Gesuch an den Bürgerservice einer Partei

Guten Tag!  

Heute nehme ich mir die Freiheit, Sie um Rat zu fragen.

Das Problem: Meine erwachsene Tochter Carola hat eine grosse Klappe, weswegen ich sie Carola magna nenne, und keinen Job. Ich denke, sie sollte ihre rhetorische Begabung vermarkten, und bei aufmerksamer Beobachtung der bundesdeutschen Politik- und Wirtschaftsszenerie eröffnen sich mir beeindruckende Einsichten. Alles läuft auf denselben Punkt zu: Meine Tochter Carola gehört genau dorthin – ihre Welt ist das Statement.  

Ich nehme an, dass Sie mein Anliegen nicht auf Anhieb begreifen. Darum möchte ich mit einigen Beispielen aufwarten, um Ihnen zu verdeutlichen, worum es mir geht, und wo der Nutzen eines Agreements liegen könnte.  

Beispiel Verkehrsminister: Die Mineralöl-Multi´s erhö-hen zu Ostern die Spritpreise. Der Minister wartet zur Vorsicht ab, bis die Aktion abgeschlossen, und die Autofahrer verärgert sind. Dann meldet er sich mit einer Drohung zu Wort – Prüfung durch Kartellamt etc. werden entrüstet hervorgestossen – und jeder denkende Mensch richtet seinen Zorn auf besagten Bundesminister, weil jeder weiss, wie die Preisab-sprachen durchgeführt werden, nämlich unter zwei Ohren am Telefon, mit Zerhacker dazwischen, usw.

Hätte der Verkehrsminister drei Wochen vor Ostern vor der Preistreiberei gewarnt, er würde heute noch dümmer aussehen. Sein Statement danach war schon dumm genug.  

Was hätte nun meine Tochter Carola formuliert?  

„Wir leben in einer freien Marktwirtschaft. Diese ist so frei, dass sie den Multi´s sogar gestattet, die Volkswirtschaft zu schädigen. Daran ist nicht zu rütteln. Es wird mir ein Rätsel bleiben, wieso die Autofahrerlobby nicht wirksamen Widerstand organisiert. Der Boykott einer einzelnen Gesellschaft würde auch die anderen Mores lehren. Die Macht des Konsumenten sollte organisiert werden, und wenn der ADAC das nicht tun möchte, dann kann man seine Mitgliedschaft kündigen. Ich habe das heute getan.“  

Zweites Beispiel: Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, seines Zeichens ein Verbandsfunktionär der alten Garde mit Denkweisen aus dem 19. Jahrhundert fordert mit beeindruckender Regelmässigkeit die Reduzierung der Unternehmenssteuern (erhöht den Unternehmensgewinn), die Reduzierung der Staatsquote (geringere Sozialbeiträge erhöhen den Unternehmensgewinn), die Lockerung des Kündigungsschutzes (Arbeitnehmer feuern erhöht den Unternehmensgewinn), Greencards für alle Branchen (Einsparung von Ausbildungskosten erhöhen den Unternehmensgewinn), Abschaffung der Flächentarife und die Einführung von Niedriglohnklassen (geringere Personalkosten erhöhen den Unternehmensgewinn), und andere derartige Schmankerln. Ich höre dem Mann fasziniert zu – und fürchte um seinen Geisteszustand. Der will wirklich wieder beim Jahr 1890 anfangen.

Seine stereotyp wiederholten Forderungen mögen den Schluss zulassen, dass es den Mitgliedern des BDA ausreichen mag, wenn ihr oberster Vertreter so daherredet, wie er redet. Ich sage immer: Chefs sind halt so. Sie haben ihre Stärke im Ellenbogen; weiter oben wären sie nur hinderlich.  

