Rentner

Gerade hatte Ostern stattgefunden. Es waren wie in jedem Jahr gleich zwei Feiertage, die man nicht geniessen kann, weil sie sich nur dadurch von Nicht-Ostern unterscheiden, dass alle Geschäfte geschlossen sind, und man kein Klopapier kaufen kann, wenn man es dringend benötigt. Zugegeben: Das ist die Sicht des Pensionisten. Diese Gattung Mensch wird von jenen, die einer regelmässigen Arbeit nachgehen müssen, beneidet und gefürchtet, oft verspottet, aber nie bedauert.

Rentner werden gefürchtet, weil sie den übrigen Menschen stets im Wege sind. Die ersten beim Arzt, beim Friseur, beim Einkauf – Rentner sind immer vorneweg, denken einfach nicht dran, dass Berufstätige die kurze Zeitspanne zwischen Frühstück und Arbeitsbeginn nutzen müssen, um Dringendes zu erledigen. Da sitzen Dir die zahnlosen Grauen Panther vor der Nase und gebärden sich, als würden sie wichtigste Termine verpassen, nörgeln herum, und was ist? Sie möchten um zehn in der Früh´ schon wieder auf ihrer Couch liegen, wo sie dann eine kleine Runde Schlaf abbeissen – ohne zu bemerken, dass sie ausgeruht wären, schliefen sie des Morgens richtig durch und gingen um 10 zum Doktor, wenn der malochende Teil dort ist, wo die Rente der Alten zusammenverdient wird.

Rentner werden verspottet, weil sie – wie Kranke auch – nie Zeit frei haben. Dummerweise ist das sachlich sogar richtig. Selbst wer nichts tut, hat keine Zeit – Rentner leben einen anderen, ihrem Job angepassten Rhythmus, genau wie der Berufstätige. Wer 45 Jahre lang in den Sielen hing, hat es zu einem bedingten Reflex entwickelt, den Tag einzuteilen, ihn mit dem anzufüllen, was anliegt. Es beginnt damit, dass man bis um halb zehn pennen kann. Dann macht man Frühstückspause und liest die Zeitung, dazu benötigt man anderthalb Stunden. Gegen elf schliesslich stellt man fest, man müsse sich sputen, um das Wichtigste einzukaufen. Der Rentner tritt an die Öffentlichkeit – und legt Nervosität und Ungeduld an den Tag. Kritische Beobachter spotten über den Spinner. Der aber hechelt so schnell, wie´s noch geht, nach Hause und beginnt umgehend, Kartoffeln zu schälen und die Bohnen zu putzen; schliesslich ist um halb eins Essenszeit. Nach dem Aufklaren der Küche hat es ihn dahingerafft; zwei Stunden Schlaf sind nicht zu vermeiden, sonst wirds mit dem Fernsehn am Abend nichts. So gegen vier bleiben ihm gerade mal noch zwei Stunden, um ….. sagen wir mal, um zum Zahnarzt zu tippeln, weil seine dritten Zähne immer noch drücken. Dort trifft er dann auf die Berufstätigen und den angesprochenen Interessenskonflikt.

So wird die Zeit danach bis zum Beginn der Abendnachrichten im Fernsehn schon wieder reichlich knapp. Und in einen solchen Tagesablauf sind nicht eingerechnet die Zeit zum Dorftratsch, die Reparatur des Krückstocks, der Streit mit dem Nachbarn, das Bekämpfen von Ameisen in der Küche, das Arbeiten mit Müll und Kompost uvam.

Unklar bleibt dabei, wie er das früher alles neben seinem Job geschafft hat.

Rentner werden nicht bedauert, obschon sie weder Urlaubstage noch Feier-, Sams- und Sonntage kennen. Die Rentenversicherer zahlen weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld, keine Überstunden, keine Leistungsprämien – nichts, nada, niente, nitschewo.

Das Rentnerleben verläuft immer egalweg. Wenn Pensionäre am Einkauf gehindert, weil mal wieder alle Läden geschlossen sind, betrachten sie das als unzulässige Einschränkung eines Grundrechts, etwa des Rechts auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Und keiner tut etwas für sie.

Darum plädieren sie mit grosser Mehrheit für die Liberalisierung der Ladenschlusszeiten in der finsteren Absicht, wegen Zeitmangels tagsüber dann in den Abendstunden einzukaufen, wenn der arbeitende Teil der Bevölkerung die Supermärkte und Registrier-kassen belagert. Immer vorneweg, und jeden Preis der acht Artikel mit der Kassiererin diskutieren, Vergleiche mit den Preisen von 1923 können dabei erhellen, wo es in unserer modernen Gesellschaft im Argen liegt.

Rentner werden verachtet. Sie arbeiten nicht, kassieren aber. Sie wollen nicht auf die Enkel aufpassen, aber respektiert werden. Sie wollen kein Kassenwart im Sparclub sein, aber sechs von 12 Monaten auf Reisen. Sind sie nicht auf Achse, dann werden sie gewiss krank und belasten die Krankenkassen bis an die Grenze der Beitragserhöhung. Ihre volkswirtschaftlich relevante Funktion ist das Einschleusen ihrer Monatsrenten in den Geldkreislauf. Dabei sind sie allerdings unentbehrlich.

Wartet es getrost ab. Ihr kommt auch noch dran. Und ich werd´nimmer sein!

Für diesen Fall halte ich es mit Theodor Herzl:

Macht mir keinen Ärger, während ich tot bin!