Menschen in ihrer Hölle (Tatsachenbericht)

Man sollte meinen, die folgende Story hätte längst einen guten Abschluss gefunden, müsste aufgearbeitet und ad acta gelegt sein, aber nein. Eine höhere Instanz hat anders entschieden. Der Zeitpunkt für den Schlusstrich wird anderweitig bestimmt. Das Erleben von Menschen in grosser Not beeindruckt sehr nachhaltig.  

Man hatte mir ein Urteil verkündet, daraus folgend war die „Umbettung“ aus einer Privatklinik in ein Hamburgisches Krankenhaus entschieden worden. Die befristete Aufbewahrung im Fachbereich Onkologie, zurückhaltend „Lungenabteilung“ genannt, wurde ohne Befragung des Betroffenen eingeleitet.

Der Grund: In der Onkologie wird dauernd gestorben, da passt der Patient hin. (O-Ton 2 Ärzte)  

Man stelle sich den Umzug aus einem Hotel der INTERCONTI-Klasse in einen Knast der Santa-Fu-Klasse vor. So jedenfalls habe ich den Klinikwechsel wahrgenommen. Dieser Abstieg in eine kleine Hölle hatte 24 Stunden ungläubiges Schweigen zur Folge. Erst dann war der Schock überstanden, Galgenhumor gewann schliesslich wieder die Oberhand. Neugierde breitete sich aus wie eine Seuche; immerhin war zu klären, wo verdammt noch mal ich angespült worden bin. Die Inventur dauerte einige Tage an. Die Resultate waren beeindruckend.  

Ich setze hilfsweise ein Modell an, wenn Sie wollen, nennen Sie es ein Bild: Ich war zu drei Wochen in Ihrer Abteilung verurteilt. Fragte man mich heute, wo ich hinmöchte, dann sagte ich: Drei Wochen Knast sind besser!  

Dort sind die Flure sauber und aufgeräumt. In der Klinik dagegen sind die Flure sauber – und Lagerplatz für allerlei Mobiliar, medizinische Gerätschaften sowie volle und leere Kartons; in dieser bizarren Szenerie bewegen sich behende die Weissgewandeten, und träge die Bunten – deren Pyjamas, Jogginganzüge und Bademäntel bringen immerhin Farbe in die Düsternis. Man versteht zunächst nicht, was Farbe an diesem tristen Ort zu suchen hat.

Im Knast hat man sein eigenes Klo in der Zelle. In der Klinik liegt die Gemeinschaftstoilette am Flurende, mit zwei Kabinen, für ca. 35 Patienten, und diese sind stets in einem unbeschreiblichen Zustand.  

Immerhin gibt es einen Aufenthaltsraum, sogar mit TV. Resopal und Sperrholz beherrschen das Zimmer, Zeitungsreste und verwelkte Blumensträusse komplet-tieren das Interieur – Benutzer fehlen meist. Man trifft sie dort zuverlässig nur am Samstagabend – der Sportschau wegen. Zu jeder anderen Zeit sitzt man hier etwa so gerne wie etwa auf einem Pappnagel.  

Die Krankenzimmer halten keinem Vergleich mit einer Knastzelle stand, hat dort doch der Insasse die Möglichkeit indiviueller Ausgestaltung. Eine Zwei-Personen-Zelle ist mit zwei Personen belegt, und alles hat seine Ordnung. Nicht so in der Klinik. Ein Zwei-Personen-Zimmer ist planmässig mit drei, gelegentlich mit vier Betten ausgestattet. Kompromisse sind vonnöten; der Tisch muss raus (natürlich auf den Flur), die Stühle werden in die Ecken gestellt, die Betten längs an die Wände links und rechts gerückt, und siehe – schon passt´s. Nur mit der Optik hapert es wieder einmal, es sieht halt aus wie in einem Möbellager, in dem sich Jammergestalten unrecht mässig breitgemacht haben. Immerhin bleibt Platz für die unsäglichen blechernen Beistellschränkchen und 30er Spinde.  

