Geblubber

Dementia senilis, zu deutsch: Altersschwachsinn.

Ich denke, man sollte vielleicht nicht darüber witzeln. Sich eher fragen, wie es um den eigenen Verstand bestellt ist.

Ein normaler Mensch tut das natürlich nicht. Er ist sich seiner Sache sicher. Bei ihm ist alles in Ordnung, und das bisschen Vergesslichkeit ist in seinem Alter völlig normal. In seiner Familie sind alle alt geworden, und es gab nicht einen einzigen Fall von Demenz. Wie es sich für eine gute deutsche Familie gehört. Stets gesund an Körper, Geist und Seele, zudem blond und blauäugig, schnell wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl. Das, auch wenn solche Werte heute nicht mehr so sehr nachgefragt werden. Heinrich Himmlers Lebensborn eV hat längst ausge- dient, und wir vermischen uns mit allem, was hier herumläuft und attraktiv aussieht. Sprachlich, gene-tisch, kulturell – jeder kann machen, was er will, und jeder kann kochen, was er kann, man nennt die Dinge nach eigenem Gusto, sollen die anderen sich anstrengen, um MultiKulti zu verstehen, jene Sprachentwicklungsstufe, in der sich Deutsch, Türkisch, Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch vermischen, die Melange mit Comic- und Prolo-Slang gewürzt ist, und zu guter Letzt um Computer- und SMS-Sprüche sinnig ergänzt wird.

Nein, ein normaler Mensch kennt keine Demenz. Nicht in der eigenen Familie, und schon garnicht bei sich selbst.

Bei mir ist das anders. Ich werder im Alter vergesslich. Meines Vaters Bruder hat schon mal den Wäsche-schrank mit dem Klo verwechselt und hineingepinkelt. Oder eine Nacht lang im Besenschrank gestanden, und wurde erst nach dem Frühstück dort entdeckt. Natürlich halte ich mein Büro peinlich in Ordnung. Verbessere mein Ablagesystem ständig – und finde nie ein Dokument, und sei es noch so wichtig. Natürlich konnte ich mir früher mühelos dreissig PINs und vierzig Telefonnummern merken – heute fehlen mir davon schon runde 15 Prozent. Natürlich habe ich nicht in unseren Wäscheschrank gepieselt. Noch nicht.

Natürlich starte auch ich meinen Browser und weiss dann nicht mehr, was ich im Internet eigentlich wollte. Suche aus reiner Verlegenheit nach einem neuen Spiel, hole es und schmeiss es wieder weg, weils mich nicht interessiert, oder weil ich die Regeln nicht kapiere.

Natürlich würde ich meinen Hintern vergessen, wäre er nicht angewachsen. Klar, ich suche ständig meinen Autoschlüssel, und es käme mir nie in den Sinn, mich selbstkritisch zu fragen, ob Autofahren überhaupt einen Sinn macht, wenn es mit den Sinnen immer  dünner wird.

Aber selbstverständlich bin auch ich normal. Und zwar völlig. Das Dumme ist nur: Ich habe vergessen, was normal eigentlich heisst. Der Norm entsprechend vielleicht? Und wenn ja, welcher? Der gesellschaftlichen Norm entsprechend? Welcher Gesellschaft bitte schön? Und wie soll ich eine gültige Norm entdecken, verstehen, in einer Gesellschaft, die so multikulti ist, dass ich schon nicht mehr weiss, ob ich mir für einen Spaziergang ein Kopftuch umbinden und endlos  „Äiii Macker!“ rezitierend eine Paella aus der Hosentasche löffeln soll – das alles strengt mich zu sehr an.

Ich vermute, ich bin normal, aber anders. Moment. Anders normal …. als normal Normale – klingt ziemlich schwachsinnig. Ich muss gleich mal meinen Schlüsselbund suchen. Deshalb habe ich eben mal im Internet nachgesehen – nichts. Nur merkwürdige Seiten wie „Wie hänge ich einen Schlüssel an meinen Schlüsselbund“ und „Wie hänge ich einen Schlüssel vom Schlüsselbund ab“. Ich weiss immer noch nicht, wo ich meine Schlüssel vergraben habe. Das Internet weiss doch nicht alles.

Wenn sich  Beamte und Politiker aus der Staatskasse bedienen wollen, dann machen sie sich ein Gesetz, beschliessen es, und greifen zu. Belege dafür sind beispielsweise das Diätengesetz, das Parteienfinanzierungsgesetz und das Beamtenbesoldungsgesetz mit einem unübersichtlichen Anhang an Durchführungsverordnungen und ähnlichen Verschleierungsinstrumenten.

Ich selbst bin in dieser Frage schon katholisch. Benutze denselben Trick zur ideellen Bereicherung; ich mache mir meinen Standard für Normal selbst, und dann messe ich meinen Zustand an dieser Latte, und siehe: Ich bin tatsächlich wie jeder andere auch stinknormal.