Und was würde meine Carola daraus machen:  

„Wir können sagen, was wir wollen. Alles ist erlaubt. Nur keine Wiederholungen. Wenn ein Statement benötigt wird, dann sage mir, warum, und ich baue Dir eines zusammen. Aber niemals Wiederholungen. Verwendet man seine Waffe zu oft, verliert die ihre Schärfe. Heute sagen wir das Folgende:

Es ist die innerste Überzeugung des BDA und seiner Mitglieder, dass unser Gemeinwesen nur auf der Grundlage eines sozialen Gleichgewichts zufrieden-stellend funktionieren kann. Das schliesst eine gerechte Verteilung des erarbeiteten Wohlstands mit ein. Die Welt hat sich in den letzten 40 Jahren gravierend verändert, und auch unsere Gesellschaft ist davon betroffen. Die Methoden der 50er Jahre können heute nicht mehr angewandt werden. Die soziale Marktwirtschaft ist neu zu definieren. Der BDA. und insbesondere sein Präsident bemühen sich, gemeinsam mit Politik und Wissenschaft eine Standortbestimmung durchzuführen,  um einen tragfähigen Weg in die Zukunft finden zu können. Die Bundesregierung hat sich bisher diesem Vorhaben verweigert, aber wir sind nicht beeindruckt. Wenn nicht diese, dann wird die nächste Regierung in die Pflicht genommen.“  

So wird Stroh gedroschen, nicht wahr?

Oder nehmen wir den Immer-noch-Präsidenten der Bundesärztekammer. Dieses Ungeheuer ist öffentlich für ein sozialverträgliches Ableben alter und und kranker Menschen eingetreten. Er meint damit: Lasst sie doch sterben, das entlastet das Sozialsystem so, dass die Arzthonorare wieder steigen können. Man hat dieses Statement unter der Hand  als Produkt einer Dementia senilis abgetan, nur wird das dem Sachverhalt nicht gerecht. Der solcherart bekundete Bruch des hippokratischen Eids hat den Betroffenen keinesfalls seine Approbation gekostet. Nicht mal sein Amt war je gefährdet – und die Öffentlichkeit fragt sich zu Recht nach dem Standort der Ärzte, die sich widerspruchslos auf diese Weise vertreten lassen. Immerhin kostet ein Diabetiker monatlich so um 400 Euro; wann wird seine Notschlachtung angeordnet?  

Ja, was hätte meine Tochter Carola in dieser Situation gesagt?  

Vielleicht dieses: „Der moderne Mensch wird alt. Wer 50 Jahre malocht hat, dem gebühren weitere 50 Jahre zum Genuss von Lebensqualität. Das ist gerecht, und zur Verwirklichung dieses Ziel arbeiten Ärzte und die Pharma-Forschung Hand in Hand. Dabei ist für jedermann einsichtig, dass die hohe Lebenserwartung einen hohen Preis hat. Es ist nicht gerechtfertigt, dass nur die jungen Menschen diesen Preis zahlen müssen. Solidarität hat dort ihre Grenzen, wo sie die Existenz des Solidarischen gefährdet. Darum ist es unumgänglich, dass unsere Älteren, sind sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden, im Rahmen ihrer finanziellen Ausstattung ihre Gesundheit mitfinan-zieren. Wir fordern Beitragsfreiheit für Empfänger geringer Renten, und angemessene Beiträge für Rentner mit hohen Einkommen. Und wir fordern die Bundesregierung auf, endlich ihre Hausaufgaben zu diesem Thema zu machen.“  

Datei speichern unter ….. Statement 247.doc – und vergessen. Nie wieder anfassen, das Ding!  

