Die „Prominenz“

Möglicherweise ist es erforderlich, über Jahre, vielmehr über Jahrzehnte eine Technik der selektiven Wahrnehmung so zu verinnerlichen, dass sie sich zum bedingten Reflex entwickelt – erst dann ist man reif für eine Spitzenposition in der Politik.

Selektiv nimmt man sich dann nur noch selbst wahr, und hilfsweise jene, die der eigenen Sache dienlich sind, oder die der eigenen Sache schaden. Eine Milliarde Menschen kann nur noch als „Material“ erkannt werden, das wahrzunehmen eine unnütze Belastung sein würde, und jener Teil davon, der dieselbe Nationalität besitzt wie man selbst, ist maximal als „Wählermaterial“ nützlich. Affen gleich bekommt das Wahlvolk Zucker, wenn es mal wieder an der Zeit ist.

Hast Du mal Prominente auf freier Wildbahn beobachtet? In der Öffentlichkeit tragen viele einen hochroten Kopf auf dem Halse, weil es so verdammt anstrengt, Eindruck zu machen, und sie gehen, als hätten sie sich einen fürchterlichen Wolf gelaufen –Karrikaturen ihrer selbst!

Wie hat mich ein 78jähriger Schauspieler beeindruckt, der morgens um halb acht an der Flughafen-Bar auftauchte und brummte: Mann, reich mir sofort einen 3-fachen Bourbon rüber, ich hab´ vielleicht einen Brand!

Zwei Film- und Theaterschauspieler/innen , also eine Sie und ein Er in der Flughafenbar. Ich sitze am Nachbartisch. Sie unterhalten sich – in Theatersprache, also besonders laut, besonders deutlich, sodass man auch in der hinteren Reihe ihren Dialog ohne Anstrengung mithören kann. Ich hatte beide beriets in Action gesehen, war deshalb verblüfft:
Spielen sie nun als Private ihre Rolle weiter, oder spielen sie ihre Rollen so, wie sie privat gehäkelt sind? Um ehrlich zu sein, ich weiss es bis heute nicht.

Infame Menschen glauben festgestellt zu haben, dass manche prominente Schauspieler keine solche sind, sondern nur sich selbst spielen können. Dann besteht deren Leistung also darin, erstens einen Haufen Text zu lernen, diesen zweitens korrekt in Handlungen wiederzugeben, und drittens 60 Vorstellungen en suite durchzuhalten, und das vielleicht ein Arbeitsleben lang. Ein Facharbeiter bewältigt eine ähnliche Aufgabe, wird aber nicht prominent. Daraus ergibt sich: Verkaufe schönen Schein, und Du wirst beneidet und bewundert.

Ich sage Dir: Lass‘ sie. Schau sie Dir an, und erfreue Dich daran, wie sie sich zum Affen machen, sich für wichtig bis unentbehrlich halten, wie sie im Understatement von Politik oder Kulturbetrieb reden und sich selbst für unverzichtbare Träger der Kultur halten, wie sie Anordnungen für ihren Tod treffen, die weit jenseits des guten Geschmacks liegen – das alles ist doch wirklich komisch, oder? Eine Reality soap, oder?

Die Hälfte der Promi’s bringt eine derart absurde Normalität – gut, ich lasse mit mir streiten, ob die persönlich erlebte Prominenz statistisch signifikant sein kann. Wohl nicht.