Ich und Du und alle

Rodin „Der Denker“

Ich kenne ein paar Leute, mit denen ich keinesfalls befreundet sein möchte. Mehr noch: Einigen anderen gehe ich aus dem Weg. Die Gründe dafür sind hier nicht von Belang, lediglich die Tatsache, dass es so ist, wie es ist.

Unsere Welt ist ein Dorf. Jeder kennt einige, oder gar viele andere. Intuitiv haben wir die uns bekannten Menschen mit einem Wert belegt, der – vereinfacht gesagt – positiv oder negativ sein kann. Nochmal: Gründe spielen hier keine Rolle, ebensowenig die Frage nach Gerechtigkeit  und ähnliches.

Denken wir über unsere Wohnungstür hinaus, so registrieren wir ein weltweites Geflecht von Sympathien und Antipathien, mit Milliarden von Knotenpunkten namens Mensch, ein Geflecht, das in einer Art Schneeball-System entstanden sein muss.

Man kennt einige, und die kennen wieder andere, die noch andere kennen usw. Es gibt nur noch wenige Inseln, in denen Menschen ohne Aussenbeziehung leben, und deren isolierte kleine Welt vom globalen Netz aus positiven und negativen Beziehungen abgekoppelt geblieben ist.

Anders verhält es sich mit der individuellen Betrachtung, und der dualen, der Mensch zu Mensch-Beziehung.

Darf man Menschen ablehnen und dennoch für sich beanspruchen, Philantrop zu sein?

Anders: Es ist in Mode gekommen, dass kritische Medien zuhauf über menschliche Fehlleistungen bis hin zu unmenschlichen Handlungen in epischer Breite berichten. Dies gleicht einem unablässigen Aufruf wie „Schaltet ROT für X!“, und wir leisten dem Aufruf Folge. Wir entwickeln dabei eine Gefühlswelt, die von schlichter Ablehnung über Verachtung bis zu Hassgefühlen reicht; aber darf ein Menschenfreund andere Menschen ignorieren, verachten, hassen?

Das Dunkle im Menschen existiert. Es hat seine Ursache im Egoismus und steht nur scheinbar in direktem Widerspruch zur Humanität, jener Grundhaltung, die auf Menschenwürde, Toleranz und Empathie fusst.

Das hier vermutete Dilemma ist aufzulösen, indem man auf zwei Ebenen nachdenkt; es sind eine kollektivistische und eine individualistische Seite des Problems zu betrachten.

Der Humanist liebt die Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, akzeptiert sie als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Seine persönlichen Bezugspersonen wählt er allerdings sorgfältig aus, indem er beachtet, wer von wem rot oder grün erhalten hat, und wen er selbst rot oder grün geschaltet hat.

Die Auflösung des konstruierten Widerspruchs liegt also in der Differenzierung zwischen Kollektiv und Individuum. Beide Einheiten existieren parallel, haben unterschiedliche Ziele und weisen andersartige Organisationszustände auf.

Wir müssen die menschliche Gemeinschaft so akzeptieren, wie sie beschaffen ist. Wir können uns eine andere wünschen, werden sie aber nicht erhalten. Wir können nirgendwohin konvertieren.

Aber wir können mit einer positien Grundhaltung und durch Praktizieren eines menschenwürdigen Wertesystems zur Verbesserung der moralischen Grundlagen unserer Gesellschaft beitragen. Auf diese Weise schaffen wir ein Orientierungssystem für den Einzelnen.

Zugleich aber haben wir jedermanns Persönlichkeitsrechte zu respektieren und seine Ansichten so lange zu tolerieren, wie sie die innere Harmonie der Gemeinschaft nicht stören.

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