Bei der Waschgelegenheit hat man den Charme der zwanziger Jahre über ein Dreiviertel-Jahrhundert in die Gegenwart hinübergerettet. Es gibt ein Waschbecken mit Vorhang, und zwei Handtuchhaken für drei bis vier Patienten.  

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich, auf welche Weise die Freie und Hansestadt Hamburg einen täglichen Pflegesatz von 486 Mark rechtfertigen würde, könnte man einen Verantwortlichen dazu befragen. Wichtig zu wissen: Der Pflegesatz entspricht dem Preis für die Vollpension in Hotels; medizinische Leistungen jeglicher Art werden gesondert, also zusätzlich abgerechnet.  

Natürlich sind die Planstellen für Ärzte und Pflegekräfte zu knapp bemessen. Ein Streik im öffentlichen Dienst verschärft die Situation auf der Station, Nervosität ist ständiger Begleiter der Weisskittel. Die Behandlung der Patienten ist effizient und sachlich – und auf den Krebs gerichtet. Was sich um das Karzinom herum befindet, bleibt so lange Nebensache, bis die Chemo ihre verheerende Wirkung auf den Rest des Körpers auszuüben beginnt – man nennt das dann Nebenwirkungen.

Die seelische Not bleibt des Kranken Privatangelegenheit, ist störend und überfluessig. „Lassen Sie sich nicht so hängen! Sooo werden Sie nie gesund!“.  

Das Küchenpersonal bietet, was Ärzte und Pflegepersonal vermissen lassen, nämlich Warmherzigkeit und Fürsorge. So geraten die Mahlzeiten zu wirklichen Highlights des Tages.  

Merkwürdigkeit:

Fraglos ist das Rauchen verboten. Aber es wird ausserhalb des Gebäudes geduldet. So vereinen sich die Karzinome mit den Tuberkulosen und den Verpilzten zu einem Tabak-Kolloquium – die Atem- masken abgelegt – und nötigen dem Neuling Staunen ab über die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Eigentümer erkrankter Lungen ihre Organe soliden Härtetests unterziehen.  

Zusammengefasst:

Das also ist das Umfeld, in dem man gesund werden, oder sterben soll. Man – das sind mehrheitlich die Lungenkrebse, die offenen Tuberkulosen und Lungenmykosen. Und das bin ich, ein Unikat. Wie selbstverständlich werde ich in die Gruppe der Krebskranken integriert, es wird meine Kranken-geschichte abgefragt, mit Aha und Achso kommentiert. Beinahe peinlich, bekennen zu müssen, dass kein Krebs vorliegt, keine OP, keine Chemo- oder Strahlentherapie ansteht. Frage: „Ja sach man! Was machst Du dann hier?“ Antwort: „Mal sehen. Vielleicht sterben, vielleicht leben.“ Man will ja auch ein bisschen prahlen ….. dann der Ruck: „Wieder auf die Füsse kommen!“

Kommentar eines Lungenkrebses: „Tja!“  

Statistik: Bronchialkarzinom – Letalitaet 90 % in den ersten 5 Jahren.  

Die Patienten:  

Sie treffen sich auf der Krebsstation und ordnen sich in der Regel problemlos in eine Gruppe ein, die herkömmliche Schranken ignoriert, ohne andere zu entwickeln. Der Krebs verbindet – und es interessiert nicht mehr, woher man kommt, und welche Automarke man fährt. In Notgemeinschaften gelten bessere Regeln als in der Überfluss-Gesellschaft draussen – vor allem anderen ist jeder ein Mit-Leidender, der Respekt und Zuwendung verdient. Und es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass man mitfühlt. Alte Bekannte werden zur dritten Chemo so herzlich begrüsst, dass es anrührt. Derbe Witze über den erbärmlichen Zustand des gerade Angekommenen verdecken Erschrecken und das Aufkommen von Angst. Überdies wird stets Zuversicht zur Schau getragen. Durch Versachlichung des Sterbens wird die Drohung auf Distanz gehalten. Es braucht seine Zeit, bis man den Zweck der Methode begreift: Sie lässt es immerhin zu, den Rest der Lebenszeit in Würde leben zu können.  