Noch ein letztes Beispiel. Da gibt es einen Haupt-geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Diese Type formulierte, es ginge nicht an, dass Arbeitsfähige ab 56 Rente kassieren, und plädierte für die Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre. Dabei zeigt er sich an der Tatsache, dass ein Arbeitnehmer mit 55 schon ohne Chance auf einen neuen Job ist, gänzlich uninte-ressiert. Die zugrunde liegende Denke scheint zu sein, dass es korrekt wäre, die älteren Leute zu feuern, und sie bis zum 67. Lebensjahr der Langzeitarbeitslosigkeit zu übereignen, die durch Arbeitslosenversicherungsbeiträge und Steuermittel finanziert werden soll. Lässt man sie mit 55 in die Rente gehen, muss die Rentenversicherung, zu einem erheblichen Teil von den Arbeitgebern mitzufinanzieren, für den Lebensunterhalt der Arbeitslosen eintreten.

Dieser Schlauberger scheint beim Präsidenten des BDA in die Lehre gegangen zu sein, bläst nun die Backen auf, und trötet in dieselbe Posaune. Die ministerielle Abfuhr war dementsprechend. Immerhin hatte man seine Stimme vernommen, und auf höchster Ebene nervös reagiert. Was will ein Funktionär mehr? Die Mitglieder des DIHKT werdens zufrieden sein, ihr Mann hat sich Gehör verschafft!  

Und was hätte meine Carola aus der Sache gemacht?  

Wahrscheinlich: War´s das, was Sie beabsichtigten? Ja? Dann haben Sie es gut und richtig gemacht. Sollten Sie jemals etwas anderes im Sinne haben als Wind um die Ecke zu schaufeln, so fragen Sie mich um Himmelswillen, bevor Sie den Mund aufmachen. Alles klar, Doktorchen?  

Sehen Sie, das ist es, was ich meine. Man kann auch dummes Zeug auf einem höheren Niveau reden, aber das ist nun mal nicht die Art deutscher Funktionäre. Ein wenig Kultur täte der Sache ganz gut, aber diese Leute profitieren von einem kulturell hochstehenden Entgeltsystem, aber sie liefern Ergebnisse der finsteren Art, sozusagen Antikultur.  

Ich vermag einzusehen, dass ich gerechterweise nur beurteilen kann, was bei mir hier unten ankommt. So isses. Was aber, wenn bei mir nur Mist ankommt? Soll ich etwa vor dem Radio sitzen, zuhören und dann feststellen: Oh, Mist! Wie schön! Ich liebe diesen Müll, brauche ihn wie das täglich Brot! Weiter so, Herr Doktor XYZ, Sie sind eine reine Freude!  

Nein, das nicht. Dann sind wir uns bis dahin einig. Bleibt nur noch zu klären, warum der Typ in ein Mikro spricht. Ist das billiger als ein Rundschreiben an die Mitglieder? So machts noch einen Sinn. Wenns aber für die Öffentlichkeit gesagt wird: Sollten dann nicht die Regeln der Public relations gelten? Ach, die kennt dort keiner? Gewiss, genauso siehts aus. Und das bringt mich wieder an die Seite meiner Tochter Carola. Sie kennt diese Regeln. Sie kann helfen. Schaden abwenden. Dummköpfe auf ein vernünftiges Ziel ausrichten. Und sie hat ein Schandmaul.  

Also komme ich jetzt zu meiner Bitte. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, was man tun muss, um in einer Partei wie der Ihren, oder einer Gewerkschaft, oder einem Verband arbeiten zu können. Wo sind Pöstchen frei? Bei wem kann man sich bewerben? Wo ist die Not am grössten?  

Wenn Sie mir einen Tip geben könnten, wäre das riesig!  

Das wird nie was. Kein Parteibuch! Es reicht nicht, den Bundeskanzler aus dem Fernsehn zu kennen. Der Bürgerservice ist auch nur dazu da, den eMail-Dreck wegzufiltern, und Werbematerial zu verteilen. Ja, es gibt schon Einzelfälle, bei denen sich ein Bürgerservice um Belange eines einzelnen Bürgers gekümmert hat. Wenns Werbewirkung brachte, natürlich. Oder das private Interesse eines dieser Referenten geweckt war.

Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

 

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