegels zu rekonstruieren. Ein teures zudem. Sollte Dir solcherart Unbill dennoch einmal widerfahren, dann fluche. Einmal, zweimal. Und dann nimm Dir Zeit. Schaue hin, und bemerke, was Du entdeckst, und welche Gedanken Dich bewegen.

Spiegel verkehren ihre Sicht der Dinge,

setzen Zeichen,

brechen und schaffen neue Sichten.

Sie sagen damit: Schaue,

Mensch, und bedenke:

Brüche und Verluste – auch das ist Leben.

Sei mutig, Mensch,

und richte Deinen Blick

in die Ferne.

Hier ist Gegenwart,

dort aber die Zukunft.

Vertraue deinem zweiten Blick.

Die Spiegel sagen: Schaue,

und folge Deinen Gedanken.

Sie sagen:

Sei mutig, Mensch!

Schritt für Schritt nach vorn

ist neue Wirklichkeit,

rückwärts gewandt

ist längst gelebtes Leben.