Begegnungen, eine Auswahl:  

Merkwuerdig, dass ausgerechnet Herr M. – gestraft mit Alters-Demenz – auf eindrucksvolle Weise Würde demonstrierte. Nach seiner Ankunft hatte man ihn in einen gestreiften Pyjama gesteckt. Er hat täglich Ausbruchsversuche inszeniert, indem er sich ankleidete, nicht ohne seine Krawatte mit einem korrekten Windsor-Knoten zu binden, seinen Koffer ordentlich zu packen, den Stockschirm unter den Koffergurt zu schieben, um dann mit der Erklärung, seit heute sei Krieg und er müsse nach Deutschland zurück, Richtung Taxistand beim Krankenhauspförtner   zu verschwinden. Am dritten Tag war er für immer weg; er ist krebskrank in einer Psychiatrie gelandet. Man hat einem Menschen seine Würde gewaltsam genommen, ihm verweigert, sein eigenes, skurriles Leben bis zum nahen Ende weiterzuleben. Die Welt, in der er lebt(e?), ist uns fremd. Das schafft Akzeptanzprobleme. Denkwürdig: Auch bei den weissbekittelten Medizin-Robotern. Es scheint, die Medizin dient nicht dem Patienten, sondern der Patient ist für die Medizin da. Jeder Fall ist interessant, bringt die Schulmedizin voran. Nur: Von Dementen ist nichts zu holen.  

Zur selben Zeit stirbt nebenan ein Türke, Herr G. Familie und Freunde versammelten sich in jener Nacht, um Herrn G. das letzte Stückchen Weges zu begleiten. Es war zu vermuten, dass er nicht mehr in der Lage war, die Anwesenheit seiner Familie wahrzunehmen. Am frühen Morgen waren Herr G. tot und seine Familie gegangen. Über den Vormittag hinweg herrschte auf dem Flur betroffenes Schweigen.  

Kurz vor dem Mittagessen erschien krakeelend Herr S. Er schleppte seinen durch Metastasen gepeinigten Körper anhand zweier Gehhilfen, Krücken genannt, über den Flur zum hinteren Fenster, dem „Kommunikationszentrum“ der Abteilung. „Ich hole mir nun die 4. Chemo ab!“, verkündete er, und legte eine Zuversicht an den Tag, die in totalem Gegensatz zu seiner körperlichen Verfassung stand. Offenkundig war er ein Platzhirsch, wurde als solcher respektiert, und hatte einen Stammplatz direkt am Fenster. Ein Vieraugen-Gespräch liess erkennen, wie fragil die zur Schau getragene Fassade doch war. Herr S. hatte sein Leben „abgehakt“, er wartete auf das Ende.  

Herrn A., einem Türken, verengt ein Karzinom jene Aorta, die den Kopf versorgt. Die Onkologen schienen ratlos, der Mann verlor täglich ein kleines Stückchen Leben. Der Mann war mein Bettnachbar.

Ein grosser Esser vor dem Herrn, verdrückte er seine Klinik-Ration und zusätzlich Berge von Essen, die seine Frau ihm kochte – türkische Küche natürlich. Frau A. schien gänzlich in ihrer muslimisch empfundenen Rolle als Frau gefangen zu sein. Nur einmal hat sie mir in die Augen gesehen, als sie eine Essensration brachte und ihren Mann nicht in seinem Bett vorfand. Mit Panik schaute sie mich an und fragte  leise: „Wo Mann?“.

Seltsam, dass diese Szene so sehr betroffen machte. Wie auch jene, als Herrn A.´s Sohn mit seinen Kindern erschien, um seinen Papa mit Enkeln und mit Mama zu fotografieren. Zu mir gewandt bemerkte der junge Mann, es wäre schon komisch, dass er ins Krankenhaus gehen müsste , um seinen Papa zu fotografieren, anstatt die Familie zu Hause abzulichten. Ich kann sein lachendes Gesicht mit den traurigen Augen nicht vergessen …..