Pass auf. Es ist garnicht so kompliziert. Nehmen wir das Nasebohren. Erstens tut Nasebohren gut, besonders wenn der Rüssel juckt, und zweitens macht es jeder zweite Autofahrer. Also ist Nasebohren normal. Demzufolge darf ich ohne schlechtes Gewissen diese Wohltat geniessen, zumindest während der Autofahrt, ohne Begleitung. Und nun ersetze Nasen-bohren durch Jucken am Hintern und kratzen. Merkst Du etwas? Die Mechanik funktioniert voll. Das ist es, was ich meine. Selbstverständlich mag es Leute geben, die Nasebohren als unappetitlich und unanständig empfinden. Schon haben wir ein weiteres, griffiges Beispiel, nicht wahr? Individuelle Normalitäten existieren parallel. Wo sie aufeinandertreffen, herrscht Spannung, die sich im schlimmsten Fall in einem Krieg entladen kann. Nun gut, ich will weiss Gott nicht behaupten, es würden wegen Nasebohren oder Hinternkratzen Kriege begonnen. Eher kleine, persönliche Konflikte: Kannst Du das nicht lassen, Du altes Schwein? Man kennt das. Toleranz ist, wenn man trotzdem lacht. Ich antworte: Das Schwein lasse ich Dir noch durchgehen, aber wegen des Alt sehen wir uns vor Gericht!

Menschen können ja so unerquicklich sein. Allzuviele Zeitgenossen haben – wie man das bei Green Peace ausdrückt – soviel Charme und Charisma wie das hintere Ende eines ungenehmigten Abflussrohrs. Man möchte böswillig unterstellen, sie seien nicht normal, sondern normacid.

Der Magensaft sollte normacid sein, damit er ein Eisbein auch dann zersetzt, wenn einer den Knochen mitgegessen hat, nicht wahr? Es kann nämlich nicht jeder ein Gewölle hervorwürgen, nur weil er vergessen hat, das Huhn zu rupfen, bevor er daraus ein Ragout zubereitet.

Schliesslich ist zu bedenken, dass es zwischen dem Normalen und der Normalen zu unterscheiden gilt. Über das Normale haben wir uns nun schon reichlich den Kopf zerbrochen. D i e  Normale nennt man in der Mathe das Tangentenlot, nämlich die auf einer Geraden oder einer Kurve an einem vorgegebenen Punkt errichtete Senkrechte. Eine Tangente wiederum ist eine Gerade, die eine Krumme an einem bestimmten Punkt berührt. Tangentenlot.  Da gab es doch einen Lot, der mit seiner Familie aus Sodom vertrieben wurde. Die Polizisten hatten diesen Leuten verboten, zurückzublicken. Nun ist es nur normal, wenn man gerade des Verbots wegen neugierig zurückschaut. Lot´s Weib tat ein solches und erstarrte lotrecht zur Salzsäule. Lot selbst suchte nach seiner Frau und schaute nach hinten – seitdem steht er auch als Salzlecke in der Wüste und bereitet den Kamelen Freude. Senkrecht versalzen steht Familie Lot auf einem Hügel, mathematisch ausgedrückt als Tangenten-Lot. Die völlig andere Art einer Normalen.

Das Auf-ein-normales-Mass-zurückführen nennt man normalisieren. Im allgemeinen kann man so jede Form der Kindererziehung nennen. Strittig ist allerdings noch immer, ob man die Prügelstrafe als kraftvolles Normalisieren bezeichnen darf.  Willst Du nicht ein Normaler sein, dann schlag ich mit dem Rohrstock drein! Insbesondere entfacht das anzunehmende Ungleichgewicht der Kräfte immer wieder neue Diskussionen. Extrem-Normalisierer vertreten dabei den Standpunkt: Das ist mein Kind, und ich kann damit machen, was ich will!

Von der etruskischen Kultur ist nicht allzu viel zurückgeblieben, aber der Begriff Norm gehört zur Hinterlassenschaft dieser Kultur, selbst wenn die Griechen und später die Römer beim Hinterlassen die Finger im Spiel hatten. Seitdem ist dieser Wortstamm prächtig gediehen und hat sogar eine Norma Jeane Mortensen hervorgebracht, die wir als Marylin Monroe erlebt haben.

Bis dahin ist alles im grünen Bereich, alles normal. Insbesondere das Erklärungsschema für Normal ist normal. Ich bin normal, obwohl ich meinen Schlüsselbund immer noch nicht gefunden habe, ich ihn im Internet suchte, was eher paranormal erscheint, nach Deinen Massstäben gemessen, und ich fühle mich dabei und trotzdem  einfach – gut.

Und genau genommen bin ich der Meinung, dass Menschen weder normal noch anormal sein können, oder gar sollten. Dinge – ja.  1 Meter = 10 Dezimeter = 100 Centimeter. Alles bestens, das muss so sein, schon wegen des Milchkaufens.

Normal sein ist eine undefinierbare Grösse kollektivistischer Werte, kein Normalmass für Menschen, sondern eine subjektive Beurteilung von Sichtweisen. Der Mensch ist ein Idividuum, ein Unikat, mit nichts als sich selbst zu vergleichen – so etwas wie prim:

(HOTmail-mail)/HOT=1

Das ist  der Unikatsbeweis.

Ein Mathe-Lehrer: Leerer Scheiss!

Nichts weiter als nur Schabernack.

Nur leeres Stroh im Jutesack.

Ist schliesslich auch nicht ernst gemeint,

Mathematik ist eh mein Feind,

beweist mir stets dass ich zu dumm,

bei Zahl und Formel bleib ich stumm.

Doch  Z a h l e n  ist stets meine Sache –

Es scheint, s’war meines Weibes Rache!

(Priamel, Spruchgedicht): Risum teneatis amici!

Verkneift Euch das Lachen, Freunde! (Horatius, de arte poetica)

Und meinerseits, ganz privat: Nichts als Angeberei. Ein Schuft, der Böses dabei denkt!