Herr A. berichtete zuverlässig, wer ihn gerade besucht hatte. Es schienen alle Mitglieder seiner Familie, seine Verwandten und seine Freunde und Arbeitskollegen gekommen zu sein. Gewiss nahmen sie Abschied; zuvor hatte man ein Gespräch mit den Ärzten geführt und erfahren, dass man nichts mehr tun könne.  

Da war auch Herr R., ein Hamburger Rentner, der nach einer harten Chemo den Kern seines Karzinoms nicht losgeworden ist. Noch während das Ärztekollegium über eine erweiterte Chemo, einen Crossover beriet, entdeckte man auf der anderen Lungenseite eine Metastase. Seine Ehefrau sass, während er zu einer Untersuchung abkommandiert war, in meiner Nähe und weinte, fragte ausgerechnet mich, was sie nun tun sollte. Mir war danach zumute, mitzuweinen. Ich habe den Tag verflucht, an dem man mich in diese Abteilung gesteckt hatte.  

Wenige Tage später traf man auf dem Flur auf einen weinenden jungen Mann, der gerade angekommen war und sich weigerte, seine Strassenkleidung abzulegen. Bei einer Routine-Untersuchung hatte man einen Krebs auf der Lunge entdeckt. Er schien nicht zu begreifen, warum er hier war, warum ihm dieses Übel widerfahren ist, und warum seine Frau noch nicht gekommen war. Tage zuvor war er zum ersten Mal Vater geworden. Meine Versuche, ihn zu trösten, ihm Mut zu machen, ihm zu erklären, blieben erfolglos.  

Man beginnt, den Krebs zu hassen, wie man seinen schlimmsten Feind hasst – ein Alarmsignal: Zu geringe Distanz, so kann man die restliche Zeit nicht ohne Schaden überstehen.  

Das Schicksal ist gnädig – es schickte auch Herrn S. Nummer zwo. Gediegener Hamburger, im Rentenalter, leidenschaftlicher Schlepper-Kapitän und Optimist der Spitzenklasse.  „Een Lungenfleugel is rut! Nu ward das allns gaut!“ Seine OP hatte er weggesteckt wie´n Schnöf, und nun war wieder leben angesagt. Als ich ihm meine Affinität zur Schiffahrt offenbarte, hat er mir einen – wie mir schien ziemlich kompletten – Lehrgang zur Antriebstechnik für Hafenschlepper verpasst, interessant dargestellt, und vergnüglich obendrein. Wo immer er sein möge: Danke für alles, Kaptein!  

Irgendwann – die Uhr dreht sich halt unaufhaltsam – war meine Zeit um. Ich wechselte in ein anderes Universum. Der ersten Freude folgte Verwunderung, dann Wiedererkennen: Oh!. Die gibt es ja auch noch, die Welt draussen. Nichts vom Sommer mitgekriegt, aber es wird sicher einen neuen geben, nächstes Jahr! Aber halt nicht für jeden ….. von uns ….. Scheisse!  

Polemik:

Möchtest Du erfahren, welchen Wert ein Menschen-leben hat? Dann sprich mit Todkranken über Leben, Krankheit und den Tod, höre genau zu, und achte auch auf das Ungesagte. Höre aber nie auf Leute, die ein „sozialverträgliches Ableben“ Kranker als Teil einer Reform des Gesundheitswesens empfehlen; ehrlich formuliert lautet ihre Botschaft nämlich:  

Lasst sie sterben, das spart!  

Asoziales Verhalten ist weniger bei den Berbern auf der Platte zu entdecken, aber man findet es weitverbreitet in den Chef-Etagen. Auch bei der Bundesärztekammer. Dort ist anscheinend der Hippokratische Eid zur Beliebigkeit degeneriert.  

Alles nicht wahr? Ich bin nur ein kleiner, dummer Patient? Einer von den Nörglern, die alles wissen, schlimmer, die verstehen wollen? Korrekt. Das bin ich. Gott sei Dank.

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